An den Basler Gymnasien hat es fast zehn Prozent mehr Kinder, die von Mai bis Oktober Geburtstag haben, als solche, die im anderen Halbjahr zur Welt gekommen sind. Das zeigt eine Auswertung der bz in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt Basel-Stadt. Anders gesagt: Wer kurz nach dem jeweiligen Stichtag – in der untersuchten Zeitspanne war es jeweils der 1. Mai – geboren ist, hat eine spürbar bessere Chance, später ans Gymnasium zu kommen als jene, die kurz vor dem Stichtag geboren sind. Und deshalb während der ganzen schulischen Laufbahn immer die Jüngeren, durchschnittlich weniger weit Entwickelten sind. Relativer Alterseffekt (RAE) nennt sich diese Benachteiligung, die vor allem aus dem Nachwuchssport bekannt ist und gegen die beispielsweise beim Schweizerischen Fussballverband mittlerweile Quoten-Regeln eingeführt wurde.

Dass der Geburtstag einen derartig starken Einfluss auf die spätere Schullaufbahn hat, wusste Dieter Baur, Leiter Volksschulen Basel-Stadt, bisher nicht. «Dieser Effekt ist mir neu. Auch die allermeisten Lehrpersonen dürften noch nie davon gehört haben, dass die Klassenjüngsten statistisch weniger oft ans Gymnasium kommen.» Allerdings wisse er aus eigener Erfahrung, dass eine gute Lehrperson solche Faktoren intuitiv berücksichtige – also die noch etwas weniger weit Entwickelten dort, wo es möglich ist, eher stützen. «Bei mündlichen Noten oder der Heftführung können die Leistungen durchaus dem Entwicklungsstand angepasst bewertet werden», sagt Baur. Die Selektion, welche Schüler ans Gymnasium gehen und welche nicht, basiere jedoch in Basel-Stadt auf einer klar definierten, mathematischen Formel. «Bei dieser Entscheidung wird keine Rücksicht genommen auf das relative Alter im Vergleich zu den Klassenkameraden», sagt Baur. Und natürlich auch nicht bei Mathe-Tests und Diktaten. «Ich kann doch einem Kind für die gleiche Anzahl Fehler nicht eine bessere Note geben, nur weil es ein paar Monate jünger ist», sagt der ehemalige Sportlehrer.

Relativer Alterseffekt im Basler Schulsystem

Genau dies wäre aber gemäss dem Basler Sportwissenschaftler und RAE-Experten Oliver Faude die einzig faire Lösung. «Man könnte zunächst anhand tausender Prüfungsnoten das genaue statistische Ausmass des relativen Alterseffekts bei Schülern herausfinden und dann entsprechende Abzüge und Boni verteilen.» Studien aus Kanada und Japan zeigen, dass selbst bei Selbstmorden ein Relativer Alterseffekt nachweisbar sei. «Kinder, die immer die Jüngsten waren und in Sport und Schule entsprechendes negatives Feedback erhielten, entwickeln später eher depressives Verhalten und haben gemäss dieser Studien ein höheres Selbstmord-Risiko.» Da sei es eigentlich sehr erstaunlich, dass der seit Jahrzehnten bekannte Effekt derart ignoriert werde.

Schuld ist der «Teufelskreis»

Dass der relative Altersunterschied auch nach zwei Jahren Kindergarten, vier Primar- und drei Orientierungsschuljahren noch einen derart starken Einfluss hat, liege am eigentlichen «Teufelskreis», den die Forschung dem RAE zuschreibt. Faude erklärt: «Bei der Einschulung macht der maximale Altersunterschied in einer Klasse rund 15 Prozent der Lebensdauer aus, das ist enorm viel. Entsprechend ist es möglich, dass die jüngeren durchschnittlich ein negativeres Feedback erhalten, sei dies informell, in der Gruppe oder anhand von Noten.

Diese schlechteren Erfahrungen beeinflussen die weitere Schullaufbahn und können nur sehr schwierig wieder aufgeholt werden – die Spirale dreht sich.» Aus der Forschung im Sportbereich seien nebst der Bewertungskriterien (im schulischen Beispiel der Anpassung der Notenskala) zwei weitere Lösungsansätze bekannt, die theoretisch auch auf die akademische Welt übertragbar wären. Erstens der Klassenwechsel nach Geburtstag – dass also jeder Schüler nach seinem Geburtstag in die nächste Klasse kommt. So etwas werde derzeit beim Schweizerischen Tennisverband ausprobiert, im Schulalltag sei es jedoch kaum umsetzbar. Zweitens ein wechselnder Stichtag – ein Schuljahr würde demnach nicht ein Jahr dauern, sondern 15 Monate. So würden die Klassenjüngsten in der nächsten Klasse die Klassenältesten und der RAE wäre aufgehoben.

Dass der relative Altereffekt bei Gymi-Schülern mit rund zehn Prozent nicht ausserordentlich stark ausgeprägt ist – insbesondere im Vergleich zum Nachwuchssport (siehe Box) – hat gemäss Volksschul-Leiter Baur auch damit zu tun, dass die Schulklassen durchlässig seien. «In der Schule ist es jetzt schon durchaus üblich, dass Kinder wegen ihrer persönlichen Entwicklungsstufe früher oder später eingeschult werden und Klassen überspringen oder wiederholen. Gerade beim Überspringen aber gibt es noch Potenzial nach oben, das wird noch zu selten gemacht.» Allgemein gelte es auch festzuhalten, dass sich die Schule vom Leistungssport klar unterscheide, weil die Aufgabe nicht sei, die Top-Talente möglichst weit zu bringen, sondern für alle Schülerinnen und Schüler eine möglichst solide Ausbildung zu gewährleisten.

Oswald Inglin, Basler CVP-Grossrat und langjähriger Gym-Lehrer und Konrektor, sagt: «Dass der Geburtsmonat einen Einfluss auf die Chance hat, das Gymnasium zu besuchen, war mit nicht bewusst und überrascht mich entsprechend. Einer Lehrperson ist kaum bewusst, welche Schülerinnen und Schüler im gleichen Jahrgang einige Monate älter sind als andere und dass deren Leistungen allenfalls besser sind als jene jüngerer Klassenmitglieder. Eine unterschiedliche Bewertung war auch nie Thema an unserer Schule und wäre im Moment reglementarisch auch nicht machbar.»

Ein Systemwechsel, etwa mit der von Sportwissenschaftler Faude ins Spiel gebrachten unterschiedlichen Benotung gleicher Leistungen je nach Alter, sieht er als nicht praktikabel und zu komplex, alleine schon deshalb, weil in der gleichen Klasse die Jahrgangs-Streuung gerade an Gymnasien bis zu zu drei oder gar mehr Jahrgangsstufen umfassen kann. «Ein Alleingang von Basel-Stadt wäre zudem wohl unmöglich, weil eine entsprechendes System an Maturitätsschulen schweizweit gleicht gehandhabt werden müsste. Aber ich bin durchaus der Meinung, dass das Phänomen beispielsweise an der Fachhochschule Nordwestschweiz genauer untersucht werden und die genaue Relevanz für das Basler Schulsystem geklärt werden könnte.» Dass der Geburtsmonat mitentscheidend sei darüber, ob ein Schüler ans Gymnasium komme oder nicht, sei sicherlich kein gewünschter Effekt.