Kunsthalle Basel

Raphael Hefti zündet den Urknall

Die Elemente aus gepresstem Sand sind bis zu 900 Kilogramm schwer.

Die Elemente aus gepresstem Sand sind bis zu 900 Kilogramm schwer.

Die Kunsthalle Basel zeigt Werke des Bielers Raphael Hefti und stösst damit an die Grenzen des Möglichen.

Als Raphael Heftis Auto lichterloh brennt, fackeln die Davoser Ordnungshüter nicht lange. Sie verhaften ihn – als mutmass­lichen Attentäter. Der gelernte Elektroniker und angehende Fotograf mit Jahrgang 1978 ­hatte für Landschaftsaufnahmen in den Bündner ­Bergen mit Leuchtbomben der Schweizer Armee experimentiert, eine ­davon ging versehentlich in ­seinem Wagen hoch. Dass gleichzeitig das Wirtschafts­forum WEF stattfand, machte die Sache nicht unverdächtiger: Hefti wurde noch Jahre nach dem Vorfall von einer Antiterror­einheit observiert.

Nur eine Anekdote, sicher, aber eine vielsagende. Noch ein Müsterchen: Als Raphael Hefti nach einer alternativen Belichtungsart für seine Fotogramme sucht und dabei mit Chemi­kalien hantiert, verliert er – zeitweilig – sein Haar. «Er ist Mr. 100 Prozent», bestätigt Claudio Vogt, Medienverantwortlicher der Kunsthalle, die Heftis bislang grösste Einzelausstellung zeigt. «Sogar beim Drucken der Poster hat er Hand angelegt. Alles andere wäre für ihn nicht infrage gekommen.»

Exposition, das ist für den früheren Fotografen längst nicht mehr nur eine Frage der Belichtung, sondern eine künstlerische Haltung: Hefti setzt sich und seine Arbeit der Unwägbarkeit physikalischer Prozesse aus, die auch die Kunsthalle an die Grenzen des Möglichen bringen. «Irgendwann hat Hefti gemerkt, dass er über die Fotografie hinausgehen will», erläutert Vogt. So entstanden beispielsweise die schwarzen Skulpturen aus gepresstem Sand, deren Tonnengewicht gleich zwei Statiker ins Schwitzen brachte.

Starkstrom und Corona-Hauch

Benutzt wird der Sand eigentlich, um Gussformen für die Metallindustrie herzustellen: Rinnsale und Kaskaden aus erstarrtem Aluminium haften an ihnen fest. «Die Arbeiter ­hatten grosse Freude, dass ihre Tätigkeit für einmal sichtbar wird und dadurch eine Öffentlichkeit bekommt», sagt Vogt. Und betont den wandelbaren Aggregatzustand der Skulpturen, die jederzeit wiederver­wertet werden können: Die schwarzen Monolithe sind nur Momentaufnahmen.

Auch die friesartige Installation aus geschmolzenem Bismut stellte die Logistik des Kunsthauses auf die Probe. Zwölf Feuerwehrmänner mussten das in allen Farben des Regen­bogens schillernde Objekt hereintragen, weil der Warenlift dafür zu klein war.

Das Metall wird hauptsächlich in der Medizinaltechnik verwendet, doch Hefti besteht darauf, Materialien und Prozesse zweckzuentfremden – und daraus sich ergebende Zufälle zu seinem Vorteil zu nutzen. So spannt er die industrielle Beschichtung von Aluminium zur Herstellung von abstrakter Kunst ein und lässt seine Ausstellung von einer Klimaanlage für Flughäfen beatmen – Corona-konform dank reinigendem UV-Licht.

Die Suche nach dem Erhabenen führt ­ihn bis zum Anbeginn der Zeit zurück

Auf dem Boden liegen eigentümlich verwitterte Stahlträger, die dank künstlicher Materialermüdung um geschätzte 5000 Jahre gealtert sind und so den vorgezogenen Traum von der Ewigkeit träumen. Die Suche nach dem Erhabenen führt ­Hefti sogar bis zum Anbeginn der Zeit zurück; für den letzten Raum hat der Künstler riesige Reagenzgläser anfer­tigen lassen, in denen er die ­ersten Elemente unseres Universums einfängt.

«Do not touch» steht auf einem Schild, das vor dem 9000 Volt starken Stromfluss im Inneren der Leuchtröhren warnt. Helium, Neon, Xenon und weitere Edelgase winden sich gefährlich anmutig hinter Glas. Das pulsierende Nachglühen des Urknalls ist betörender, als die Polizei ­erlaubt.

«Salutary Failures», Kunsthalle Basel, bis 3. Januar 2021. 

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