Kultur im Shutdown
Raus aus dem Fernsehsessel: Die Bibel bietet uns dieselben Szenarien wie Netflix

Ein Blick in die Bibliothek zeigt: Surrealismus, Horror-Stories und das Patriarchat sind so alt wie das Buch der Bücher.

Mathias Balzer
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Wie in Alten Testament: Im Film «Magnolia» kommt eine Froschplage über die Menschheit.

Wie in Alten Testament: Im Film «Magnolia» kommt eine Froschplage über die Menschheit.

bz Basel

Der Lockdown der Kulturbetriebe geht an die Substanz. Ohne Museum, Konzert-, Kino- und Theatersaal fehlt Wesentliches. Die Gelegenheit, sich regelmässig von einer Premiere, Ausstellungseröffnung, Buchvernissage oder einer Plattentaufe überraschen zu lassen, der Kitzel des Neuen und Unerwarteten sind nicht mehr da. Streaming ist eine Variante. Nur wird auch der bequemste Fernsehsessel irgendwann unbequem.

Was jedoch überraschen kann, ist der Blick in die eigene Bibliothek. Da steht beispielsweise die Bibel, ungelesen seit jenen fernen Tagen im Religionsunterricht, als wir die Geschichten aus dem Alten Testament zeichnerisch umsetzen durften.

Heute kommt das Lesen der Bibel eher einem Outing gleich, das zweifelnde Blicke nach sich zieht. Ist der jetzt religiös geworden? Die Erklärung, dass ich das Buch nicht als Heilige Schrift lese, sondern aus literarischem und kulturellem Interesse, beruhigt die Gemüter jeweils einigermassen.

Zeitgemässer Satzbau und verwirrende Stammbäume

Aber das Buch der Bücher hat es eben in sich. Meine Ausgabe, die Einheitsübersetzung von Herder aus dem Jahr 1980, ist 1'459 Seiten dick, eng beschrieben, in zwei Spalten, mit wissenschaftlichen Kommentaren versehen. Faszinierend ist schon mal, dass wir es im ersten Teil, den «Fünf Büchern des Mose», mit einer 3300 Jahre alten Sammlung von Geschichten zu tun haben, die aus mehreren literarischen Schichten besteht. Wir können davon ausgehen, dass wir ein Best-Off der Storys aus jenen fernen Tagen in den Händen halten. Dagegen sind unsere Netflix-Playlists kurzlebige Strohfeuer.

Der Stil ist knapp, kommt ohne Nebensätze aus und ist in diesem Sinne zeitgemäss. Die Wiederholungen ganzer Passagen sind wohl der Rhetorik der mündlichen Überlieferung geschuldet: Wichtiges wird zwei Mal gesagt. Eher mühsam sind die ellenlangen Stammbäume, obwohl darin, neben den bekannten, so tolle Namen wie Sarai, Milka, Rebekka, Set, Metuschelach, Enoch, Kenan oder Lamech aufgezählt werden.

Verwirrend sind diese Stammbäume für unsereins auch deswegen, weil die Protagonisten uralt werden. Adam zeugte noch mit 130 seinen dritten Sohn Set und wurde 930 Jahre alt. Noah wurde im Alter von 500 Jahren Vater und starb mit 950 Jahren. Der bisher ungeschlagene Weltälteste ist jedoch Methusalem mit 969 Jahren.

Die Frauen spielen Nebenrollen, bis auf eine

Und dann geht es natürlich um Geografie und Geostrategie. Wir sind schliesslich im Nahen Osten. Die Aufteilung des Landes zwischen den Golanhöhen und der Negev-Wüste ist seit Jahrtausenden ein Dauerbrenner. Über weite Strecken handeln bereits die ersten Bücher, «Genesis» und «Exodus», von Stammesfeden, Familienstreitigkeiten, taktischen Heiratsbündnissen.

Die Frauen werden zwar genannt, sind jedoch zu Nebenrollen verdammt, oder sie sind Vergewaltigungsopfer, was wiederum zu Mord und Totschlag führt. Kein Wort darüber, wie sie all diese Söhne Israels zur Welt gebracht haben, was genau ihre Stellung in der Sippe war, ob sie Mitspracherechte hatten. Dialoge zwischen Männern und Frauen fehlen fast gänzlich. Es sprechen die Männer, oder sie hören eine Stimme, die sie für jene Gottes halten.

In der ersten Geschichte der Genesis kommt Eva die unrühmliche Rolle zu, auf die Verführungskünste der Schlange hereinzufallen. Sie muss deshalb in alle Ewigkeit ihre Kinder unter Schmerzen gebären und ist fortan der Herrschaft ihres Mannes unterstellt. Dieser wird zwar auch bestraft. Er muss die Erde für immer im Schweisse seines Angesichts bewirtschaften.

Genau genommen müssen wir Eva jedoch danken für die Vertreibung aus dem Paradies.

Sie war es, die Adam dazu überredete vom Baum der Erkenntnis zu essen. Was so viel heisst, dass wir uns unserer Sterblichkeit bewusst sind und zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Hätte sie dies nicht getan, würden wir immer noch in der schier unerträglichen Langeweile des Paradieses verharren. Die aktuelle Erfahrung des Lockdowns lehrt uns auch, dass die ewige Einkehr ein schwer auszuhaltender Zustand ist. Die Flucht aus ihm hat uns erst zu Menschen gemacht.

Tüchtige Geschäftsleute, von Träumen geleitet

Nach dieser stimmigen Eröffnung folgt dann mit Kain und Abel gleich der erste Brudermord. Dann kommt eine eigenartige Passage für Fantasy-Fans oder Ufologen. Auf der Erde leben Riesen und Gottessöhne, die ungezügelt Sex mit Menschentöchtern haben. Weiter wird das nicht ausgeführt, denn Gott schickt ob des wilden Treibens die Sintflut, die nur Noah, seine Familie und alle Tiere überleben.
Nach der nassen Katastrophe nehmen die Storys dann richtig Fahrt auf.

Interessant sind dabei nicht die eigentlichen Plots, sondern der Mix der Elemente, aus denen sie bestehen. Einerseits sind die Wüstensöhne Kanaans tüchtige Geschäftsleute, ganz darauf bedacht, möglichst viele Kinder, Land, Kamele und Schafe zu besitzen.

Andererseits werden sie jedoch von Träumen geleitet. Ihre entscheidenden Gedanken kommen nachts über sie. Jakob, später Israel genannt, erhält von Engeln auf einer Himmelsleiter die Botschaft, das Land zu besiedeln. Joseph wird in Ägypten zum Staatsmann, weil er die Träume des Pharaos deuten kann und das Land vor einer Hungerkatastrophe bewahrt.

Richtig surreal wird es dann bei Moses. In der Wüste begegnet er einem brennenden Busch, der jedoch nicht verbrennt, dafür aber spricht. Die Vision, das Volk Israel ins Land wo Milch und Honig fliessen zurückzuführen, gipfelt darin, dass Moses seinen Hirtenstab zu Boden wirft, dieser zur Schlange wird, er diese am Schwanz packt, worauf die Schlange wieder zum Stock wird. Die Passage könnte von Albert Hoffmann oder Timothy Leary geschrieben sein.

Eine Anleitung für Katastrophenfilme

Neben Surrealismus und Psychedelik ist das Buch Exodus auch ein frühes Zeugnis von furchteinflössendem Horror und blutrünstigem Splatter: Im Nil und aus allen Brunnen Ägyptens fliesst Blut. Abertausende Frösche steigen aus den Flüssen und hüpfen bis in die Schlafzimmer der Menschen. Der Gestank der toten Frösche weht nach der Plage durch die Wüste. Stechmückenschwärme treiben die Menschen in den Wahnsinn. Es regnet Staub, der an Mensch und Tier Geschwüre mit aufplatzenden Blasen verursacht.

Szenarien wie in der Bibel kennen wir aus Filmen wie «Magnolia».

Szenarien wie in der Bibel kennen wir aus Filmen wie «Magnolia».

bz Basel

Und wozu dieses ganze Elend, diese apokalyptischen Szenarien, wie man sie aus Filmen von Quentin Tarantino oder Roland Emmerich kennt? Nur damit der Stamm der Israeliten das Land der Knechtschaft verlassen darf. Am Ende seines 40-jährigen Irrweges durch die Negev tanzen die Emigranten um das goldene Kalb, während Moses die zehn Gebote in Stein meisselt, die zum Fundament unserer Ethik geworden sind. «Die Geburt der Vernunft aus dem Chaos» könnte dieses Buch auch heissen. Der Filmtitel: «Once upon a time in The Middle East».