Analyse

Regionalliga statt Weltklasse: So kann es im Historischen Museum nicht weitergehen

Das Historische Museum Basel muss nach Wegen aus der Krise suchen. So wie jetzt kann es nicht weiter gehen. (zvg)

Das Historische Museum Basel muss nach Wegen aus der Krise suchen. So wie jetzt kann es nicht weiter gehen. (zvg)

Viele Themen, viele Personen, viele Meinungen und Streitpunkte: Das Historische Museum Basel ist in eine tiefe Krise geschlittert. Angesichts dieser verfahrenen und zwischen einzelnen Akteuren persönlich zerrütteten Situation ist ein «Weiter so» beim Historischen Museum nicht möglich, schreibt bz-Chefredaktor Patrick Marcolli.

Alle gegen jeden: Die Gemengelage rund um das Historische Museum könnte verworrener kaum sein. Da ist zunächst Direktor Marc Fehlmann, der mit völlig überspitzten Behauptungen zur Lage der Archivbestände einen Teil seines eigenen Personals öffentlich desavouiert hat. Auf der anderen Seite stehen die Mitarbeiter um die zweimalige Interims-Direktorin Gudrun Piller, die sich daraufhin mit ihrem Protestbrief in der «Basler Zeitung» zu weit aus dem Fenster hinausgelehnt haben. Die Kommission zum Museum, die im Grunde ein machtloses Gremium aus Akademikern und einflussreichen Baslern ist, spielt plötzlich auch mit. Sie stärkt Fehlmann den Rücken und wittert gleichzeitig die Chance, im Powerplay gegen das Präsidialdepartement, dem die staatlichen Museen unterstellt sind, die künftige Strategie des Hauses bestimmen zu können. Und dann ist da noch das erwähnte Departement unter Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne) und der zuständigen Abteilung Kultur.

Im Rathaus, so viel ist klar, sitzen keine Fehlmann-Fans. Wäre die personalrechtliche Situation einfacher, die Geschichte des Hauses eine andere und der Handlungswille der Regierungspräsidentin grösser, befände sich Direktor Fehlmann wohl nicht mehr in Amt und Würden. Stattdessen hat er nun, nach der Affäre um ein in den Archivbeständen kurzzeitig nicht auffindbares «Basler Dybli», nur einen Maulkorb aufgebunden bekommen.

Die Situation ist enorm verfahren. Dies ist auch der zwitterhaften rechtlichen Lage der staatlichen Museen geschuldet. Die Politik möchte die Häuser an der langen Leine lassen, aber allzu lang darf die Leine dann auch wieder nicht sein. Der aktuelle Konflikt hat aber primär mit der personellen Konstellation zu tun. Im Zentrum steht Direktor Marc Fehlmann. Vor etwas mehr als zwei Jahren trat er an, ein bereits damals instabiles Haus auf sicheren Boden zu bringen. Seine Vorgängerin im Amt, Marie-Paule Jungblut, hatte innert kurzer Frist viel Geschirr zerschlagen und wurde vom damaligen Regierungspräsidenten Guy Morin mit Schimpf und Schande abgesetzt. Fehlmanns Vor-Vorgänger Burkard von Roda hatte durch das geglänzt, was man mit viel gutem Willen als Kontinuität bezeichnen könnte. Er war aber in Historikerkreisen wegen seines sehr konservativen Geschichts- und Museumsbilds höchst umstritten. Marc Fehlmanns Stärke, seine Umtriebigkeit und sein Veränderungswille, erwies sich bald wiederum als seine Schwäche: Er weibelte für sein Museum, verfasste in Eigenregie eine Studie über Gegenwart und Zukunft des Hauses, trieb Sponsorengelder auf und fand unterstützende Mäzene. Das allerdings im engen, für diese Art von eigenmächtigem Handeln allzu engen Korsett eines staatlichen Museums. Und in einem gesellschaftlichen Geflecht, dessen Vorstellungen über die «richtige» Art der Vergangenheitsschau sowie die Ausrichtung der Museen und der Kulturstadt generell weit auseinanderdriften.

Angesichts dieser verfahrenen und zwischen einzelnen Akteuren persönlich zerrütteten Situation ist ein «Weiter so» beim Historischen Museum nicht möglich. Ein Direktor, der auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, trägt ebenso wenig zur Beruhigung der Gemüter bei wie ein Präsidialdepartement, das nur Maulkörbe verteilt und sich um ein Machtwort drückt. Im besten Fall tut sich am Ende der Auseinandersetzung ein Türchen auf. Das Historische Museum muss als das betrachtet werden, was es ist: Ein Museum der Geschichte, wie es viele Städte in Europa kennen. Und nicht, wie Fehlmann in seiner eigenen Strategie-Studie schrieb, ein «international anerkanntes Weltklasse-Museum». Basel muss nicht überall Weltklasse sein – schon gar nicht um jeden Preis. Das, was sich derzeit beim Museum und in der Politik abspielt, verdient nicht einmal das Prädikat Regionalliga.

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Patrick Marcolli

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