Grund genug für die Möbelproduktionsfirma Vitra, die 1957 mit der Produktion der Eames-Stühle begann, auf dem Campus des grenznahen Weil am Rhein zu feiern und dort eine Strasse mit ihrem Namen einzuweihen. Ray Kaiser, die 1941 mit Charles Eames heiratete, war die Künstlerin. Ihre abstrakten Bilder sind starke Kunstwerke. In Weil wies der New Yorker Architekt und Autor Joesph Giovannini nochmals auf die Bedeutung von Ray Eames für die gemeinsame Produktion hin. Rolf Fehlbaum, Verwaltungsratspräsident des Familienunternehmens Vitra, spricht im Interview über Ray Eames.

Rolf Fehlbaum, wie beurteilen Sie die These, dass Ray Eames' Beitrag bei der Erfindung von Möbeln lange unterschätzt worden sei? Dass sie es war, die den Geist der Moderne in die Beziehung brachte?

Rolf Fehlbaum: Das ist die interessante These des amerikanischen Architekten und Autors Joseph Govannini. Gewiss brachte Ray Kaiser die Erfahrung der künstlerischen Moderne in das Leben von Charles Eames, sie war Künstlerin und Gründungsmitglied der American Abstract Artists. Aber bereits Charles Eames' Freund, der Architekt und Designer Eero Saarinen, machte den Absolventen der Universität von St. Louis mit der Moderne bekannt. Zudem findet in einer so engen Beziehung, wie sie Charles und Ray Eames gerade in den Anfängen lebten, eine Verschmelzung der Talente, des Denkens statt. Wir müssen hier allgemeine Überlegungen zu Paarkonstellationen in kreativen Berufen anstellen. Es heisst, dass zwei unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Talenten etwas Interessanteres, Besseres schaffen, als es jeder alleine getan hätte. Wir wissen es nicht. Dennoch denke ich, dass der Dialog, die geistige Auseinandersetzung zwischen Partnern fruchtbar ist.

Nun wird zum Beispiel die Sperrholzskulptur mit ihrer verschlungenen, abstrakten Form von Giovannini ganz Ray Eames zugeschrieben.

Die Sperrholzskulptur, die wir nun zum ersten Mal in Weil zeigen, war einmal ein Experiment. Es diente Charles und Ray Eames zur Erkundung, was in der Bearbeitung von Sperrholz alles möglich ist. Zugleich ist die Skulptur aber ein grossartiges künstlerisches Objekt. Gewiss hatte Ray Eames einen sehr starken Anteil daran. Aber die Skulptur ganz ihr zuzuschreiben, ist bei der Arbeitsweise des Eames-Paares nicht richtig. Die technische Brillanz von Charles Eames und sein Wille, formal Neues auszuprobieren, verbindet sich ideal mit Ray Eames' Sinn und Auge für neue künstlerische Formen und für Farben. Auch die skulpturale Form der Kunststoffschale von «La Chaise» trägt eher ihre Handschrift.

Animationsfilm von Eames Demetrios

Weshalb legte Giovannini in seiner Arbeit über Ray und Charles Eames den Fokus so sehr auf ihren Anteil?
Es war notwendig, darauf hinzuweisen, weil sie in den Anfängen der gemeinsamen Produktion - so in den Publikationen des Museum of Modern Art New York - nicht die ihr gebührende Beachtung fand. Nach aussen erschien das Verhältnis zudem ungleich: Ray Eames war in der Öffentlichkeit zurückhaltend - übernahm den stillen Part. Der blendend aussehende Charles hingegen war eine charismatische Figur, ein exzellenter Kommunikator, er hatte das Auftreten eines Filmstars. Charles rückte aber die Missverständnisse zurecht, indem er dem Büro den Namen Charles und Ray Eames gab und immer beide als Autoren nannte.

Welches sind die Pionierleistungen von Charles und Ray Eames?

Die Grundfrage für Charles und Ray Eames war: Wie erreichen wir höchsten Komfort mit einem möglichst geringen Materialaufwand. Ihre erste Pionierleistung war die dreidimensionale Verformung von Sperrholz. Dank der anatomisch richtigen Form der Stühle brauchte es keine Sitzpolster. Die zweite Pionierleistung war der «Plastic Chair», der erste Kunststoffstuhl überhaupt. Kunststoff konnte anatomisch noch besser geformt werden. Die dritte Pionierleistung ist der «Aluminium Chair»: Charles und Ray Eames verspannten die textile Sitzfläche zwischen den zwei Aluminiumträgern so stark, dass man nur ganz leicht einsinkt. Der Stuhl nimmt so die Körperform auf, aber man sinkt nicht so tief ein, dass die Bewegungsfreiheit eingeschränkt würde.

Ihre Kreationen sind doch verspielter als die zum Beispiel der Bauhaus-Moderne in Europa?

Sie gingen kreativ um mit Stoffen, mit Farben. Auch Objekte wie der «Eames Elefant» haben etwas Spielerisches und sind gleichzeitig technisch brillant. Sie arbeiteten mit neuesten Materialien, mit Kunststoff, mit Aluminium. Sie orientierten sich an den Erkenntnissen der Flugzeugindustrie. Die Leichtigkeit und Schönheit des Aluminiumstuhls verblüfft noch heute. Sie verbanden technische Innovation ideal mit künstlerischem Geist. Und das Spielerische paarte sich bei ihnen mit einem ausserordentlichen Arbeitsethos.

Sie kannten beide gut. Wie arbeiteten sie zusammen?

Charles und Ray Eames gehörten zu den Pionieren des neuen Berufs Designer und stilisierten ihre Tätigkeit in grossartig inszenierten Auftritten. Sie gaben sich ganz als Pionier-Paar. Sie produzierten Filme über sich und ihre Arbeit. Für mich als letztlich doch Aussenstehender, der sie hie und da besuchte, war es schwierig, einen wirklich tiefen Einblick in ihre Arbeit zu erhalten. Generell unterscheidet sich die Arbeit der Designer von der der Künstler. Ein Objekt wird in einem Büro mit mehreren Angestellten entworfen, entwickelt und dann im Dialog mit den Fabrikanten produziert. Für Charles und Ray Eames war die Kreation eines Stuhls, eines Objekts immer ein langer Prozess, der nicht mit der ersten Produktion beendet war. Sie arbeiteten stets weiter an Verbesserungen. Der Begriff des Originals muss im Design anders interpretiert werden als in der Kunst. Ein Designoriginal ist ein Objekt, das vom legitimen Hersteller in Zusammenarbeit mit dem Designer entsteht.

Wie war Ray Eames? Wie wirkte sie auf Sie?

Ich lernte die beiden früh in meinem Leben kennen - kurz nachdem mein Vater Willi Fehlbaum 1957 die Rechte für die Produktion der Eames-Stühle in Europa erhielt. Zuerst Charles Eames, er und auch der Designer George Nelson kamen auf Besuch. Kurze Zeit später begegnete ich dem Paar Eames während meines USA-Aufenthaltes bei ihnen zu Hause in Kalifornien. Sie waren für mich so etwas wie Überfiguren, beeindruckten mich durch ihre weltmännische Art, durch ihren Lebensstil. Ray Eames war eine sehr herzliche, einfühlsame und aufmerksame Person, die auf andere Menschen einging und etwas Spielerisches hatte.