An der Wasserstrasse in Basel klingelt es. Als die Bewohner öffnen, drängen schwarz gekleidete Personen hinein. Sie tragen Motorradhelme, Schutzschilde und Holzlatten. Der Vater wird mit Klebeband gefesselt, die Mutter an den Haaren aus der Wohnung gezerrt. Drei Kinder schreien aus Angst und wegen des Gases aus den Pfeffersprays – dann werden sie ebenfalls aus der Wohnung bugsiert. Schliesslich beginnen die Vermummten die Einrichtung zu zerstören. Der Vorfall ereignete sich am 20. März 2016 und hat nun Konsequenzen. Am Montag stehen zehn Angeklagte vor Gericht. Die Basler Staatsanwaltschaft wirft ihnen unter anderem Freiheitsberaubung, Entführung, Raub und Angriff vor.

Die Staatsanwaltschaft hat einen wichtigen Beweis: Videoaufnahmen einer versteckten Kamera, die das Paar installiert hatte. Das Video fand nun den Weg ins Internet. Gemäss dem Anwalt der Angeklagten, Andreas Noll, habe das Künstlerehepaar das Video widerrechtlich angefertigt. Er sieht in der Veröffentlichung eine Vorverurteilung seiner Mandanten. Auch wurde die Anklageschrift im Internet veröffentlicht – offenbar ebenfalls von den Künstlern.

Basler den Russen zu spiessig

Beim Paar, das aus der Wohnung geprügelt wurde, handelt es sich um die russischen Künstler Oleg Worotnikow und Natalja Sokol. Die beiden sind Gründungsmitglieder des Kollektivs Voina. In Russland ist es mit staatskritischen und provokativen Aktionen bekannt geworden. Ein Teil hatte sich abgespaltet und die Punkband Pussy Riot gegründet. In die Schweiz kamen die Künstler auf Einladung des «Cabaret Voltaire». Sie blieben mit den drei Kindern in der Schweiz – aus Angst vor Verfolgung. In der Wohngemeinschaft Gnischter erhielten sie eine Bleibe. Dies in einem Haus, das die Besetzerszene vor dem Abriss gerettet hatte. Doch sie lebten eine Form der Anarchie, die den Baslern zu weit ging. Aus Sicht der Russen waren indes die Basler Spiesser.

Natalja Sokol zeigt ihre Verletzungen nach dem Angriff der Linksautonomen.

Natalja Sokol zeigt ihre Verletzungen nach dem Angriff der Linksautonomen.

Die Mailnachricht einer Leiterin des Vereins Wasserstrasse an die Familie illustriert den Konflikt: «Ihr zerstört unsere Gemeinschaft im Haus. Ich brachte euch hierher in der Erwartung, intelligente Leute zu beherbergen, die minimalste Anstandsregeln befolgen. Aber offensichtlich wisst ihr nicht einmal, dass man nicht dort scheisst, wo man isst.»

Das russische Paar trieb das Wohnsystem an der Wasserstrasse ad absurdum, indem es die Wohnung einfach besetzte. Die Bewohner, einst selbst Besetzer, die sich gegen eine polizeiliche Räumung wehrten, drohten der Familie mehrmals die Räumung an. Da es dem Prinzip der Autonomen widerspricht, die Polizei zu holen, schritten sie selber zur Tat – und stehen nun vor Gericht.