Ikonen sind keine gewöhnlichen Bilder. Denn sie verkörpern, was sie zeigen. Und sie sind Dinge des Gebrauchs: zum Anfassen gedacht, zum Halten, zum Küssen. Bis heute zirkulieren Heilige im Alltag christlich-orthodoxer Haushalte. Auf Holztafeln gemalt, werden sie vom Esstisch zum Krankenbett getragen und begleiten ihre Eigentümer wie intime Freunde. Weil sich in natürlichen Pigmenten noch das spärlichste Licht verfängt, bricht die Ikone beim Eindunkeln den Kontakt nicht ab. Und bei Tagesanbruch sind die Heiligen die ersten, die der Reihe nach aus dem Schein des Goldgrunds treten: Zeugen einer göttlichen Ordnung, alte Vertraute aus einer Welt, die vor Jahrhunderten im byzantinischen Christentum ihren Anfang nahm.

Das Philosophicum nimmt in diesen kürzesten Tagen die Ikone zum Anlass, über die Heiligkeit von Bildern nachzudenken. Mehr als vierzig russische Holztafeln aus dem 16. bis 19. Jahrhundert sind zu bestaunen in der Basler Denkwerkstatt an der St. Johanns-Vorstadt.

Georgische Ikonenspezialistin

Zusammengetragen hat sie Nina Gamsachurdia. Sie habe ein riesiges Glück gehabt, sagt die gebürtige Georgierin heute. Und die Geschichte ihrer Liebe zur Ikonenmalerei hört sich an wie Weihnacht. Denn als sie 1992 nach dem Militärputsch Hals über Kopf und hochschwanger ins schweizerische Exil kam, war an die wissenschaftliche Weiterarbeit über byzantinische Tafelmalerei nicht zu denken. Aus der Sprachlosigkeit sollte sie dorthin zurückfinden, wo sich ihre Faszination ganz früh entzündet hatte: zum Material, zu den lichtechten Bunttönen, zur eigenen künstlerischen Praxis. Marmormehl und Alabaster bilden die Grundierung ihrer Leinwände, und es ist auch das Wissen der Malerin, das ihr heute Expertisen und Restaurierungen in der Ikonenmalerei zuträgt.

«Wenn man ‹Ikone› sagt, haben die meisten keine grosse Ahnung», stellt Nina Gamsachurdia fest. «Es gibt keine richtige Rezeption dieser Kunst.» Man spürt im Gespräch mit der charismatischen Frau einen Willen, dem Halbwissen der westlichen Welt mit Information, aber auch praktischer Anweisung zu begegnen. Die östliche Kirche ist fern, im Westen kann höchstens eine kleine Minderheit die russischen und kirchenslawischen Bildbeischriften entziffern.

Die offizielle Kunstgeschichte hat religiöse Bilder aus ihrem liturgischen Zusammenhang gelöst und hält eine skeptische Distanz zu jener Sprache des Glaubens, die in der Gottesmutter, im Erzengel oder im Haupt Christi mehr als Belege einer volkstümlichen Frömmigkeit ausmacht. Nimmt der Kunstmarkt Mass an Alter und Herkunft von Bildern, ist dem Gläubigen jedes Bild echt, das er braucht.

Wo wir gewohnt sind, Malerei in ihrer stilistischen Entwicklung ernst zu nehmen, fragen Ikonen nach dem intimen Dialog – nach der Bereitschaft, das Sichtbare hinter uns und Erkenntnis zuzulassen. Vermittelt Maria, die ihren Kopf mit den mandelförmigen Augen leicht zum Kind hin senkt, die Zärtlichkeit göttlichen Wirkens? Führen uns Darstellungen der himmlischen Weisheit etwas zu an Demut und Kraft? Die Ausstellung lädt dazu ein, solches zu prüfen.

Schwarz gestrichene Kammern lassen fast zu wenig Licht ein: gerade genug, um das kräftige Leuchten satter Rottöne und den berittenen Erzengel Michael zu bestaunen. Der gedrängten Erzählfreude der klein- und mittelformatigen Holztafeln, den Figuren, die sich ohne Schattenwurf ganz in der Fläche aufhalten, stehen in der offenen Druckereihalle weisse Stellwände gegenüber. Sie tragen Bilder neueren Datums: Werke von russischen Künstlern aus der Sowjetzeit. Der 2012 in Paris verstorbene Eduard Steinberg etwa steht für eine Kunst, die sich dem sozialistischen Realismus verweigerte. In seiner avantgardistischen Zeichensprache ertastete er die religiöse Kontemplation für das Bild im 20. Jahrhundert.

Führungen und Weihnachtsfeier

«Ikonosophia» heisst die Ausstellung in der Druckereihalle im Ackermannshof. Die Wortschöpfung verknüpft die griechischen Vokabeln für «Bild» und «Weisheit». Führungen, Lesungen und Denkimpulse rund um die Ausstellung verorten die Tradition der Ikone auch in der weltlichen Kultur von Kunst, Film, Musik. Und heute Samstag lädt das Philosophicum zum Feiern ein: Ab 17 Uhr leitet Nina Gamsachurdia zum Basteln von Baumschmuck an, ab 19 Uhrstehen östliche und westliche Weihnachtslieder auf dem Programm.

Ikonosophia Philosophicum: Druckereihalle im Ackermannshof, St. Johanns-Vorstadt 19/21. Bis Sonntag, 15. Januar. Anmeldungen zur heutigen Weihnachtsfeier werden noch bis 12 Uhr entgegengenommen (Telefon 061 500 09 33).