Einkaufstourismus
Rekord an grünen Zetteln: Deutsche Zöllner stempeln im Akkord

Die Anzahl der am Zoll abgestempelten grünen Mehrwertsteuer-Zettel ist so hoch wie noch nie. Am Wochenende muss der deutsche Zoll gar sein Personal aufstocken.

Peter Schenk
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Ein deutscher Zöllner stempelt Ausfuhrscheine von zwei Schweizer Einkaufstouristinnen, damit sie ihre Mehrwertsteuer zurückfordern können.

Ein deutscher Zöllner stempelt Ausfuhrscheine von zwei Schweizer Einkaufstouristinnen, damit sie ihre Mehrwertsteuer zurückfordern können.

KEYSTONE

«Wir waren überrascht», kommentiert Antje Bendel, Mediensprecherin des Hauptzollamtes Lörrach, die neuesten Zahlen. Schon wieder gibt es einen Rekord: Mit 1,578 Millionen grüner Zettel sind im Zuständigkeitsbereich des Zollamts Lörrach im zweiten Quartal 2015 so viele Ausfuhrbescheinigungen für die Rückerstattung der deutschen Mehrwertsteuer abgestempelt worden wie noch nie.

In vier Jahren massive Zunahme

Im zweiten Quartal 2011 waren es noch 899 000. In nur vier Jahren hat die Zahl der grünen Zettel um rund 700 000 zugenommen. Die Grafik (rechts) zeigt deutlich den Zusammenhang mit dem Eurokurs, wobei der Einkaufstourismus trotz des stabilen Kurses von 2011 bis Anfang 2014 beständig zugenommen hat. Einen regelrechten Ausschlag der Kurve nach oben gab es nach dem Entscheid der Schweizerischen Nationalbank von Mitte Januar 2015, den Mindestkurs von Fr. 1.20 zum Euro aufzugeben.

Im Einzugsbereich des Zollamts Lörrach, der von Weil am Rhein über Lörrach und Grenzach-Wyhlen bis Badisch Rheinfelden reicht, sind 40 bis 50 Zollbeamte nur damit beschäftigt, die Zettel abzustempeln. Entlang der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz bis Singen sind es 140 bis 150.

Insbesondere am Freitag und Samstag reichen die beiden deutschen Beamten, die am Zoll Friedlingen/Hiltalingerstrasse abstempeln, nicht mehr aus für den Andrang. «Vielleicht 40 Prozent der Kunden kommen aus dem Rheincenter«, erklärt Center Manager Günther Merz. Der Zoll wolle jetzt einen zusätzlichen Container für die Abfertigung aufstellen. Horst Reichl, Vorsitzender Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft, Bezirksverband Baden, bestätigt diese Aussagen. «Wir haben Testläufe im Rheincenter gemacht, aber das ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich.» Es geht darum, sicherzustellen, dass die Ware wirklich in die Schweiz ausgeführt wird.

Entschieden sei aber noch nichts, teilt Mediensprecherin Antje Bendel mit. Einen Container aufzustellen sei eine Möglichkeit. «Bei allen angedachten Varianten gibt es noch viel zu prüfen. Die Verkehrssicherheit ist dabei nur ein Aspekt», sagt sie. Günther Merz, der in seinem Parkhaus neben BS- und BL-Autokennzeichen auch zunehmend auf solche mit Berner und Solothurner Wappen stösst, überrascht die Zunahme des Einkaufstourismus aufgrund der massiven Preisdifferenz nicht. «Wer einmal hier war, kommt wieder. Die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sind so hoch, dass auch derjenige sparen muss, der gut verdient.»

Voll des Lobes ist Merz auch wegen des 8er-Trams, das quasi vor seiner Haustüre hält. «Das Tram macht sich sehr bemerkbar. Kunden aus dem Aargau kommen jetzt mit dem Zug und steigen beim Bahnhof ins Tram um.»

Die Zunahme der abgestempelten grünen Zettel im zweiten Quartal haben sich auch bei den Basler Verkehrs-Betrieben (BVB) mit tendenziell steigenden Fahrgastzahlen von März bis Juni 2015 bemerkbar gemacht. Allerdings gebe es Schwankungen, teilt die BVB-Medienstelle mit. Am Samstagnachmittag gibt es derzeit einen 7,5-MinutenTakt, der ab Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2015 schon ab zirka 12 Uhr bis zirka 19 Uhr gelten wird.

Auch unter der Woche bauen die BVB den 7,5-Minuten-Takt nach Weil am Rhein aus. Er wird von Montag bis Freitag zwischen 15.30 und 19.30 Uhr gelten. Neu fährt das Tram dann ausserdem am Abend jede Viertelstunde statt wie bisher alle 30 Minuten.

Kommt der Gewöhnungseffekt?

Für Rainer Füeg, Herausgeber der Wirtschaftsstudie Nordwestschweiz, der das Thema Einkaufstourismus seit Jahrzehnten verfolgt, sagt die Anzahl der grünen Zettel noch nichts über die Höhe der ausgegebenen Beträge aus. Dass der Einkaufstourismus nach Aufgabe des gestützten Eurokurses derart stark zunahm, ist für Füeg keine Überraschung. «Interessant wird es im 3. Quartal. Dann wird sich zeigen, ob es schon einen Gewöhnungseffekt gibt», sagt Füeg. Dies sei allerdings reine Spekulation.

Ein wenig mehr über die ausgegebenen Beträge wird man am 11. September erfahren. Dann äussert sich die Handelskammer Südbaden anlässlich einer Medienkonferenz über die Höhe der Umsätze mit Schweizer Kunden.

Eine Bagatellgrenze für die Erstattung der Mehrwertsteuer wird es laut «Badische Zeitung» nicht geben. Die Hoffnung der Zöllner dürfte da eher bei der Automatisierung liegen, die das gesamte Erstattungsverfahren vereinfachen soll. Für Herbst ist die Ausschreibung und für Mitte 2016 eine erste Pilotphase geplant.