Schullaufbahn
Relativer Alterseffekt: Geburtsmonat beeinflusst Karrierechancen

Der aus dem Nachwuchssport bekannte relative Alterseffekt zeigt sich auch an den Basler Gymnasien – die jüngeren Kinder einer Klasse sind untervertreten.

Samuel Hufschmid
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Sara und Sam sind beides Fünftklässler, doch sie ist ein ganzes Jahr älter. Statistisch gesehen hat die ältere Hälfte der Klasse grössere Chancen, später ans Gymnasium zu gehen, wie die Grafik an der Wandtafel zeigt.

Sara und Sam sind beides Fünftklässler, doch sie ist ein ganzes Jahr älter. Statistisch gesehen hat die ältere Hälfte der Klasse grössere Chancen, später ans Gymnasium zu gehen, wie die Grafik an der Wandtafel zeigt.

Foto: Kenneth Nars Grafik: Marco Tancredi Daten: Statistisches Amt Basel-Stadt/huf

An den Basler Gymnasien hat es fast zehn Prozent mehr Kinder, die von Mai bis Oktober Geburtstag haben, als solche, die im anderen Halbjahr zur Welt gekommen sind. Das zeigt eine Auswertung der bz in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt Basel-Stadt. Anders gesagt: Wer kurz nach dem jeweiligen Stichtag – in der untersuchten Zeitspanne war es jeweils der 1. Mai – geboren ist, hat eine spürbar bessere Chance, später ans Gymnasium zu kommen als jene, die kurz vor dem Stichtag geboren sind. Und deshalb während der ganzen schulischen Laufbahn immer die Jüngeren, durchschnittlich weniger weit Entwickelten sind. Relativer Alterseffekt (RAE) nennt sich diese Benachteiligung, die vor allem aus dem Nachwuchssport bekannt ist und gegen die beispielsweise beim Schweizerischen Fussballverband mittlerweile Quoten-Regeln eingeführt wurde.

Dass der Geburtstag einen derartig starken Einfluss auf die spätere Schullaufbahn hat, wusste Dieter Baur, Leiter Volksschulen Basel-Stadt, bisher nicht. «Dieser Effekt ist mir neu. Auch die allermeisten Lehrpersonen dürften noch nie davon gehört haben, dass die Klassenjüngsten statistisch weniger oft ans Gymnasium kommen.» Allerdings wisse er aus eigener Erfahrung, dass eine gute Lehrperson solche Faktoren intuitiv berücksichtige – also die noch etwas weniger weit Entwickelten dort, wo es möglich ist, eher stützen. «Bei mündlichen Noten oder der Heftführung können die Leistungen durchaus dem Entwicklungsstand angepasst bewertet werden», sagt Baur. Die Selektion, welche Schüler ans Gymnasium gehen und welche nicht, basiere jedoch in Basel-Stadt auf einer klar definierten, mathematischen Formel. «Bei dieser Entscheidung wird keine Rücksicht genommen auf das relative Alter im Vergleich zu den Klassenkameraden», sagt Baur. Und natürlich auch nicht bei Mathe-Tests und Diktaten. «Ich kann doch einem Kind für die gleiche Anzahl Fehler nicht eine bessere Note geben, nur weil es ein paar Monate jünger ist», sagt der ehemalige Sportlehrer.

Genau dies wäre aber gemäss dem Basler Sportwissenschaftler und RAE-Experten Oliver Faude die einzig faire Lösung. «Man könnte zunächst anhand tausender Prüfungsnoten das genaue statistische Ausmass des relativen Alterseffekts bei Schülern herausfinden und dann entsprechende Abzüge und Boni verteilen.» Studien aus Kanada und Japan zeigen, dass selbst bei Selbstmorden ein Relativer Alterseffekt nachweisbar sei. «Kinder, die immer die Jüngsten waren und in Sport und Schule entsprechendes negatives Feedback erhielten, entwickeln später eher depressives Verhalten und haben gemäss dieser Studien ein höheres Selbstmord-Risiko.» Da sei es eigentlich sehr erstaunlich, dass der seit Jahrzehnten bekannte Effekt derart ignoriert werde.

Relativer Alterseffekt

Schulklassen bestehen im Regelfall aus Kindern zweier Jahrgänge; der Stichtag entscheidet, ab welchem Datum ein Kind standardmässig eingeschult wird. Für den untersuchten Zeitraum war dies jeweils der 1. Mai. Wer exakt an diesem Tag geboren ist, ist 364 Tage älter als jemand, der am 30. April des darauffolgenden Jahres geboren wurde. Dieser Unterschied bedeutet, im statistischen Durchschnitt, für die jeweils älteren Kinder einen Entwicklungsvorsprung. Der Effekt, dass dieser Entwicklungsvorsprung Einfluss auf spätere Selektionen hat, sei es im Sport oder im akademischen Bereich, wird in der Forschung als relativer Altereffekt bezeichnet. Erste wissenschaftliche Publikationen dazu wurden bereits in den 1970er Jahren veröffentlicht.

Die bz hat den relativen Alterseffekt beim Nachwuchs des FC Basel seit 2015 mehrmals beleuchtet. Seither haben die Verantwortlichen Anpassungen vorgenommen, um den unerwünscht hohen Anteil früh im Jahr geborener Nachwuchsspieler zu verringern. So hat der Verband eine Quote für Spieler eingeführt, die im zweiten Halbjahr geboren sind. Dies aus dem Grund, dass Talente verloren gehen, wenn Kinder gefördert werden, die ihren Mitspielern nur wegen ihres Altersvorsprungs überlegen sind, weil dieser Vorsprung im Erwachsenenalter verpufft. In der akademischen Welt ist der Effekt ebenfalls mehrfach nachgewiesen. Eine Untersuchung der Universität Oxford mit 28'921 Studenten zeigte, dass die kurz nach dem Stichtag geborenen Studenten mit 14 Prozent übervertreten waren. Die relativ jüngsten Studenten eines Jahrgangs waren an der Universität mit 16 Prozent untervertreten. Die Untersuchung der «Schweiz am Wochenende» zeigt nun, dass dieser Effekt auch im Basler Schulsystem nachweisbar ist: Von 2005 bis 2016 sind 271 Schüler mehr mit Geburtstag im ersten Halbjahr ab Stichdatum in Basler Gymnasien eingetreten als solche mit Geburtstag im zweiten Halbjahr. Das entspricht 10,3 Prozent. Die Geburtenraten hingegen sind jeweils ziemlich regelmässig über Jahreshälften verteilt: In Basel-Stadt wurden von 1991 bis 2000 gemäss Statistischem Amt jährlich 928 Kinder von November bis April geboren und 943 von Mai bis Oktober. In wissenschaftlichen Arbeiten wird die Verteilung der Geburtenzahlen jeweils herausgerechnet , die «Schweiz am Wochenende» hat diesen Effekt nicht berücksichtigt.

Das Basler Schulsystem bestand für Schüler im Untersuchungszeitraum aus vier Jahren Primar- und drei Jahren Orientierungsschule. Die erste Selektion – der Eintritt ins Gymnasium oder die Weiterbildungsschulen – fand demnach nach sieben Schuljahren statt. Mit dem neuen Schulsystem, in dem nach sechs Primarschuljahren eine erste Selektion in die verschiedenen Sekundarschul-Niveaus durchgeführt wird, dürfte den relativen Alterseffekt gemäss Theorie verstärken. Auch, dass der Stichtag seit 2012 jährlich um einen halben Monat nach hinten verschoben wurde und ab 2017 am 1. August ist, dürfte den Effekt verstärken, da die Kinder bei Schuleintritt jünger sind.

Schuld ist der «Teufelskreis»

Dass der relative Altersunterschied auch nach zwei Jahren Kindergarten, vier Primar- und drei Orientierungsschuljahren noch einen derart starken Einfluss hat, liege am eigentlichen «Teufelskreis», den die Forschung dem RAE zuschreibt. Faude erklärt: «Bei der Einschulung macht der maximale Altersunterschied in einer Klasse rund 15 Prozent der Lebensdauer aus, das ist enorm viel. Entsprechend ist es möglich, dass die jüngeren durchschnittlich ein negativeres Feedback erhalten, sei dies informell, in der Gruppe oder anhand von Noten.

Diese schlechteren Erfahrungen beeinflussen die weitere Schullaufbahn und können nur sehr schwierig wieder aufgeholt werden – die Spirale dreht sich.» Aus der Forschung im Sportbereich seien nebst der Bewertungskriterien (im schulischen Beispiel der Anpassung der Notenskala) zwei weitere Lösungsansätze bekannt, die theoretisch auch auf die akademische Welt übertragbar wären. Erstens der Klassenwechsel nach Geburtstag – dass also jeder Schüler nach seinem Geburtstag in die nächste Klasse kommt. So etwas werde derzeit beim Schweizerischen Tennisverband ausprobiert, im Schulalltag sei es jedoch kaum umsetzbar. Zweitens ein wechselnder Stichtag – ein Schuljahr würde demnach nicht ein Jahr dauern, sondern 15 Monate. So würden die Klassenjüngsten in der nächsten Klasse die Klassenältesten und der RAE wäre aufgehoben.

Dass der relative Altereffekt bei Gymi-Schülern mit rund zehn Prozent nicht ausserordentlich stark ausgeprägt ist – insbesondere im Vergleich zum Nachwuchssport (siehe Box) – hat gemäss Volksschul-Leiter Baur auch damit zu tun, dass die Schulklassen durchlässig seien. «In der Schule ist es jetzt schon durchaus üblich, dass Kinder wegen ihrer persönlichen Entwicklungsstufe früher oder später eingeschult werden und Klassen überspringen oder wiederholen. Gerade beim Überspringen aber gibt es noch Potenzial nach oben, das wird noch zu selten gemacht.» Allgemein gelte es auch festzuhalten, dass sich die Schule vom Leistungssport klar unterscheide, weil die Aufgabe nicht sei, die Top-Talente möglichst weit zu bringen, sondern für alle Schülerinnen und Schüler eine möglichst solide Ausbildung zu gewährleisten.

Oswald Inglin, Basler CVP-Grossrat und langjähriger Gym-Lehrer und Konrektor, sagt: «Dass der Geburtsmonat einen Einfluss auf die Chance hat, das Gymnasium zu besuchen, war mit nicht bewusst und überrascht mich entsprechend. Einer Lehrperson ist kaum bewusst, welche Schülerinnen und Schüler im gleichen Jahrgang einige Monate älter sind als andere und dass deren Leistungen allenfalls besser sind als jene jüngerer Klassenmitglieder. Eine unterschiedliche Bewertung war auch nie Thema an unserer Schule und wäre im Moment reglementarisch auch nicht machbar.»

Ein Systemwechsel, etwa mit der von Sportwissenschaftler Faude ins Spiel gebrachten unterschiedlichen Benotung gleicher Leistungen je nach Alter, sieht er als nicht praktikabel und zu komplex, alleine schon deshalb, weil in der gleichen Klasse die Jahrgangs-Streuung gerade an Gymnasien bis zu zu drei oder gar mehr Jahrgangsstufen umfassen kann. «Ein Alleingang von Basel-Stadt wäre zudem wohl unmöglich, weil eine entsprechendes System an Maturitätsschulen schweizweit gleicht gehandhabt werden müsste. Aber ich bin durchaus der Meinung, dass das Phänomen beispielsweise an der Fachhochschule Nordwestschweiz genauer untersucht werden und die genaue Relevanz für das Basler Schulsystem geklärt werden könnte.» Dass der Geburtsmonat mitentscheidend sei darüber, ob ein Schüler ans Gymnasium komme oder nicht, sei sicherlich kein gewünschter Effekt.