Theater Basel
Regisseur Calixto Bieito fragt, was ist nach «Così fan tutte»

Das Theater Basel wird nicht «Così fan tutte» von Mozart und da Ponte zeigen, sondern einen Abend über Liebe, Wünsche und Enttäuschungen zur Musik von Mozarts Oper. Regisseur Calixto Bieito entwickelt seine eigene Geschichte.

Christian Fluri
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Calixto Bieito probt seinen Opernabend nach Musik von Mozarts «Così fan tutte». Priska Ketterer

Calixto Bieito probt seinen Opernabend nach Musik von Mozarts «Così fan tutte». Priska Ketterer

Nein, der spanische Regisseur und Artist in Residence am Theater Basel, Calixto Bieito, will Wolfgang Amadé Mozarts und Lorenzo da Pontes Meisterwerk über die Liebe, die Verführung und die Enttäuschung der Liebe «keineswegs verbessern oder umschreiben.» Dazu gebe es keinen Grund und das würde ihm auch nicht anstehen, sagt Bieito in unserem Gespräch. Weshalb er dennoch einen eigenen Opernabend mit Mozarts Musik zu «Così fan tutte» entwickelt und eine andere Geschichte erzählt, hat einen ganz anderen und einfachen Grund: «Ich habe in meinen frühen Regiejahren 1999 Mozarts Oper an der Welsh National Opera inszeniert.» Seine erste Opernarbeit in England feierte einen Erfolg und tourte mehrere Jahre auf der britischen Insel.

Nicht zweimal das selbe Stück

Nun ist Bieito vom Basler Intendanten Georges Delnon dennoch angefragt worden, «Così fan tutte» in Basel neu auf die Bühne zu bringen. Aber Bieito will nicht zweimal die gleiche Oper inszenieren, nicht noch einmal die selbe Geschichte erzählen, sondern sie weiterdenken. Er erzählt, dass ihn in England manch ein Zuschauer nach der Vorstellung gefragt habe, wie die beiden Paare zusammen weiterleben nach dem Schluss.

In Mozarts und da Pontes «Così fan tutte ossia La scuola degli amanti» schwärmen Ferrando und Guglielmo von der Treuer und Liebe ihrer Verlobten, den Schwestern Dorabella und Fiordiligi. Doch der Zyniker Don Alfonso glaubt der Liebe nicht und schlägt den beiden Männern eine Wette vor. Sie sollen Treue und Liebe ihrer Verlobten auf die Probe stellen, dabei assistiert ihm die Kammerzofe Despina. Die beiden Männer täuschen vor, in den Krieg zu ziehen und kommen – als zwei Reiche aus dem Orient verkleidet – zurück. Die beiden werben nun übers Kreuz um ihre Verlobten, drohen gar mit Selbstmord und haben so Erfolg. Die Täuschung fliegt auf, die Enttäuschung folgt – und dann nach der Verzeihung die Heirat. Bieito stellt sich nun die Frage, wie die vier als Paare weiterleben, nachdem sie ihre Liebesgefühle selbst zerstört haben.

«Was kommt nach dem Sex?»

«Ich beginne meine Geschichte dort, wo die Oper von Mozart und da Ponte endet – mit der Desillusionierung», erklärt Bieito. Sein Abend sei «ein Nachdenken über das Mysterium der Liebe». Was kommt nach dem Sex, nach der Leidenschaft, fragt sich Bieito und entwirft dazu eine Laborsituation, in der er die Musik Mozarts mit Texten zeitgenössischer Literatur verknüpft. Er spricht in doppeltem Sinne davon, dass seine Geschichte ein Experiment sei, das viele Risiken in sich berge.

Bieito verwendet Arien und Ensembles aus «Così fan tutte», frühe Gedichte über die Liebe des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq und Texte zur Liebe des schwedischen Filmautors und Theatermanns Ingmar Bergmann. Die Rezitative sind gekappt. Zudem verändert Bieito die Abfolge der einzelnen Arien und Ensembles und verkürzt die zweiaktige, rund dreistündige Oper auf eineinhalb Stunden. Gemeinsam mit dem Dirigenten Ryusuke Numajiri hat er die Fassung erarbeitet.

Don Alfonso und Despina sind bei Bieito ein etwas 50-jähriges Paar, das sich entfremdet hat und zurückschaut auf das, was von der Liebe übrig geblieben ist. In den jüngeren Paaren Fiordiligi und Guglielmo sowie Dorabella und Ferrando spiegeln sich die beiden Alten, die auch hier als Spielleiter agieren. Bieito erzählt seine «scuola degli amanti» aus dem Blickwinkel einer desillusionierten Despina, die in Basel von Noëmi Nadelmann verkörpert wird.

«Ich erzähle eine Geschichte über die Liebe von heute aus der Sicht meiner Generation», sagt der 51-jährige Bieito. Er nennt die Liebe wie das Leben komplizierte Landschaften. Hier könne man Glücksmomente erleben und ebenso schrecklich in die Tiefe stürzen. «Nicht alles im Leben ist eine Katastrophe», betont Bieito. «Es ist ebenso voller bezaubernder Momente.» Manchmal hasse man den Partner, dann liebe man ihn wieder, dann hege man den Wunsch, allein zu sein, sinniert Bieito.

Dabei stelle er sich keine konkreten Menschen vor, sondern entwickelt ein ins Abstrakte führendes Spiel um Liebe und Liebesenttäuschung, um Erwartungen, Wünsche und Verbitterungen, um die Macht der Triebe und die seelischen Abgründe. Wer Bieitos energiegeladenen Theaterarbeiten kennt, die in einer deftigen, sinnlichen Bildsprache die dunkelsten Seiten menschlichen Seins ausleuchten, weiss: So abstrakt wird sein Opernabend nicht sein. Sexualität als Gewalt- und Machtinstrument, Verletzung des anderen, das alles dürfte Bieito auch hier aufzeigen.

Das Spiel dreht sich um ein Bett

Das Bühnenbild ist ein riesiges Bett, als Metapher für all die Geschichten über das, was zwei Menschen auf Gedeih und Verderb miteinander verbindet oder sie voneinander abstösst. Das Orchester steht hinter dem Bett. Die Musik umspielt gleichsam den Tatort.

Und wo setzt Bieitos Opernabend im Ablauf der Musik ein? Auch am Schluss? «Nein, irgendwo in der Mitte.» Die Musik aber stehe am Schluss alleine. Mit ihr als echtem Ausdruck von Liebe ende sein Opernabend, verrät Bieito. «Musik ist Liebe, sie ist Leben. Mozarts Musik erzählt das Leben.» Calixto Bieito, der sich ein Leben nicht ohne Musik vorstellen kann, erklärt: «Mein Opernabend ist zwar weniger da Ponte, aber 100 Prozent Mozart.»