Frau Eser Davolio, ein Jugendlicher
radikalisierte sich während seiner Zeit am Basler Gymnasium Kirschgarten. Wie lässt sich so etwas erkennen?

Miryam Eser Davolio: Meist äussert sich eine Radikalisierung zuerst in gewissen Haltungen der Schülerin oder des Schülers. Etwa darin, dass der Westen dekadent ist. Oder in einer Abwertung anderer Muslime. Die Anzeichen müssen aber nicht zwingend religiöser Natur sein. Auch der Hang zu politisch aufgeladenen Verschwörungstheorien, die beispielsweise den Islam von dunklen Mächten bedroht sehen, kann ein Anzeichen sein. Radikalisierungen können ganz unterschiedlich ablaufen.

Was sollen Lehrer tun, wenn sie eine Radikalisierungstendenz feststellen?

In erster Linie sollen sie das Gespräch mit dem Jugendlichen suchen, ohne ihn vorzuverurteilen. Es gilt, herauszufinden, an welchen Werten er sich orientiert und wer Einfluss auf ihn hat. Sehr wichtig auch: Hat er sich mit den fundamentalistischen Strömungen kritisch auseinandergesetzt oder gibt er einfach nur Parolen wieder? Ist Letzteres der Fall, deutet das auf eine Indoktrination hin. Diese kann zum Beispiel im Internet stattfinden. Die Aufgabe der Lehrpersonen ist schwierig, sie stecken in einem Dilemma.

Inwiefern?

Zum einen weiss niemand, welches Vorgehen im Einzelfall zielführend ist. Zum anderen müssen sie abschätzen, wie ernst es dem Schüler wirklich ist. Jugendliche wollen manchmal nur provozieren. Die Erwachsenen herauszufordern, gehört in der Jugendzeit schliesslich seit je dazu.

Sie ermuntern Lehrer auch, auf die
Eltern sich radikalisierender Schüler zuzugehen.

Genau. Die Eltern sind meist auch überrumpelt, wenn sie vom fundamentalistischen Gedankengut ihrer Kinder erfahren. Es ist verfehlt, zu glauben, dass die betroffenen Jugendlichen aus fundamentalistischen Elternhäusern kommen. Mir ist kein Fall bekannt, in dem das so war. Eltern und Lehrer können sich gegenseitig unterstützen. An einem runden Tisch, an dem allenfalls auch die Polizei und natürlich der Jugendliche selber anwesend sind, kann man ihn zur Rede stellen und ihm zeigen, dass man sein Verhalten nicht einfach so hinnimmt.

Und wenn sich der Schüler weigert?

Dann könnte man eine Gefährdungsmeldung androhen. Käme es zu einer solchen Meldung, müsste sich die Kesb des Falls annehmen und Massnahmen ergreifen. In den Fällen, die mir bekannt sind, hat die Androhung einer Gefährdungsmeldung immer gereicht, um die Bereitschaft des Jugendlichen zu gewinnen.

Sie bilden Lehrer im Umgang mit dschihadistischer Radikalisierung aus. Von welchen Erfahrungen berichten sie in den Kursen?

Lehrpersonen, die einen solchen Fall in ihrer Klasse erlebt haben, machen sich oft Vorwürfe. Sie fragen sich, ob sie gewisse Anzeichen früher hätten erkennen können. Ich höre auch immer wieder, dass die Lehrpersonen auf religiöse Anzeichen fixiert sind. Wie gesagt können aber auch politische Haltungen auf Dschihadismus hindeuten. Es haben aber nur ganz wenige Lehrpersonen einen solchen Fall in ihrer Klasse miterlebt. Denn diese Fälle sind extrem selten.

Wer unterstützt die Lehrer in solchen Fällen?

Das ist je nach Kanton verschieden. In Zürich ist es etwa die Gewaltpräventionsstelle. In Basel war es bis letztes Jahr die Fachstelle Extremismus, die allerdings weggespart wurde. Das ist sehr schade, denn es gibt Anfragen aus dem Schulbereich. Generell gibt es in der Schweiz noch zu wenig Beratungsangebote. Die Bildungsdirektionen müssen sich überlegen, wie der Ablauf bei Verdachtsmomenten sein muss. Beispiele sind etwa Zürich und Genf, wo das bereits gemacht wurde.