Was haben Susanne Leutenegger Oberholzer und der Papst gemeinsam? Sie beide nutzen soziale Netzwerke, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern und sich im Internet Präsenz zu verschaffen. Und was für internationale Meinungsmacher gilt, gilt auch für die Region. Besonders im Wahlkampf lohnt es sich, das virtuelle Profil der Anwärter für einen Sitz im nationalen Parlament genauer unter die Lupe zu nehmen. Die bz hat je 15 Topkandidaten aus Stadt und Land für die Nationalratswahlen vom 18. Oktober und deren Auftritt im WWW untersucht.

Grundsätzlich ist festzuhalten: Von den 30 ausgewählten Kandidaten sind 25 auf Facebook politisch aktiv, 18 nutzen Twitter, und 24 haben eine aktuelle eigene Website. Das wird auch zunehmend wichtiger: «Social Media sind mehr als Likes und Followers, sie bieten ein Meer an Chancen», sagt Politikberater Mark Balsiger. Er hat mehrere Bücher zum Thema der politischen Kommunikation verfasst. «Während traditionelle Medien nur die Einweg-Kommunikation ermöglichen, bieten Social Media mehr: einen echten Dialog», sagt er.

Dass sich Politiker nicht mehr nur auf die traditionelle Berichterstattung verlassen, sondern selbst das mediale Ruder in die Hand nehmen, beweist die Basler Nationalrätin Silvia Schenker (SP). Auf Twitter hängen ihr über 1400 Follower an den Lippen, auf Facebook tauscht sie sich mit potenziellen Wählern aus, und auf ihrer Website hält sie einen eigenen Medienspiegel à jour.

Warum dieser Mehraufwand? «Ich habe vor einiger Zeit festgestellt, dass ich in den Medien wenig Resonanz erhalte», sagt Schenker. «Ich finde es aber wichtig, dass die Wähler erfahren, was ich in Bern mache und wie ich sie vertrete», sagt sie weiter. Die 61-Jährige hat sich zuerst insbesondere Twitter verwehrt, «inzwischen macht es mir aber Spass, mich auch mal über ein Fussballspiel in der virtuellen Welt zu unterhalten.»

Eine Betrachtung ihrer Konkurrenz in der Stadt zeigt: Es sind mehrheitlich Frauen, die sich auf sozialen Netzwerken Gehör verschaffen, und viele davon sind eher dem linken Spektrum der Politik zu zuordnen. Sibel Arslan, Mirjam Ballmer (beide Grünes Bündnis), Sarah Wyss (SP) oder Martina Bernasconi – sie alle machen im Internet für ihre Politik Stimmung.

Auf bürgerlicher Seite ist weniger Präsenz auf den genannten Plattformen auszumachen. Gerade einmal 68 Follower kann SVP-Kandidat Patrick Hafner in die Waagschale werfen. Immerhin zeigt er sich auf Facebook sehr umtriebig. Präsident Sebastian Frehner verhält sich hier zurückhaltend, einen Twitter-Account besitzt er nicht. Noch rarer macht sich Christoph Eymann: Der LDP-Kandidat unterhält nicht einmal eine eigene Website. «Dazu fehlt mir die Zeit», sagt er. Das Amt als Regierungsrat bringe ein gewisses Mass an Bekanntheit mit sich. «Zudem gelte ich in der realen Welt nicht als unnahbar und setze stärker auf den Austausch im direkten Gespräch», sagt Eymann.

«Gehört einfach dazu»

Wie Eymann setzt auch Nationalrat Thomas de Courten, im Baselbiet der Spitzenkandidat der SVP, stark auf persönlichen Kontakt. «Für mich ist der Wahlkampf auf der Strasse sehr wertvoll. Ob dieser Austausch auch im World Wide Web in derselben Qualität möglich wäre, wage ich zu bezweifeln.» Trotzdem bezeichnet der 49-Jährige die sozialen Medien als «wichtige Wahlkampf-Instrumente». So betreibt er ein eigenes Facebook-Profil.

Anders Samira Marti (SP). Auf Twitter hat sie über 500 Follower – auf Facebook postet sie fast täglich. Für die Ziefnerin gehören im Wahlkampf Facebook und Twitter «einfach dazu». «Gerade meine Zielgruppe, Jugendliche und Junge, nutzen Social Media stark.» Man dürfe auch nicht vergessen, dass diese Kanäle eine günstige Alternative darstellen, möglichst viele Wähler zu erreichen. Die 21-Jährige verrät das Budget für ihren Facebook-Wahlkampf: 400 Franken. «Das tönt nach wenig», sagt Marti, «aber für dieses Geld gäbe es wohl nicht mehr als ein paar Dutzend Plakate.»