Es ist eine Geschichte, die noch immer die Runde macht: Die Geschichte der Reibereien innerhalb der Basler Reggaeszene, die sich am Auftritt von David Rodigan öffentlich entzündete. Unterschiedliche Ansichten, Unmut und Konkurrenzdenken sorgen für Verstimmungen.

Dass die Kaserne Basel als etablierter Ort für Reggaeveranstaltungen der Reihe «Full Attention» im April den Stecker zieht, lässt die Szene nicht in Ruhe. Ganz besonders nicht Lukie Wyniger, der die Reihe als DJ und Inputter mitgeprägt hat.

Lukie Wyniger, die Kaserne stellt die Reggae-Reihe «Full Attention» ein. Mit ein Grund ist, dass die Szene zerstritten ist. Haben Sie dafür Verständnis?

Lukie Wyniger: Ehrlich gesagt: nein. Es gab zwar Reibereien, aber ich halte das für einen Vorwand, um die Konzert-Reihe «Full Attention» einzustellen. Nach meinen Kenntnissen gab es in der Kaserne schon in den vergangenen Monaten kein Reggae-Konzert mehr. Wenn man keine Regelmässigkeit in eine Veranstaltungsreihe bringt, kann diese auch nicht zum Fliegen kommen.

Die Reihe gibt es ja schon sehr lange. Was ist passiert?

«Full Attention» startete ich vor zehn Jahren, als Laurence Desarzens noch in der Kaserne arbeitete. Die Reihe war damals äusserst erfolgreich. In den vergangenen Jahren habe ich mich mit Claasilisque Sound abgewechselt, einem jüngeren Reggae-Team aus Basel. Weil wir unterschiedliche Vorstellungen haben, was einen guten Reggae-Abend ausmacht und wegen einer Menge Kinderkram kam es zu Differenzen. Ich hatte grosse Mühe damit, dass in der Kaserne plötzlich Reggae DJs aus Deutschland auftreten durften, welche andernorts wegen ihrer homophoben Sprüche niemals gebucht würden. Dass wir unterschiedliche Auffassungen hatten, war für die Kaserne sicher anstrengend. Aber sie machte es sich in meinen Augen auch zu einfach, eine Lösung zu finden.

Inwiefern?

Ich habe mehrfach vorgeschlagen, dass wir uns alle an einem runden Tisch aussprechen sollten. Das wäre sicher keine einfache Sitzung geworden, aber eine notwendige. Vielleicht wäre man zum Schluss gekommen, dass sich die Kaserne von mir oder von Claasilisque hätte verabschieden müssen. Aber immerhin hätte man wieder eine klare Linie gehabt, was Reggae-Veranstaltungen angeht. Zum runden Tisch kam es aber nie, nur zu einzelnen Gesprächen und einem Massnahmenkatalog, der nie umgesetzt wurde. Jetzt zieht die Kaserne einen Schlussstrich, indem sie sich vom Reggae verabschiedet. Aus meiner Sicht, weil ihr die Suche nach einer Lösung zu mühsam erschien. Das, finde ich, kann sich die Kaserne nicht erlauben. Sie macht es sich zu einfach, wenn sie sich so aus der Verantwortung zieht.

Warum?

Die Basler Reggaeszene braucht die Kaserne. Sie steht für den einzigen Ort, der es sich leisten kann, ein grösseres Konzert zu veranstalten. Dank Subventionen kann sie das Risiko absichern, so wie die Rote Fabrik in Zürich.

In der Kaschemme traten 2017 auch dank Ihrer Hilfe Trettmann und Stereo Luchs auf, jetzt kommen diese ins «Viertel». Es gibt ja noch andere Clubs, die dem Reggae eine Heimat bieten.

Zum Glück. Im April werden sie in Basel zum zweiten Mal vor ausverkauftem Haus spielen. Die 500 Tickets für die Veranstaltung im «Viertel» sind schon seit Monaten weg. Die Kaserne hatte kein Interesse, dieses Konzert zu veranstalten. Wenn sie nun sagt, Reggae laufe nicht mehr so gut, dann scheint sie was falsch zu machen. Und wenn sie nun die Reggae-Fans hängen lässt, finde ich das bedauerlich, ja, fragwürdig. Es scheint, als würden diese gezwungen, nach Zürich zu fahren.

Aber für den Fan gilt doch einfach: Hauptsache Trettmann und Stereo Luchs kommen nach Basel.

Das stimmt. Aber auch im Bereich des modernen Roots-Reggae gibt es Künstler wie Chronixx oder Protoje, die es 2017 geschafft haben, die Rote Fabrik in Zürich zu füllen. Das sind Acts, die in der Schweiz über 1000 Leute ziehen, die man auch gerne in Basel erleben würde. Wenn sich die Kaserne aus dem Reggae zurückzieht, dürfte das nicht mehr der Fall sein.

Und dass Reggae weniger gut zieht als früher, das schliessen Sie aus?

Ja. Kürzlich spielte ich im Grand Casino Basel, vor dem französischen Reggaesänger Naâman. Er lockte mehr als 400 Zuschauer an, darunter viele Schweizer, und das an einem Sonntagabend. Auch Reggae-Partys in der Kaschemme oder in der Heimat laufen besser als früher. Karibische Musik ist nach wie vor sehr beliebt.

Die Kaserne lenke den Fokus künftig auf andere Musikrichtungen, sagte Musikchef Sandro Bernasconi in der bz. Immerhin hält man an «Step it Up» fest, jener Reihe, die mit Dub und Stepper Sound aufwartet.

Ja, aber da wird die Party selber ins Zentrum gerückt, mit DJs und selbst gebauten Soundsystems. Ich finde, man kann sich fragen, ob das notwendig ist in einem subventionierten Betrieb. In allen vergleichbaren Häusern sonst wird auf Konzerte gesetzt. Die «Enter The Dancehall»-Reihe in der Roten Fabrik ist äusserst erfolgreich. Wenn man sorgfältig programmiert, eine Regelmässigkeit schafft und Menschen mit Leidenschaft dahinter stehen, dann funktioniert eine solche Reihe.

Aber man versteht doch die Kaserne, dass sie eine Reihe einstellt, wenn die Szene zerstritten ist.

Ich glaube, Reibungen gehören dazu. In der Zürcher Elektroszene ist es sicher nicht anders. Was ich echt bedaure, ist, dass wir uns alle kennen und es nicht schaffen, gemeinsam an einen Tisch zu sitzen, das Telefon in die Hand zu nehmen oder eine Mail zu beantworten.

Ein Aufreger in der Szene war auch, dass David Rodigan in Basel nicht mehr vor dem Morgestraich auflegt, sondern nach Ostern in die Kaserne kommt. Der langjährige Rodigan-Booker Nic Plésel fühlt sich übergangen.

Was aber nicht die Absicht war: Im vergangenen Sommer traf ich einen von Rodigans Agenten am Notting Hill Carnival in London. Ich fragte ihn, ob Rodigan 2018 nach Basel komme. Das hänge von der Gage ab, beschied er und machte klar, dass diese in den vergangenen Jahren gestiegen sei. Nun wissen wir, dass die Kaserne mehr Mittel hat. Also stellte ich den Kontakt zur Kaserne her und sagte beiden Parteien, dass sie vorgängig mit Nic Plésel reden sollten, da er bislang Rodigan nach Basel geholt hatte. Offenbar suchte man das Gespräch mit ihm aber nicht und schloss den Vertrag ab. Ich fand es nichts als fair, wenn Nic in einer Form involviert wäre und schlug vor, dass er mit mir zusammen auflegen würde. Diesen Vorschlag zu unterbreiten überliess man mir. Es war keine dankbare Aufgabe, denn als ich Nic kontaktierte, war er bitter enttäuscht. Diese Verstimmung ist schade, klar, dass man mir den schwarzen Peter zuschiebt, muss ich wohl in Kauf nehmen. Aber: Rodigan entscheidet ja selber, wo und zu welcher Gage er auftritt. Am wichtigsten für Basel ist, dass er endlich wieder hier spielt. Und ehrlich: Unter all diesen Interna leidet ja vor allem eine Sache: der Reggae in Basel.

Sie präsentieren die meistgehörte Reggaesendung der Schweiz, das Reggae Special auf SRF3, sind national vernetzt. Basel könnte Ihnen da egal sein.

Ja, aber mir liegt zu viel an dieser Szene, dieser Stadt, als dass ich einfach aufgeben möchte. Ich wünsche mir, dass ich hier, wo ich lebe, tolle Reggaekonzerte erleben kann. Und dafür möchte ich einstehen und kämpfen, sprich einen Ort wie die Kaserne in die Pflicht nehmen. Denn eine Reihe auslaufen zu lassen, ist das eine. Das andere ist dann die Inkonsequenz: Wenn ein Phenomden oder ein Stereo Luchs irgendwann wieder mit The Scrucialists auf Tour gehen, wird sie die Kaserne ganz sicher wieder buchen, im Wissen, dass diese Konzerte gut laufen. So geht sie den Weg des geringsten Widerstands, das finde ich nicht ehrlich und auch nicht würdig für dieses Haus.

Was wünschen Sie sich?

Dass sich alle zusammenraufen und zeigen, dass ihnen der Reggae wichtig ist und ihr Ego zurückstellen. Wenn die zwei letzten Reggaeveranstaltungen der «Full Attention»-Reihe, die Auftritte von David Rodigan und Romain Virgo, gut besucht sind, dann fehlen der Kaserne doch die Argumente, ihre Reggae-Reihe auslaufen zu lassen. Ob ich in Zukunft eine Rolle spiele, ist mir völlig egal. Wichtig ist mir, dass der Reggae weiterhin in der Kaserne stattfindet und DJs dort auflegen, die auf Inhalte achten. Boykotte und Streit bringen uns alle nicht weiter. Deshalb sollte sich die Szene zusammenraufen. Den Konkurrenzkampf wünsche ich mir nur noch auf musikalischer Ebene, dort gehört er hin.

Sie meinen den Battle-Aspekt?

Genau. Wer legt die exklusiveren Platten, die sogenannten Dubplates, auf? Wer feuert das Publikum besser an? Das gehört zum Reggaegeschäft. Die Clashkultur wünsche ich mir auf dieser Ebene, nicht in den Medien. Denn das würde uns auch musikalisch weiterbringen.

Vorerst stehen Sie selber noch im Abseits: Am 1. April findet im Basler Parterre ein lokales Reggaefestival statt: «10 Years Unity», mit vielen Beteiligten, aber ohne Sie. Warum nicht?

Weil in dieser Szene zurzeit keine «Unity» herrscht. Ich fände es ehrlicher, zuerst die Ungereimtheiten aus der Welt zu schaffen, anstatt unter diesem Titel irgendwas vorzugaukeln, was nicht ist. Deshalb lasse ich das Festival in diesem Jahr aus, versuche aber die «Drahtzieher» und verfeindeten Parteien an einen Tisch zu bringen, um so etwas wie «Unity» herzustellen im Hinblick auf eine hoffentlich rosige Reggae-Zukunft in Basel mit vielen tollen Konzerten in der Kaserne. Die Reggaeszene sollte das Kriegsbeil begraben.

 

Reggae-Konzerte in Basel

29. März: Trettmann und Stereo Luchs, Das Viertel (ausverkauft).

1. April: 10 Years Unity, Parterre.

7. April: David Rodigan, Kaserne.

14. April: Romain Virgo, Kaserne.