Vorfasnacht

Rämpläm 2020: Freud, Leid und «Riebli-Flöte» im Basler Vorfasnachtskeller

Das Rämpläm findet nur alle zwei Jahre und nach Angaben der Veranstalter «nach Lust und Laune» statt. Die Ausgabe 2020 ist entsprechend musikalisch phantastisch, ideenreich und witzig – hat aber rein textlich noch Luft nach oben.

Wie verschieden die Vorfasnacht in den Rasser’schen Kleintheatern am Spalenberg doch sein kann! Im Pfyfferli hauchen sich die Grufties aus dem Daig im Kreuzgang des Münsters neues Leben ein. Ein paar Meter und einige mittelalterliche Deckengewölbe darüber bewegen sich die Figuren des diesjährigen Rämpläm im kleinbürgerlichen Basler Kellerraum. Die handelsüblichen Holzlättli trennen die Abteile, alles ist angestaubt, verspinnwebt und riecht nach längst erkaltetem Schweiss vergangener Fasnachten. Hier treffen sie sich also, die Rämplämmer. Hecken unter der Führung von Tambourmajor Colette Greder ihre musikalischen Streiche aus.

Und die haben es traditionsgemäss in sich. Vom Zahnseiden-Blues bis zur am Mischpult gesampleten Gugge-Kakophonie: Musikalisch ist das Rämplam die zugleich schrägste, wildeste und hochstehendste Vorfasnachtsproduktion. Wann wurde jemals ein grosses Rüebli mit einer Schlagbohrmaschine zu einem Saxophon gelöchert? Wann mussten Musiker bis zum Burn-out simultan auf mehreren Instrumenten spielen? Florens Meury, Florian Volkmann, Martin Bammerlin, Bettina Gfeller und Sebi Padotzke sind eine famose Combo. Sie grooven, produzieren Weltmusik, Fasnachtsfusion und New Orleans-Trauermärsche vom Feinsten, rhythmusgetrieben oft (Rämpläm-Mastermind und Schlagzeuger Bammerlin drückt nicht nur hier dem Abend seinen Stempel auf) und von Regisseur Roland Suter überzeugend choreografiert.

Über allem schwingt und swingt eine Colette Greder in Hochform. Paolo Contes «Via con me» mit Einlagen auf Baseldeutsch? Kein Problem für die Fauteuil-erprobte Elsässer Chansonnière und Schauspielerin. Ihr Taktgefühl und ihr charmanter Publikumsbezug dringen aus jedem Ton und auch noch der kleinsten mimischen Bewegung. Phantastisch auch der eindrückliche Rap übers Älterwerden. Wer seinen 60. Geburtstag fröhlich feiert, heisst es da, hat 40 Jahre davor «verduublet». Eine schöne und schön-traurige Pointe. Wie die Fasnacht und das Leben manchmal halt so spielen.

Der Gottfried im Keller und der Sprachwitz

Es läuft aber nicht alles rund und geschmeidig am diesjährigen Rämpläm. An der Première vom Donnerstagabend liess die Textverständlichkeit an einigen Stellen zu wünschen übrig. Ob es an den Saalverstärkern lag? Doch auch einiges von dem, was akustisch verständlich war, hätte überdacht werden müssen. Die per Wort (und ein paar Bildern) eingestreuten Anspielungen auf die Flüchtlingskrise im Mittelmeer waren zwar gut gemeint, blieben aber dramaturgisch und konzeptionell ein Fremdkörper und an der Oberfläche. Und war es wirklich nötig, als einstigen Bewohner des Kellers den gleichnamigen Schriftsteller Gottfried zu bemühen?

Insgesamt nimmt die Veranstaltung nach der Pause deutlich an Fahrt auf. Doch auch hier hat es, zum Beispiel beim Polit-Kasperlitheater, ein paar Längen, die einem Mangel an knackigen Textpointen geschuldet sind. Es versöhnt zu guter Letzt Martin Bammerlin als einsamer, melancholischer Crooner in der «Spalenburg», der ein paar gespritzte Weisse zu sich und das triste Ende der «drey scheenschte Dääg» persönlich nimmt. Hier vereinigen sich die Rämpläm-Musik und ein Stimmung(en) evozierender Text zu einem wunderbaren Ganzen. Den allerkürzesten Auftritt hat an diesem Abend, so viel sei zum Schluss noch verraten, der «Singvogel». Warum es den Bangg nur ein paar Sekunden auf der Rämpläm-Bühne hält? Hingehen, wer es wissen will!

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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