Herr Blechschmidt, für unser Nähkästchen ist das wie nach Hause kommen, hier in Ihrem Atelier. Ihre Nähkästchen sind aber nicht so hübsch wie unseres.

(lacht) Ja, das sind moderne Modelle. Meine Mutter hatte auch so ein altes, mit vielen kleinen Abteilen. Das hat mich als Bub total fasziniert. Am liebsten habe ich mit den Knöpfen gespielt.

In unserem Nähkästchen finden sich keine Knöpfe, dafür Zettel mit Begriffen. Welchen habe Sie gezogen?

Das Nähkästchen sagt mir, dass wir über Liebesbriefe reden.

Haben Sie jemals einen geschrieben?

Aber sicher, viele sogar. Den ersten mit 11 Jahren. Ich war in eine Mitschülerin im Gymnasium Bäumlihof verliebt.

Und Ihre blumigen Worte konnten nicht ihr Herz öffnen?

Nicht genug offenbar. Aber ich kenne sie heute noch, und sie kann sich sogar noch an den Brief erinnern, weil sie ihn lange aufbewahrt hat.

Wann haben Sie realisiert, dass sie Männer lieben?

Relativ bald, als sehr junger Teenager. Meine Mutter hat mal gesagt, sie habe das bereits gewusst, als ich noch ein Kind war. Mein Vater wiederum konnte es zuerst gar nicht glauben. Weil ich viele Freundinnen hatte und einige Chancen bei den Frauen.

Sie waren auch mit Frauen zusammen?

Ja, ich wollte das ausprobieren.

Wie hat ihr Umfeld auf Ihr Coming-Out reagiert?

Ich hatte nie Probleme. Weder meine Familie, noch Freunde oder Bekannte haben sich daran gestört. Das liegt sicher auch daran, dass ich niemals tuntig durch die Welt gehuscht bin. Das ist nicht meine Art, auch nicht jene meines Partners.

Sie sind seit 20 Jahren mit ihm zusammen. Gab es da auch schon romantische Briefwechsel?

Ja, besonders zu Beginn der Beziehung, Ende der 1990er-Jahre. Er war oft auf Konzerttournee mit dem Jugendorchester. Ich habe ihn schrecklich vermisst, so frischverliebt wie ich war. Da habe ich meine ganzen Gefühle aufs Papier gebracht.

Heute werden via Whatsapp Herzchen-Emojis verschickt. Die Romantik geht verloren.

Nicht nur in Liebesdingen! Man sollte die Handschrift allgemein mehr pflegen. Ich verschicke hie und da handgeschriebene Dankeskarten oder Einladungen an meine Kundinnen. Das macht Eindruck, weil viel persönlicher. Es berührt die Menschen.

Apropos: Welcher Liebesbrief hat sie am meisten berührt?

Jene aus dem frühen Briefwechsel mit meinem Partner. Die habe ich alle in einem Köfferchen aufbewahrt.

Und lesen Sie diese ab und zu?

Nein, eigentlich nie. Es fehlt mir die Zeit.

Schade. Das wäre doch romantisch, wenn Sie diese zu zweit bei einem Glas Wein wieder mal ansehen würden.

Stimmt, eine sehr gute Idee! Gerade die Erinnerungen an das frisch verliebt sein wieder aufleben lassen. Ein mega Gefühl.

Vermissen Sie es?

Manchmal. Dieses Prickeln ist einzigartig. Dafür hat eine langwährende Partnerschaft ganz viele wunderbare Seiten. Etwa, wenn man an der Liebe wächst, den anderen immer besser spürt. Diese Innigkeit.

Inspiriert Sie die Liebe zu Ihrem Partner zu Ihren Entwürfen?

Er beflügelt meine Kreativität, ja. Hauptsächlich inspirieren mich Stoffe zu Kreationen. Ich zeichne meist neben einem Berg von Stoffen. Wenn ich sie ansehe, berühre, sprudeln die schönen Einfälle.

Im Oktober präsentieren Sie Ihre neue Kollektion. Diese entsteht im September – was wird das Thema sein?

Zu viel möchte ich noch nicht verraten. Die Kollektion dreht sich um die Oper Alcina von Händel. Das ist eine Frau, die Männer nach Lust und Laune verzaubert.

Wie stark beeinflussen Sie Trends?

Wenig. Aber die Stoffe geben indirekt mit ihren Mustern und Farbgebungen den Zeitgeist wider. Entscheidend ist, was der Designer daraus macht. Er muss seinen eigenen Weg gehen. Denn ein Modediktat gibt es nicht mehr. Heute sind nicht alle Röcke kurz in einer Saison; die Auswahl ist riesig.

Sie arbeiten seit bald 30 Jahren als Couturier, haben einen grossen Namen in der Stadt. Aber gerade Basler sind, was festliche und extravagante Kleidung anbelangt, sehr zurückhaltend.

Allerdings. Einige meiner guten Kundinnen tragen meine Kreationen niemals auf der Strasse, sondern zu privaten Anlässen, wenn sie ‹unter sich› sind. Hinter verschlossenen Türen quasi.
Das typische Basler Understatement. Man will nicht angeben, ja. Es kommt aber schon vor, dass ich an einem Anlass, meist im Theater oder an einem Konzert eine Dame mit einem Kleid von mir antreffe.

Sicher ein schönes Gefühl.

Es macht mich stolz, ja. Und es tut irgendwie gut. Denn es gibt genug Menschen heute, die furchtbar gekleidet sind.

Inwiefern?

Gerade neureiche Menschen tendieren dazu, sich ausschliesslich mit Designerlabels einzukleiden. Hauptsache, man sieht, dass es teuer war. Dass die Sachen nicht zusammenpassen, spielt keine Rolle. Sie haben zwar das Geld, aber keinen Stil, keinen Sinn dafür, was schön ist. Wer mit verlöcherten Designerjeans für 5000 Franken rumläuft, dem ist nicht mehr zu helfen.

Wer hat sie dazu inspiriert, selber Modeschöpfer zu werden? Welchen Designer mögen Sie?

Yves Saint Laurent. Seine Farbkombinationen waren grossartig, auch, wie er Frauen einkleidete, ihnen durch die Mode zu mehr Stärke verhalf, etwa mit dem Hosenanzug. Das war sehr inspirierend. Meine Kollektionen zeichnen sich durch ihre Farben und ihre femininen Schnitte aus. Das habe ich auch ihm zu verdanken.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Hatten Sie noch nie eine Schaffenskrise?

Nein, nicht über eine längere Zeit. Sicher, es gibt uninspirierte Tage. Diese eignen sich für Fleiss- und Routinearbeit, etwa Schnittmuster zeichnen.

Hat der Beruf des Couturier zu Zeiten der Massenware noch Zukunft?

Definitiv, es wird immer ein paar wenige Ateliers geben. Und Menschen, die das Individuelle, das Besondere suchen. Das kann eine Modekette oder ein grosses Label nicht bieten. Schwierig wird es vielmehr sein, gute Leute zu finden, Schneiderinnen. Es gibt nur noch wenige, die das Handwerk beherrschen.