Frau Hafner, was will die interreligiöse Friedenserziehung?

Amira Hafner-Al Jabaji: Wir leben in einer Zeit, in der die Religionen grundsätzlich ein schlechtes Image haben und vermehrt für Konflikte und Gewalt verantwortlich gemacht werden. Die interreligiöse Friedenserziehung will, dass die Religionen vermehrt zur Konfliktverhinderung und für Lösungen herbeizogen werden. Diese Bemühungen sollen nicht nur dem rein säkularen Gedankengut überlassen werden. Denn wir leben in einer interreligiösen und multikulturellen Gesellschaft.

Seit wann haben die Religionen ein schlechtes Image?

Seit der Aufklärung hat die Kirche einen eher schlechten Ruf in Europa. Daneben gab es in den letzten Jahrzehnten in bestimmten muslimischen, jüdischen und auch christlichen Milieus zunehmende Radikalisierungen. Fast täglich werden wir mit religiös begründeter Gewalt in den Medien konfrontiert. Neu dabei sind die globale Vernetzung und die Unmittelbarkeit. Die Ereignisse in Syrien, im Irak oder in Israel und Palästina wirken sich immer sofort auch auf unser lokales Zusammenleben und den hiesigen Dialog aus.

Wie wird zurzeit der interreligiöse Dialog in der Schweiz geführt?

Unterschiedlich. Auf der einen Seite sind enorme Bemühungen im Gang, dass man sich nicht von den weltweiten Ereignissen vereinnahmen lässt. Auf der anderen Seite stelle ich gerade im christlich-muslimischen Dialog aufseiten der Muslime Ermüdungserscheinungen fest.

Inwiefern?

Die ganz profanen Bedürfnisse der Muslime – wie die Frage nach Bestattungsmöglichkeiten oder dem religiösen Unterricht für Kinder – sind seit Jahrzehnten formuliert. Bis dato ist aber nur wenig passiert. Ich höre immer wieder von Muslimen, dass sie sich zwar um den Dialog bemühen, aber nicht vom Fleck kommen.

Woran liegt diese Stagnation?

In der Schweiz, wie auch in den anderen europäischen Gesellschaften, findet ein Rückzug hin zum Traditionellen statt. Dadurch nimmt die Offenheit für Andersgläubige und Zugewanderte ab. Auf der anderen Seite haben die traditionellen Moscheengemeinschaften in der Schweiz noch keinen Generationenwechsel vollzogen. Es ist mehrheitlich die erste Generation von Zuwanderern, die Kulturvereine betreibt. Häufig besitzen sie zu geringe Kenntnisse der hiesigen Gesellschaft. Dazu kommt, dass nach wie vor keine Imame in der Schweiz ausgebildet werden. Die Moscheen sind auf Imame aus dem Ausland angewiesen. Um den Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft herzustellen, braucht es fundierte Kenntnisse und Intuition, wie in unserer Gesellschaft Themen diskutiert werden.

Wie positionieren sich die Muslime, die hier aufgewachsen sind?

Die zweite Generation, die inzwischen erwachsen ist, ist hin und her gerissen. Sie hat miterlebt, dass man es nicht weit bringt, wenn man sich in unserem säkularen Umfeld mit dem Religiösen befasst. Deshalb ziehen sie sich vermehrt in ihr privates und berufliches Leben zurück. Dabei wäre eine Diskussion über innerislamisch kontroverse Themen notwendig. Denn viele junge Muslime wollen sowohl eine muslimische Identität als auch ein modernes Leben führen. Dafür braucht es neue Strategien.

Welche Möglichkeit hat die interreligiösen Friedenserziehung, wenn die Schweiz und Europa sich in ihre Traditionen zurückziehen?

Sie muss vor allem darauf hinweisen, dass jede Religion einen riesigen Schatz birgt, der positiv wirken kann. Dafür brauchen die religiösen Gemeinschaften ein neues Eigenverständnis. Dieses wird am besten durch die Begegnung und im Dialog mit anderen Religionen entwickelt. Was mir in der Friedenserziehung ganz wichtig erscheint, ist die Berücksichtigung aller Generationen. Nur so gewinnen wir das umfassende Bild.

Wo wird die interreligiöse Friedenserziehung bereits eingesetzt?

Vor allem in den Bereichen der soziokulturellen Animation, aber auch in öffentlichen Kindergärten und Schulen wird mit diesen Ansätzen gearbeitet.

Und wo liegen die Stolpersteine?

Der interreligiöse Dialog findet immer in asymmetrischen Verhältnissen statt. Wir haben eine Mehrheitsgesellschaft, die sich in die fragende Position begibt. Und wir haben Minderheiten, die ständig Antworten liefern müssen. Es gilt, diese Asymmetrie anzugleichen. Auch die Minderheiten müssen kritische Fragen formulieren. Unhinterfragte Konzepte der Mehrheitsgesellschaft müssen genauso reflektiert werden wie jene von Minderheiten. Nur dann können vermeintliche Selbstverständlichkeiten aufgebrochen werden. Gelingt dies, haben wir schon viel gewonnen.