Es gibt jetzt fünfte Primarklassen. Im Hintergrund läuft die Umsetzung allerdings schon seit drei Jahren. Das Projekt «Harmonisierung der Schulen» unter der Leitung von Regina Kuratle hat den Systemwechsel mit all seinen Konsequenzen vorbereitet. Per Ende Jahr wird nun das Projekt in die Stammorganisation überführt - und wird dort weiterbetreut, bis die Schulreform 2021 umgesetzt ist.

Frau Kuratle, was haben Sie in den letzten drei Jahren gemacht?

Regina Kuratle: Meine erste Aufgabe war, das Projekt Harmos von Grund auf zu strukturieren. Die Ausgangslage waren ein vom Grossen Rat bewilligter Kredit von 49 Millionen Franken sowie das Schulgesetz. Die grosse Herausforderung war zu schauen, was es genau zu tun gibt in den drei Bereichen Schulraum, Personal und Pädagogik. Beim Schulraum haben wir zuerst die zukünftigen Schulstandorte festgelegt. Bei der weiteren Schulraumplanung wurde klar, dass es für diese grosse Aufgabe eine professionelle Projektorganisation mit Sachverständigen aller beteiligten Departemente braucht.

Der Umbau der Schulen ist von aussen sichtbar. Schwieriger verständlich sind die Veränderungen im Bereich Pädagogik.


Dort laufen zwei ganz grosse Projekte, an die viel geknüpft ist. Die Stichworte sind Schullaufbahnverordnung und Lehrplan. Diese Reformen betreffen den Unterricht. Für die Lehrpersonen und die Eltern sind das die Reformen, von denen sie direkt am meisten merken werden.

Das macht viele Eltern unsicher. Sie fragen sich, wie in Basel künftig eine normale Schulkarriere ihrer Kinder aussehen wird.

Es gibt einen Flyer, der die neuen Schulstrukturen aufzeigt: zwei Jahre Kindergarten, sechs Jahre Primarschule, drei Jahre Sekundarschule, vier Jahre Gymnasium. Nun werden diese neuen Strukturen mit Leben gefüllt. Viele Dinge werden neu geregelt, zum Beispiel, wie Kinder beurteilt werden von Anfang Kindergarten bis Ende Gymnasium. Und was es braucht für den Übertritt in die Sekundarschule, in die Berufsbildung und die Mittelschulen. Die neue Schullaufbahnverordnung, in der alle diese Laufbahnentscheide vom Kindergarten bis zum Ende der Mittelschule geregelt werden, ist erst seit Herbst 2013 in Umsetzung. Die Schulleitungen informieren via Elternbriefe und Elternabende. Die Lehrpersonen erklären auch den Kindern, wie es neu läuft und die Kinder tragen das nach Hause.

Wie funktioniert der Übergang in die Sekundarstufe?


Die zwei Zeugnisse der sechsten Klasse sind relevant. Alle Fächer werden benotet. Mit einer Formel wird aus den Noten ein Wert berechnet, der den Zugang zu den Leistungsniveaus A, E oder P bestimmt. Es gibt aber in der ersten und zweiten Sek die Möglichkeit, den Zug zu wechseln.

Die Laufbahnverordnung will, dass die Kinder möglichst gleichmässig auf diese drei Niveaus verteilt werden. Wie wollen Sie das erreichen?


Wir kommunizieren das als durchschnittlichen Richtwert für die Umsetzung. Das heisst nicht, dass eine Lehrperson ihre Klasse in drei gleich grosse Gruppen auf die Leistungsniveaus verteilen muss. Ausschlaggebend ist die schulische Leistung. Wir wissen, dass je nach Standort die Selektion anders verläuft und es wird keiner Schule verboten, mehr oder weniger als ein Drittel der Schüler in den A-, E- oder P-Zug zu schicken. Die Selektion ist eine grosse Herausforderung. Sie wird im Schuljahr 2014/15 es zum ersten Mal durchgeführt. Lehrpersonen der OS und der Primarschule geben nun erstmals Noten. Für sie gibt es Weiterbildungen, die sehr häufig gebucht werden. Und wir haben eine Handreichung für die Leistungsbeurteilung geschrieben.

Sie haben auch das Ziel, die Zahl der Gymnasiasten zu senken.


Die Prozentzahl der Gymnasiasten darf zumindest nicht mehr steigen. Und es sollen vor allem mehr Personen nach der Sekundarschule direkt eine Berufsbildung beginnen. Im Übrigen hat der P-Zug in Basel einen dualen Auftrag. Das ist ein Unterschied zum Kanton Baselland. Wir möchten, dass P-Schüler nicht nur ins Gymnasium gehen, sondern auch eine anspruchsvolle Berufslehre absolvieren. Auch sollen Schüler aus dem E-Zug in eine Mittelschule gehen können.

Die erste Selektion wird zeigen, ob es funktioniert.


Das ist sicher so. Wir trauen das aber den Lehrpersonen zu. Wir haben bewusst entschieden, dass die Lehrpersonen die Zuteilung machen. Das ist aus unserer Sicht die gerechtere Art als eine Prüfung durchzuführen. Dort entscheidet eine Momentaufnahme. So machen die Lehrerinnen und Lehrer als Teams die Beurteilung und die Selektion. Darauf kann man sich nicht in einem Kurs vorbereiten, sondern das Kind muss sich in der Schule über längere Zeit Mühe geben.

Gibt es gar keine Prüfungen?

Doch, aber erst in zweiter Instanz für Kinder, die aufgrund des zweiten Zeugnisses den Zugang ins E oder P nicht geschafft haben und mit dem Entscheid nicht einverstanden sind. Wir rechnen damit, dass das nur ein sehr kleiner Teil sein wird.

Einige Eltern haben Bedenken, das Gymnasium werde abgewertet, weil es nur noch vier Jahre dauert.


Ja, es gibt Befürchtungen, dass man ohne abgeschottetes Untergymnasium weniger von den Schülern verlangt. Ich kann dazu nur sagen, dass in den neuen Sekundarschulen besonders darauf geachtet wird, dass das Niveau nicht sinkt.

Ehrgeizig ist auch die Umsetzung des neuen Lehrplans. Klappt das?

Der Lehrplan 21 und die Stundentafel sollen in Basel im Schuljahr 2015/16 eingeführt werden - dann, wenn die neue Sekundarschule beginnt. Für die Primarschule mussten wir noch extra einen Übergangslehrplan erstellen, weil der alte OS-Lehrplan in der 5. und 6. Primar nicht mehr eingesetzt werden konnte. Das wollen wir in der Sek auslassen. Ich bin zuversichtlich, dass der Lehrplan dann fertig ist. Sehr zufrieden bin ich auch damit, dass wir seit einem Jahr eine bikantonale Stundentafel haben. Das Problem, es so hinzukriegen, dass die Stundentafel zum Lehrplan passt, das haben alle Kantone.

Haben Sie das Lehrpersonal, das den neuen Lehrplan auch unterrichten kann?

Für die Sekundarschule gibt es neu Fächergruppen. Wir schlagen den Fachlehrpersonen vor, gemeinsam einen Fachbereich zu unterrichten. Und wir motivieren sie dazu, eine Nachqualifikation zu erwerben, damit sie mittelfristig alle Fächer eines Fachbereichs unterrichten können. Wir haben dieses Jahr ein Weiterbildungsprogramm vorbereitet.

Wie geht es für Sie nun weiter?

Das Projekt und das Budget sind angelegt bis ins Jahr 2022. Wir können die Projektstruktur, die parallel zur Verwaltung aufgebaut wurde, herunterfahren, weil viele Rahmenvorgaben bereits definiert sind. Das geschieht früher als geplant. 8 von 16 Personen arbeiten aber weiterhin an der Umsetzung. Ich selber werde das Projekt Lehrplan weiterhin leiten sowie die Evaluation. Zusätzlich bin ich als Troubleshooterin da. Harmos ist seit Herbst in den Schulen angelangt und es gibt viele Fragen und Probleme. Da müssen Leute vom Erziehungsdepartement helfen, viele kleine und grössere Probleme zu lösen.

Kleine Probleme?

Ein Beispiel: Die OS ist noch da, in der 5. Primarschulkasse werden aber ebenfalls Naturwissenschaften unterrichtet. Doch es hat nur ein Skelett. Wir kümmern uns darum, dass beide Orte eines haben, kaufen neue Skelette und viele andere Materialien, die sowieso ersetzt werden müssen.

Dann bleibt noch der Schulraum. Bleiben Sie dabei, dass er der kritische Faktor der Schulreform ist?

Diese Aussage gilt noch. Bei den Sommerumbauten gab es dieses Jahr kaum Pannen. Weil es so viele Projekte sind, muss man aber immer mit Pannen rechnen, zum Beispiel mit zeitlichen Verzögerungen, wie das Sandgrubenschulhaus zeigt.

Sehen Sie weitere Hürden?

Die Umsetzung einer solch komplexen Reform ist letztlich immer auch eine Blackbox: Alles kann man nicht vorhersehen - und die Umsetzung beginnt ja erst. Für das Projekt kann ich sagen: Als ich hier angefangen habe, sagten alle, es sei nicht möglich, alles in so kurzer Zeit aufzugleisen. Aber das Team hat mit grosser Power versucht, die Reform aufzugleisen. Wir haben alles nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet.

Das Projekt wurde immer wieder kritisiert. Hat Sie das nie gestört?

Ich finde, im Grossen und Ganzen wurden wir wenig kritisiert. Aber das hat vielleicht mit der Art zu tun, wie wir kommuniziert und gearbeitet haben. Wir haben Fehler immer zugegeben und uns zu verbessern versucht. Und wir haben Kompromisse gesucht. Gegenüber den Schulleitungen und Lehrpersonen haben wir immer offen kommuniziert, dass viel Arbeit auf sie zukommt und es auch Pannen geben wird. Wir haben also eng mit den Schulen zusammengearbeitet. Aber es gibt Probleme.

Welche?

Nicht alle Lehrpersonen ertragen die Veränderungen durch die Wechselplanung gleich gut - obwohl wir diese minutiös vorbereitet haben und die Lehrpersonen nach ihren Präferenzen gefragt haben. Sehr sensibel ist, ob es den neuen Kollegien gelingt, zu guten Lehrerteams zusammenzufinden. Da müssen wir in den teilautonomen Schulen damit rechnen, dass es an den 37 Standorten nicht überall gleich gut läuft. Das können wir letztlich nicht beeinflussen, das müssen die Lehrpersonen selber an die Hand nehmen. Natürlich sind Lehrpersonen auch Beziehungsmenschen und die Reform belastet sie.

Gibt es weitere sensible Punkte?

Die pädagogischen Veränderungen sind anspruchsvoll. Es ist anspruchsvoll, gut zu benoten und kompetenzorientierten Unterricht zu erteilen. Das sind langfristige Ziele. Die Eltern können nicht erwarten, dass sofort ab der Einführung des neuen Lehrplans alles nach den Idealvorstellungen läuft. Das ist gar nicht möglich. Bis sich alles eingespielt hat, der Unterricht, das Wissen bei den Eltern über eine reguläre Schullaufbahn - das braucht seine Zeit.