Der Brief schlug ein wie eine Bombe. «Der Eigentümer sieht sich gezwungen, die bestehenden Mietverhältnisse aufzulösen.» Mit diesen Worten wurde Hedy Bergers Leben überrumpelt. Der Brief der Verwaltung Wincasa liegt noch auf einer Theke in ihrem Wohnzimmer.

Dieses ist mit einem halben Jahrhundert Erinnerungen geschmückt: Eine alte Wanduhr hängt an der Wand neben zahlreichen Gemälden von Alpenlandschaften. Auf einem Tisch neben dem Sofa steht eine uralte Musikanlage, die jeden Vintage-Liebhaber begeistern würde.

Hedy Berger lebt seit 1961 in diesen vier Wänden im zwölften Stock am Schorenweg 20, die sie bis Februar 2020 verlassen muss. Aber wohin soll die über 80-Jährige noch gehen?

Hedy Berger hat nach 58 Jahren die Kündigung ihrer Wohnung erhalten.

«Mir tut es wahnsinnig weh, dieses Quartier verlassen zu müssen.»

Hedy Berger hat nach 58 Jahren die Kündigung ihrer Wohnung erhalten.

1961 ist sie als junge Frau mit ihren Eltern in die Wohnung eingezogen. «Mir tut es wahnsinnig weh, dieses Quartier verlassen zu müssen. Aber es geht auch nicht nur um mich: Ich denke an alle anderen», meint die energische alte Dame.

Hedy Berger ist nicht alleine. Die Verwaltung kündigte diese Woche auf einen Schlag insgesamt 230 Wohnungen am Schorenweg, um die zwei Wohnblöcke zu sanieren.

Am Mittwoch begab sich Hedy Berger an die vom Mieterverband organisierte Versammlung. Wie etwa 100 andere Mieter, die denselben Brief bekommen haben. Trotz dem Eifer, den Beat Leuthard vom Mieterverband an den Tag gelegt hat, macht sich die Rentnerin nicht allzu viele Hoffnungen. Sie schätzt den Kampf von Kleinmietern gegen der Verwaltung und Immobilienfonds als zu unfair ein. «Ich finde es zwar gut, dass mal auf den Tisch gehauen wird. Aber es ist schwierig, die Leute wach zu rütteln, damit sie sich auch wehren.»

«Es war ein grosses Dorf»

Das zahlreiche Erscheinen an der Versammlung zeigt, wie stark sich die Anwohner mit ihrem Wohnort identifizieren. Ein an der Versammlung angetroffener Bewohner sprach von seinem Wohnblock als ein «grosses Dorf», wo jeder jeden kennt.

Viele sind im Hirzbrunnenquartier verwurzelt. Peter Meier, ein 85-jähriger pensionierter Lehrer und Redaktor der Quartierzeitung «Quart», beschreibt ein äusserst lebhaftes Sozialleben. Als Beweis dafür holt er in seinem Büro ein Exemplar der Quart und schlägt die letzte Seite auf: Ein Kalender, der die Anwohner zu Fondueplauschs, Suppentagen und auch Filmabenden einlädt. Grosse Illusionen macht sich auch Peter Meier nicht. Dennoch wurde er am Mittwoch an der Versammlung von Leuthards Worten berührt. «Ich weiss, dass der Mieterverband für uns kämpfen wird.»

Ein Quartier im Wandel

Meier beobachtet, dass sich das Hirzbrunnen-Quartier verändert. Viele Neubauten hätten in den letzten Jahren neue Bewohner angezogen. Was er vor allem befürchtet, ist, dass aus seinem Wohnblock eine teure Liegenschaft wird.

Er schaut aus dem Fenster – gegenüber ragen zwei von der Credit Suisse erbaute Hochhäuser in die Höhe. Derselben Bank gehören auch die Wohnblöcke, die nun geräumt werden müssen. «Diese neuen Wohnungen sind um einiges teurer als bei uns», beobachtet er. «Sie wollen bloss die Mietzinsen in die Höhe treiben.» In den beiden betroffenen Wohnblöcken würden zahlreiche betagte Menschen leben – aber in den letzten Jahren zogen auch viele Familien, oft mit Migrationshintergrund, dazu.

Diese Einschätzung teilen auch Pia Erb und Doris Bouverat, die in den obersten Stockwerken des Schorenwegs 20 wohnen. «Wir sind hilflos. Hier leben entweder alte Menschen oder Ausländer, die den Brief vielleicht nicht mal verstanden haben.»

Beide schwelgen in Erinnerungen, wenn sie an ihr Leben im Hirzbrunnen zurückdenken. Von der Wohnung aus geniesst man eine einmalige Aussicht über ganz Basel. «Das werde ich am meisten vermissen», meint Doris Bouverat. Aber sie erinnert sich auch an die Menschennähe, die sie im Block verspürte: «Wir hatten stets freundschaftliche Verhältnisse», erzählt die betagte Dame, die jahrelang als stellvertretende Abwartin amtierte.

Pia Erb und Doris Bouverat auf ihrem Balkon im obersten Stockwerk.

«Die Aussicht werde ich am meisten vermissen.»

Pia Erb und Doris Bouverat auf ihrem Balkon im obersten Stockwerk.

Von ihrem Balkon, der von einer warmen Frühlingssone gewärmt wird, sieht Pia Erb auf ihr ehemaliges Zuhause hinab: Die in den 1920er Jahren im Bauhaus-Stil erbauten Arbeiterblöcke, wo sie drei Kinder grosszog, bevor sie im Hochhaus am Schorenweg einzog.