Nähkästchen

Remo Gallacchi zum «Baby-Gate»: «Der Hype hat mich echt erstaunt»

Im Nähkästchen der Schweiz am Wochenende befinden sich «Lösli» mit verschiedensten Begriffen. Remo Gallacchi hat «Ziele» herausgefischt.

Noch-Grossratspräsident und CVP-Politiker Remo Gallacchi (50) plaudert aus unserem Nähkästchen. Wie er Silvester feiert, über vernachlässigte Engagements – und ein letztes Mal übers «Baby-Gate».

Herr Gallacchi, worüber reden wir?

Über Ziele.

In drei Tagen ist das Jahr 2018 Geschichte. Setzen Sie sich jeweils Ziele fürs neue Jahr?

Weniger. Sie können sicher einen Motivationsschub bewirken, aber meist scheitert es am eigenen Willen, ans Ziel zu gelangen.

Aber der Weg ist doch das Ziel.

Das stimmt auch wieder. Ich habe mir ja schon ein paar Ziele gesetzt. Und zwar, dass ich mir wieder mehr Zeit nehme für die Musik – ich spiele Waldhorn bei der Stadtmusik und trommle an der Fasnacht. Ich habe nun ein Jahr lang wegen des Amts als Grossratspräsident pausiert. Die Musik fehlte mir sehr. Und ich möchte mich wieder intensiver bei der «Baseldytschi Bihni» einbringen, da amte ich als Präsident.

Läuft es da nicht gut?

Doch, wir sind zufrieden. In der heutigen Welt, die von digitalen Inhalten dominiert wird, geniessen es die Leute, einfach mal ins Theater und «offline» zu gehen. Aber: Es ist nicht ein Selbstläufer, man muss dranbleiben. Mein Ziel ist es, das Stammpublikum mehr zu pflegen und neue Besucher für die «Baseldytschi Bihni» zu begeistern, zum Beispiel via mehr Firmenevents. Auch begeben wir uns erstmals auf die Suche nach einem Hauptsponsor.

Ihr Jahr als Grossratspräsident läuft Ende Januar ab. Sind Sie froh, dass es bald vorbei ist?

Ja, das bin ich. Nicht wegen des unvorhergesehenen Rummels der vergangenen Wochen, sondern, weil das Amt sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und auch anstrengend ist. Ich arbeite ja noch 80 Prozent als Lehrer am Gymnasium am Münsterplatz.

Mit dem Rummel sprechen Sie das «Baby-Gate» an. Anfangs Dezember musste Grossrätin Lea Steinle auf Ihr Anordnen hin den Grossratssaal mit ihrem Baby verlassen, das hat hohe Wellen geschlagen, sogar national.

Der Hype hat mich echt erstaunt. Nun ist es deutlich ruhiger. Ich werde zwar noch hin und wieder darauf angesprochen, aber es legt sich, auch mit Anfeindungen auf Social Media. Und ich nehme es gelassen.

Wirklich? Vor «Baby-Gate» wurde gesagt, Sie hätten Ihr Amtsjahr «ohne Aufregung und sehr umsichtig» absolviert. Nun wird Ihr Name vor allem wegen des «Baby-Gate» in Erinnerung bleiben. Das ärgert Sie sicher.

Nein, tut es nicht. Selbstverständlich war es eine schwierige Situation, und ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht. Aber belastet hat es mich nicht gross, weil ich nie das Gefühl hatte, dass es ein falscher Entscheid gewesen ist.

Nie Gedanken dazu, ob Sie es anders hätten machen können?

Doch, das schon. Vielleicht hätte ich bis nach der Grossratssitzung warten und Frau Steinle dann zur Seite nehmen sollen. Aber es kam eben auch keine Anfrage von ihr. Ich wurde überrascht.

«Baby-Gate» mal abgesehen – was ziehen Sie für ein Fazit zu Ihrem Jahr als höchster Basler?

Ein sehr positives. Ich habe viel gelernt und spannende Personen aus verschiedensten Institutionen kennengelernt.

Sie haben vorhin gesagt, das Jahr sei anstrengend gewesen. Was hat Sie am meisten gefordert?

Das Hauptziel des Präsidenten ist ja, dass jede Abstimmung formal korrekt abläuft. Wenn etwas schief läuft, ist das Ergebnis anfechtbar. Da muss man auf der Hut sein.

Sprich, den Laden, also die Grossräte, im Griff haben?

So kann man es auch sagen. Als Grossratspräsident muss man stets zusehen, dass die Wortwahl bei Reden nicht unter die Gürtellinie fällt. Ich musste nie einen Verweis aussprechen, aber doch hin und wieder einen Redner darauf hinweisen, seine Worte bedachter zu wählen.

Regierungspräsidentin Ackermann zum Beispiel, als sie drei Mal das Wort «bescheissen» verwendete.

Genau. Das war wohl das erste Mal, dass ein Regierungsrat gemassregelt werden musste. Aber einen Verweis gab es nicht.

Sie sitzen seit zehn Jahren im Grossen Rat. Gab es früher mehr Verweise? Ist der Grosse Rat gesitteter geworden?

Nein, eher umgekehrt. Mein Empfinden ist es, dass der Ton ein bisschen rauer geworden ist.

Woran liegt das?

Wohl an den Themen, die behandelt werden. Die Abstimmungsverhältnisse sind oftmals knapp, und die Themen bewegen sich zunehmend in einem links-oder-rechts-Schema.

Haben Sie die Ziele, die Sie sich gesteckt haben, erreicht? Sie sagten ja zu Beginn des Amtsjahrs, Sie wollten ein Grossratspräsident für Basel-Stadt sein. Inwiefern?

Ich wollte gerade bei Vereinen einen intensiveren Einblick erhalten, und den habe ich erhalten. Ich habe festgestellt, wie wichtig es ist, solche Anlässe zu besuchen und das Netzwerk auszuweiten. Nicht nur als Grossratspräsident. Mir ist bewusst: Zeit ist ein knappes Gut, gerade im Milizsystem. Aber ich finde, die Politiker Basels sollten im Allgemeinen mehr Anlässe von Vereinen besuchen, etwa Einladungen einer Zunft wahrnehmen. Auch wenn das vielleicht nicht ihrer Klientel entspricht.

Warum?

Vereine bereichern das Leben einer Stadt. Und gerade von den Zünften haben viele das falsche Bild, denken dabei sofort an gut betuchte Mitglieder, aber das entspricht meist nicht der Realität. Bei vielen sind nicht Berge von Geld vorhanden. Und trotzdem setzen sich diese für soziale Institutionen ein, indem sie Geld sprechen, das sie zum Beispiel gesammelt haben. Dies gilt es, wertzuschätzen.

Viele Vereine – darunter Cliquen – verzeichnen teilweise drastische Mitgliederrückgänge. Ehrenamtliche Arbeit scheint aus der Mode. Sie wiederum sind da sehr aktiv, wie bei der «Baseldytschi Bihni», an der Fasnacht bei den «Antygge» oder auch im Fähriverein als Statthalter. Was treibt Sie an?

Pure Leidenschaft. Die muss da sein. Bei der «Baseldytschi Bihni» bin ich reingewachsen, weil meine Frau da engagiert ist. Die Basler Fähren liegen mir einfach am Herzen. Genauso wie die Fasnacht. Das ist ein Teil von mir, meiner Familie.

An der Basler Fasnacht im März wird «Baby-Gate» mit Garantie wieder aufgerollt und mit Wonne ausgespielt. Hört dann die Liebe auf?

(lacht) Mitnichten! Ich hoffe, dass es dann alle mit Humor nehmen können. Das sollte jedenfalls das Ziel aller Beteiligten sein.

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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