Strafgericht
Randständiger Schläger will ins Gefängnis - das Gericht lehnt ab

Ein randständiger junger Mann wird vom Gericht wegen Sprayereien und einer Schlägerei in eine arbeitstherapeutische Einrichtung eingewiesen - obwohl er ins Gefängnis wollte. Der Angeklagte hat wegen einer Entwicklungsstörung einen IQ knapp über 50.

Patrick Rudin
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«Ich will ins Gefängnis», sagte der 24-jährige Angeklagte. Das Strafgericht in Liestal ging auf seinen Wunsch nicht ein. Es ordnete eine sogenannte Massnahme für junge Erwachsene an. (Archiv)

«Ich will ins Gefängnis», sagte der 24-jährige Angeklagte. Das Strafgericht in Liestal ging auf seinen Wunsch nicht ein. Es ordnete eine sogenannte Massnahme für junge Erwachsene an. (Archiv)

zvg/bl.ch

Das Gericht schickt einen randständigen jungen Mann gegen seinen Willen in eine arbeitstherapeutische Einrichtung. «Ich kann nicht lesen, nicht schreiben und nicht rechnen. Was soll ich da in einer Massnahme? Ich will ins Gefängnis», sagte der 24-jährige Angeklagte immer und immer wieder.

Das Strafgericht in Liestal ging auf seinen Wunsch nicht ein. Es ordnete am Mittwoch eine sogenannte Massnahme für junge Erwachsene an. «Es ist ein Versuch. Sie können es wenigstens probieren», versuchte Gerichtspräsident Andreas Schröder dem Mann zu erklären. «Ich mache die Massnahme nicht. Da beharre ich drauf!», antwortete der Mann stereotyp.

Seine Abneigung gegen stationäre Therapien jeder Art scheint verständlich. Er hat eine lange Heimkarriere hinter sich, jegliche Medikamente lehnt er nach eigenen schlechten Erfahrungen ab. «Das war alles eine Katastrophe», sagte er. Sein Wunsch ist offensichtlich, ein selbstbestimmtes und freies Leben zu führen.

Die Rahmenbedingungen dafür sind allerdings schwierig: Sein Intelligenzquotient liegt knapp über 50, wegen einer Entwicklungsstörung bezieht er eine Invalidenrente. Der Hintergrund dafür ist offenbar eine hirnorganische Schädigung im Alter von drei Jahren.

Schlägereien und Sprayereien

Vor Gericht stand er hauptsächlich, weil er sich mit seinen Kumpeln vor dem Liestaler Bahnhof im Juni 2011 eine Schlägerei lieferte. Der Streit artete aus, er schlug einem alkoholisierten und am Boden liegenden Kumpel mehrmals mit der Faust direkt ins Gesicht. Das brachte ihm eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Körperverletzung ein.

Im Dezember 2012 fand er seine Hausschlüssel nicht mehr, aus Frust darüber demolierte er das Auto einer Nachbarin und machte schliesslich auch der anrückenden Polizei das Leben schwer.

Dazu kam eine teure Strolchenfahrt mit einem «geliehenen» Taxi mitsamt nicht bezahlten Tankrechnungen. Verletzt wurde dabei wie durch ein Wunder niemand, allerdings mussten ein Gartenzaun sowie ein Elektroverteilkasten in Lausen daran glauben.

Das Taxi habe er sich genommen, weil er nach Hause wollte und keinen Hausschlüssel mehr hatte, wie er kurz und knapp erklärte. Eine frühere Beiständin hatte dem Mann offenbar eine Wohnung besorgt, doch die Reklamationen der Nachbarn über laute nächtliche Partys setzten dem bald ein Ende. Seit einem Jahr sitzt er in Untersuchungshaft.

Bauschaum auf Mauern

Im August 2011 sorgten er und seine Kumpel für einige Sprayereien in Liestal. «All cops are bastards» hinterliessen sie mit Farbe sowie Bauschaum auf Mauern und Strassen. Einmal zeichneten sie bei der neuen Kantonalbank beim Bahnhofplatz auch ein Hakenkreuz. Er wisse, was das Zeichen bedeute, meinte er dazu, gab sich auf weitere Nachfragen allerdings eher wortkarg. Auch über seinen Drogenkonsum wollte er nicht sprechen.

Insgesamt verdonnerte ihn das Dreiergericht auch wegen seiner Vorstrafen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Sollte die Massnahme platzen, darf er diese Zeit, wie er es wünscht, im Gefängnis absitzen. «Wenn Sie diese Strafe jetzt einfach absitzen, sind Sie in etwa einem Jahr wieder draussen. Was passiert dann mit Ihnen?», fragte Gerichtspräsident Andreas Schröder.

Bei weiteren Delikten stelle sich die Frage nach härteren Massnahmen oder gar einer Verwahrung, warnte Schröder den Mann, der das Urteil noch weiterziehen kann.