Frau Dieterle, über was sprechen wir?

Bettina Dieterle: Über Geschlecht, yeees!

Sie jubeln, wieso?

Das Thema Gender begleitet mich ein Leben lang. Eine Gesellschaft ist nur gesund, wenn Frauen gleiche Rechte und vor allem Respekt erhalten. Davon sind wir noch weit entfernt. Ich sage nur: Lohngleichheit, Kaderpositionen oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Viele Männer mögen mir da widersprechen, aber wir leben in einer männerdominierten Gesellschaft. Scheisse, jetzt komme ich in so ein Politding rein. Fangen wir anders an.

Wie denn?

Ich finde Männer toll – und habe einen tollen Mann. Es wäre schrecklich, wenn es nur Frauen oder nur Männer auf diesem Planeten gäbe. Ich bin eine Führungsperson und habe nie erlebt, dass Männer besser als Frauen für solche Positionen geeignet wären. Ich sehe eher, wie viele inkompetente Kerle Firmen leiten oder Politik betreiben.

Fühlen Sie sich als Regisseurin ernst genommen?

Jein. Ich habe grosse Kisten gemacht und mich bewiesen. Aber es gab auch die despektierlichen Momente. Erzähle ich, dass ich beim Schweizer Fernsehen arbeite und die Reaktion ist: Ah, darfst du Lampen halten? Das würde man niemals zu einem Mann sagen. Oder wenn ein Journalist mich in einem Interview «eine glatte Bohne» nennt. Da finde ich dann: Entschuldigung, Sie sprechen mit einer gestandenen Frau und nicht mit einem Kind.

Sie haben eine Ausbildung als Trauma- und Hypnosetherapeutin. Arbeiten Sie in diesem Bereich?

Nein, während der Ausbildung habe ich gemerkt, dass ich ein zu schlechtes Menschenbild bekomme. 85 Prozent der traumatisierten Opfer erlitten sexuelle Gewalt, Missbrauch und Folter. Verübt von Männern. Ich habe so viel Wut und Ekel bekommen, was ich nicht will. Für mein Seelenheil wäre diese Arbeit zu viel. Daraus entstanden ist aber «Move the Girls». Ein Projekt, das das Selbstbewusstsein von jungen Frauen stärkt. Die Pubertät ist eine schwierige Zeit. Das war auch für mich so.

Wieso war ihre Pubertät schwierig?

Ich wurde in den 80er-Jahren sozialisiert. Da waren Unruhen auf den Strassen. Und ich machte mit: bei Demos, Häuserbesetzungen, Jugendbewegungen, Punk. Es war eine spannende Zeit, aber nicht einfach.

Wie sind Sie denn aufgewachsen?

Ich stamme aus einem gut bürgerlichen Haus. Mein Vater war Gymnasiallehrer, an unseren Wänden hing viel Kunst. Da meine Eltern politisch engagiert waren, lief ich von klein auf bei Anti-AKW-Demos mit. Der Schritt in die Jugendbewegung erscheint rückblickend logisch. Meine Eltern haben dennoch leer geschluckt.

War für Sie früh klar, dass Sie zum Theater wollten?

Nein, als Kind dachte ich, Juristin oder Psychiaterin zu werden. Auf jeden Fall zuerst einmal die Matur und dann ein Studium machen. In den 80er-Jahren ging es aber darum, politisch und kreativ zu sein. Für mich war das Theater und die Musik ein guter Weg, um mich auszutoben und auszudrücken.

Vor etwa 20 Jahren hatten Sie viele Rollen, traten in Fernsehformaten auf. Heute arbeiten Sie vor allem als Regisseurin. Ist das Ihr Entscheid oder bekommen Sie weniger Angebote?

Beides. Für Schauspielerinnen im Alter zwischen 40 und 70 Jahre gibt es wenig Rollen. Frauen dürfen junge, hübsche Liebhaberinnen mit einem knackigen Körper verkörpern oder eine junge Mutter – dann ist Schluss. Es will niemand eine 50-Jährige auf der Leinwand sehen, die Runzeln kriegt. Das ist in Hollywood die Realität, aber auch in der Schweiz. Sind Frauen dann richtig alt und ohne jeglichen Sex-Appeal, werden sie wieder geholt. Zum Beispiel Stephanie Glaser.

Das ist deprimierend. Es ist 2017.

Die Emanzipation der Frauen steckt in den Babyschuhen. Meine Generation ist die erste, die eine ernsthafte Wahl hat: Wollen wir studieren; Kinder haben oder nicht; einen Mann oder eine Frau lieben? Wir stehen völlig am Anfang. Das sehe ich auch bei mir. Wie lange ich haderte, weil ich keine Kinder habe. Im Sinne von: Bin ich trotzdem eine richtige Frau? Ja, bin ich, kein Thema. Aber diese Unsicherheit ist tief verwurzelt.

Haben Sie sich bewusst gegen Kinder entschieden?

Nein, einmal habe ich mich bewusst gegen ein Kind entschieden und dann, als ich parat war, fand es nicht mehr statt. Heute ist das für mich in Ordnung. Ein Leben mit all den Theaterprojekten wäre mit einem Kind nicht möglich gewesen. Der Spagat, den Frauen zwischen Beruf und Familie machen müssen, ist brutal. Da unterscheidet sich die Kulturbranche nicht.

Was kann die Kunst leisten, damit ein Umdenken stattfindet?

Es braucht Künstlerinnen, die einfach ihr Ding durchziehen. Wir müssen viel mehr Mut haben und davon wegkommen, anderen gefallen zu wollen. Dazu zähle ich mich auch. Ich bin nun 52 Jahre alt und wage es erstmals, alleine auf die Bühne zu gehen. Im nächsten März ist Premiere meines Solo-Programms im Teufelhof.

Was zeigen Sie?

Politisches Kabarett, das vermisse ich aktuell total. Es gibt zwar haufenweise Comedians, die aber auf schnelle Lacher zielen. Ihre Programme sind ohne jede Substanz. Auch, weil sie vor allem über andere lästern. Dabei gibt der eigene Alltag genug her, um sich über sich selber lustig zu machen. Bestenfalls ertappt sich das Publikum beim Gedanken: Oh, das kenne ich!

Welche Themen wollen Sie aufgreifen?

Alle! Das Leben als 50-Jährige, das Frausein, die Schweiz, die Politik. Wenn es jemanden interessiert: prima. Und wenn nicht, ist es auch egal. Ich habe den Druck nicht mehr, den Salzburger Stier gewinnen zu wollen. Ich freue mich einfach total auf dieses Projekt.

Älter werden entspannt?

Ja. Ich war Gründungsmitglied des A-cappella-Kabaretts Acapickels. Mit diesen Künstlerinnen habe ich nach wie vor Kontakt – und wir finden: Ab Mitte 60 oder ab 70 drehen wir mehr auf als je zuvor. Wie die alte Frau, die an die Wand der Nationalbank «Kein Geld für Waffen» gesprayt hat. Sind wir älter, dürfen wir wieder in WGs leben, uns engagieren, Vollgas geben.

Wieso nicht dazwischen?

Klar, man kann subversiv sein. Aber die meisten haben eine Familie und Verantwortung. Wer aufmüpfiger als seine eigenen Kinder ist, den finde ich peinlich. Aber aufsässiger als die Enkel – das geht. Die Revolution muss von der Jugend und den Alten ausgehen.