Nuklearmedizin
Radioaktive Strahlen können bei Krebspatienten Gutes bewirken

Das Unispital Basel behandelt Krebspatienten aus aller Welt mit radioaktiven Medikamenten. Anders wie beim Röntgenprinzip, wird der Körper nicht von aussen durchleuchtet. Hier strahlen die radioaktiven Substanzen aus dem Körper heraus.

Pascale Hofmeier
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Nuklearmedizin in Basel - Nuklear was??!
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Weniger gern gesehen sind je nach Behandlung Besucher.
Das klassische Einbettzimmer mit Schutzwand
Das klassische Einbettzimmer mit Schutzwand
Die CT-Station der Abteilung im 1. UG
Vor dem Verlassen der Abteilung muss man sich auf radioaktive Strahlung an einer Maschine messen lassen.
hier Prof. Dr. Thomas L. Mindt
hier Prof. Dr. D. Wild
Die Abwassertanks der Abteilung im Keller des USB

Nuklearmedizin in Basel - Nuklear was??!

Kenneth Nars

Radioaktive Strahlen verursachen Krebs. Aber nicht immer. Die Nuklearmedizin macht sich die zerstörerische Kraft der Strahlen zunutze – und verhilft Krebspatienten damit zu einem längeren Leben. Am Universitätsspital Basel werden Patientinnen und Patienten aus der ganzen Welt mit radioaktiven Strahlen behandelt. «Zu uns kommen gut informierte Patienten, für die wir die letzte Hoffnung sind, weil sie nicht operiert werden können», erklärt Damian Wild, Leiter der Nuklearmedizin. Denn was in Basel eine bewährte Behandlung ist, das ist zum Beispiel in den USA so nicht verfügbar.

Der bekanntere Teil der Nuklearmedizin sind die bildgebenden Verfahren, bei denen radioaktive Arzneimittel, Radiopharmazeutika, zum Beispiel zur Untersuchung von Organfunktionen oder des Skeletts verwendet werden. Für diese Art der Bildgebung wird eigentlich das Röntgenprinzip umgekehrt. «Statt von aussen einen Körper zu durchleuchten, strahlen die radioaktiven Substanzen aus dem Körper heraus», erklärt Wild. Weniger bekannt ist der Einsatz von radioaktiven Arzneimitteln gegen neuroendokrine Tumore. Zum neuroendokrinen System gehören am Hormon- und Stoffwechsel beteiligte Organe, zum Beispiel die Schilddrüse, die Hirnanhangdrüsen und die Bauchspeicheldrüse. «Am Universitätsspital Basel wurde vor knapp 20 Jahren eine Behandlung mit radioaktiven Arzneimitteln gegen neuroendokrine Tumore entwickelt, diese Therapie ist heute Standard», erklärt Wild. Die Therapie dauert drei bis vier Tage und wird, da sie kaum Nebenwirkungen hat, von den meisten Patienten besser toleriert als Chemotherapien. Die Therapie kann das Fortschreiten des neuroendokrinen Tumors um mehrere Jahre hinauszögern, eine vollständige Heilung ist jedoch noch nicht möglich.

Schützendes Blei ist omnipräsent

Durchgeführt wird sie in einem streng kontrollierten Umfeld auf der nuklearmedizinischen Bettenstation. Denn: Während die Strahlung dem Kranken nutzt, müssen Angehörige und Umgebung davor geschützt werden. Insgesamt braucht es für die Therapie mit Radiopharmazeutika viele Sicherheitsvorkehrungen. In allen Abteilungen der Nuklearmedizin und der Radiopharmazie ist viel Blei verbaut – zum Schutz der Angestellten, die täglich mit Radioaktivität arbeiten. Und wer zum Beispiel auf der nuklearmedizinischen Bettenstation behandelt wird, darf erst wieder nach Hause, wenn er oder sie nur noch wenig strahlt. Bei der Behandlung von Schilddrüsentumoren mit radioaktivem Jod kann das mehr als eine Woche dauern. «Bei diesen Patienten ist auch Besuch nicht gerne gesehen», erklärt Wild. Das radioaktive Jod zerstört ganz spezifisch Tumorzellen der Schilddrüse und normale, aber hyperaktive Zellen der Schilddrüse. Ausgeschieden wird die Radioaktivität hauptsächlich über den Urin. Darum wird das Abwasser der Duschen, Toiletten und Waschmaschinen der nuklearmedizinischen Bettenstation in mit Blei verschalten Tanks aufgefangen und erst nach mehreren Monaten ins normale Abwasser abgelassen - wenn die radioaktiven Substanzen so stark zerfallen sind, dass sie niemanden mehr gefährden.

Das Gleiche gilt für den Abfall: Dieser wird zwischengelagert, bis die Radioaktivität abgeklungen ist. Erst dann kann er an die Kehrichtverbrennung abgegeben werden. Die Strahlenbelastung der Mitarbeitenden wird streng überwacht. Zum Beispiel müssen sie sich jeden Tag mehrmals auf ein Messgerät stellen, das anzeigt, ob eine Kontamination durch die Arbeiten mit Radioaktivität vorliegt. Für den Strahlenschutz zuständig ist der Mann, der auch die Zubereitung der radioaktiven Arzneimittel verantwortet: Thomas Mindt, Leiter der Abteilung für Radiopharmazeutische Chemie. «Wir haben Auflagen der Bundesbehörden beim Strahlenschutz und der Herstellung von Radiopharmazeutika einzuhalten.»

Nicht für alle Tumore geeignet

Die Nuklearmedizin am Unispital gibt es seit gut 40 Jahren, seither sei es noch zu keinen schweren Zwischenfällen gekommen. Aufbereitet werden die strahlenden Medikamente in einem speziellen Labor des Universitätsspitals. Die Angestellten arbeiten dabei hinter einer mit Blei geschützten Mauer und überwachen den Herstellungsprozess durch eine Bleiglasscheibe – die ebenfalls vor Strahlung schützt. «Jedes Medikament wird individuell und zeitnah für den Patienten hergestellt», erklärt Mindt. Die Medikamente für die Behandlung der neuroendokrinen Tumore sind eine Basler Erfindung. An ein künstliches Hormon werden instabile radioaktive Atome gekoppelt. Das Medikament wird in die Blutbahn gespritzt oder je nach dem direkt in den Tumor. «Die Radioaktivität reichert sich dann in den Tumoren an und zerstört sie», sagt Mindt. Im restlichen Körper kann die Radioaktivität nicht andocken – und darum auch nichts schädigen.

Dass radioaktive Substanzen auch heilen können, das fasziniert Thomas Mindt und Damian Wild auch nach vielen Jahren Arbeitsalltag noch immer. «Dass wir die Radioaktivität so gezielt einsetzen können, ist schon speziell», sagt Wild. Er ist überzeugt, dass die Nuklearmedizin grosses Potenzial hat: «Theoretisch ist es möglich, viele Tumorarten so zu behandeln.» Bis die Forschung so weit ist, wird es allerdings noch eine Weile dauern.