Herr Morin, am Nominationsabend für Ihre erneute Kandidatur als Regierungsrat und -präsident wirkten Sie müde. Sind Sie überarbeitet?

Guy Morin: Wäre ich zwischendurch nicht müde, würde ich meinen Job nicht richtig machen - oder ich wäre ein Supermensch. Ein Regierungsjob beansprucht einen zeitlich und kräftemässig. Das Regierungspräsidium ist von der zeitlichen Beanspruchung her noch eine Spur intensiver.

Das kostet Kraft. Meine fünf Kollegen können zudem während der Regierungssitzung mal eine Pause bei der Früchteschale einlegen. Ich hingegen bin durch die Sitzungsleitung sechs Stunden am Stück gefordert. Deshalb bin ich an einem Dienstagabend besonders müde, weil ich meine Aufgabe ernst nehme.

Das Wahljahr ist besonders anstrengend. Wäre da die Vorstellung nicht reizvoll, wieder mehr Zeit dem Orgelspielen zu widmen?

Nein. Ich mache die Arbeit mit Begeisterung - auch für vier weitere Jahre. Man kann müde und beansprucht sein und gleichzeitig voll motiviert. Auch ein Spitzensportler wie Dario Cologna ist nach einem Lauf müde, aber trotzdem motiviert.

Die Bügerlichen greifen Ihren Sitz in der Annahme an, dass Sie das schlechteste Resultat der Bisherigen erzielen werden.

Ich habe eine andere Wahrnehmung: Die Bürgerlichen greifen das Regierungspräsidium an, weil dies die prominenteste und attraktivste Funktion ist. Beanspruchen sie eine Mehrheit, müssen sie meinen Sitz angreifen. Der Wahlkampf ist für mich ein Ausdruck davon, dass die Funktion des Regierungspräsidenten begehrt ist.

Die Bürgerlichen kritisieren, dass Ihr Departement die meisten Baustellen aufweist - etwa durch Doppelspurigkeiten der Stadtentwicklung zum Baudepartement.

Es ist das jüngste Departement, währen die anderen seit Jahrzehnten die gleichen Aufgaben haben. Die Verfassung will, dass das Präsidialdepartement eine koordinierende und planende Funktion hat. Vor 2009 bestand unsere Verwaltung aus sieben Fachdepartementen ohne gemeinsame Klammer. Neu bilden wir eine Firma statt sieben. Das Präsidialdepartement unterstützt die Fachdepartemente in der Planung.

Es ist sinnvoll, wenn zum Beispiel Schulraumplanung mit der Stadt-, Bevölkerungs- und Wohnraumentwicklung abgestimmt wird. Feinheiten der Abläufe können noch verbessert werden. Grundsätzlich funktioniert die Aufgabenteilung aber sehr gut.

Weiterer Kritikpunkt der Bürgerlichen: Sie würden sich zu wenig für den Wirtschaftsstandort einsetzen.

Wenn sich jemand für den Wirtschaftsstandort einsetzt mit Städtepartnerschaften in Schanghai, Massachusetts, Miami Beach und Auftritten in Hamburg oder in Moskau, dann sind dies das Präsidialdepartement und ich. Und: Ich war mitbeteiligt daran, dass sich die Grünen für eine Stimmfreigabe statt ein Nein zur Senkung der Unternehmenssteuern entschlossen haben.

Hinter vorgehaltener Hand werden Sie auch von links kritisiert.

Dass ich von rechts und links kritisiert werde, zeigt, dass ich es wahrscheinlich richtig mache. Der Regierungspräsident vertritt den Konsens der Regierung und nicht Extrempositionen.

Kritisiert wird auch Ihr Stil. Verletzt es Sie, wenn Sie von der «Basler Zeitung» als weinerlicher Grüntee-Trinker dargestellt werden?

Dieses Bild war so stark überzeichnet, dass es mich nicht verletzt hat. Macht man Politik ohne Emotionen, ist man nicht bei den Leuten. Politik besteht nicht aus reinen technokratischen Fachgeschäften. Mich berührt Politik, weil es um Menschen geht. Es gibt Leute in unserem Gemeinwesen, die benachteiligt sind oder von Entwicklungen in Europa oder der Klimaerwärmung verunsichert sind. Das hat mit Emotionen und Werthaltungen zu tun.

Schmerzt es Sie nicht, wenn Sie sich gefühlvoll für etwas einsetzen und genau dafür kritisiert werden?

Nein, denn das verfängt nicht. Pflegt und kolportiert man ein Ereignis aus dem Jahr 2005 heute immer noch, dann ist das billig.

Damals weinten Sie beim Auftritt vor einer Schulklasse.

Nein, sehen Sie, nicht einmal die Journalisten wissen, worum es geht, weil es sieben Jahre her ist. Es war eine Schappo-Preisverleihung an den Mädchenrat. Darunter war die Tochter guter Bekannter, die mich fragte, ob es mir nichts ausmache, dass ich meine Kinder nicht mehr so oft sehe. Das hat mich berührt. Ich bin aber im Reinen, weil meine Kinder und meine Frau wissen, weshalb ich mich engagiere und stolz auf ihren Vater oder Ehemann sind. Meine Familie und ich müssen auf viel verzichten, weil ich viel weg und zu Hause wegen der Arbeit zeitweise müde bin.

Planen Sie eine Wiederwahl im Schlafwagen?

Damit ich nachher ausgeruht bin? (lacht) Nein. Ich bemühe mich, meinen Job gut zu machen. Dann denke ich, ist meine Wiederwahl gesichert. Aber mein Job ist kein Schlafwagen, sondern ein Schnellzug.

Denken Sie, dass Ihnen Baschi Dürr gefährlich wird?

Ich freue mich sehr auf die Auseinandersetzung mit Baschi Dürr, weil das mir die Möglichkeit gibt, darzustellen, wie ich diese Funktion verstehe und ausübe.

Denken Sie, dass Dürr Ihren Job gut machen könnte?

Ich finde es mutig von ihm, dass er sich vorstellt, neu eine Regierungsfunktion auszuüben und gleich die Leitung zu übernehmen.

Das gilt auch für Lorenz Nägelin.

Ja, das Regierungspräsidium hätte ich mir gleich beim Antritt nicht vorstellen können, sondern erst nach vier Jahren in der Regierung, in denen ich zudem 2008 im regulären Turnus das Präsidium inne hatte.

Mit Baschi Dürr teilen Sie eine Gemeinsamkeit: Sie beide haben eine Militärkarriere verweigert.

Ich schätze Baschi Dürr sehr wegen seiner liberalen und unabhängigen Grundhaltung, die er konsequent durchsetzt. Er hat sich im Grossen Rat mehrfach für Stimm- und Wahlrecht für Ausländer eingesetzt - wir sind gemeinsam unterlegen. Manchmal habe ich aber den Eindruck, dass seine reine liberale Lehre in Richtung Tea Party geht. Er ist sehr staatskritisch und legt viel Gewicht auf das Individuum nach dem Motto «Survival of the Fittest».

Dabei gibt es auch Menschen, die unverschuldet in soziale Not geraten. Sie brauchen eine Unterstützung der Allgemeinheit. Der Staat muss einen sozialen Ausgleich schaffen. Das verneint Baschi Dürr. In meinen Augen hingegen ist der Staat für den Zusammenhalt und den Ausgleich mitverantwortlich. Dafür braucht es so wenig Regeln wie möglich, aber so viele wie nötig.

Hier steht Ihnen Lorenz Nägelin etwas näher, der sich als Staatsangestellter nicht für einen rigorosen Staatsabbau einsetzt.

Ich schätze auch Lorenz Nägelin sehr. Auch er ist eine sehr aufrichtige und gradlinige Person. Als Sanitäter hat er ähnliche Situationen wie ich als Hausarzt erlebt. Dadurch hat er sicher ein Verständnis für die Not. Diesbezüglich ist er vielleicht etwas volksnaher als Baschi Dürr. Wenn sich die SVP aber radikal für den Abbau von Sozialleistungen einsetzt, ist sie nicht mehr so volksnah.

Falls Ihre Herausforderer tatsächlich Ihren Sitz erobern: Würden Sie in eine Sinnkrise stürzen?

Nein, mein Lebenssinn steht und fällt nicht mit meiner Regierungsfunktion. So emotional, wie ich mich dafür eingebe, würde es mich aber sicher treffen. Ich könnte meine Ideale aber auch in anderen Funktionen ausüben. Einen Plan B habe ich jedoch nicht.