Der Zirkus hat in der Schweiz einen verstaubten Ruf: Wer hier über ihn spricht, denkt meist an Sägemehl, Elefanten, glitzernde Kostüme und bunte Zelte. Dass die Manege weltweit seit bald vierzig Jahren im Umbruch ist, ist hier noch nicht so präsent, wie das in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Das sagt zumindest Nadja Hauser, die das Zirkusfestival «Young Stage» leitet: «Die meisten Schweizer haben wohl noch das traditionelle Zirkusbild im Kopf. Dabei öffnet die junge Generation das Genre und verbindet es mit anderen Sparten der darstellenden Künste.»

Ausgehend von Frankreich, wo Ende der Siebzigerjahre zur Rettung der Kunstform die staatliche Unterstützung des Zirkus beschlossen wurde, hat er sich international zunehmend von traditionellen Mustern gelöst und erneuert. Lange aussen vor blieb indes die Schweiz. Zwar gibt es hier eine rege Jugendzirkuskultur, für eine professionelle Artistenausbildung müssen Schweizer Artisten aber zwingend ins Ausland reisen. «Deswegen gibt es auch nicht viele Schweizer Profiartisten», so Hauser.

International hat der Zirkus den Sprung von der belächelten Unterhaltung zur respektierten Hochkultur geschafft: An zahlreichen Hochschulen in Europa und Nordamerika können Bachelor- und Masterstudien in Circus Arts absolviert werden. Während im Ausland Innovation entstand, blieb die Schweiz vom Traditionellen geprägt.

Basel als Geburtsort der Artisten

Mittlerweile hält der zeitgenössische Zirkus auch in der Schweiz Einzug. Basel spielt dabei eine Vorreiterrolle: Mit dem Quartierzirkus Bruderholz und dem Jugendzirkus Basilisk sind hier zwei der grössten Talentschmieden der Schweiz beheimatet. Zahlreiche ehemalige Nachwuchskünstler sind heute international engagiert: Florian Zumkehr tourte als Artist bereits am Broadway, Jason Brügger wurde vor drei Jahren zum grössten Schweizer Talent gekürt, Anja Wyttenbach arbeitet in Las Vegas als Solo-Artistin beim Cirque du Soleil.

Ende 2014 folgte der nächste Schritt Basels auf dem Weg zur Zirkusstadt: Auf dem Dreispitz entstand die Station Circus, eine mobile Zwischennutzung mit Aufführungs- und Proberäumen. Dieser Tage zügelte der Zirkus um 200 Meter weiter an einen anderen Platz.

Das Programm bleibt das Gleiche: Viermal im Jahr veranstalten Zirkusleiterin Mirjam Hildbrand und ihr Team den «Jeudi Cirque», einen experimentellen Zirkusabend. Immer wieder reisen ausländische Formationen auf den Basler Dreispitz, um hier Programme zu entwickeln und am «Jeudi Cirque» ihre Resultate der Öffentlichkeit zu präsentieren. International sind die Basler Zirkusschaffenden damit breit vernetzt. Aktuell haust ein belgisches Kollektiv in den Wohnwagen auf dem Dreispitz.

Innerhalb der Schweizer Szene ist laut Hauser von «Young Stage» indes ein starker Röstigraben zu verzeichnen. Die französischsprachige Schweiz ist der deutschsprachigen Szene weit voraus: Aufgrund der Sprache eher am französischen Kulturraum orientiert, ist die lebhafte zeitgenössische Zirkuskultur aus Frankreich schon früher auf die Welschschweiz übergeschwappt.

Der Röstigraben war es auch, der dazu führte, dass die Bewegung lange nicht bis in die Deutschschweiz gelangte. Die fehlende Vernetzung innerhalb der Schweizer Szene ist ausschlaggebend dafür, dass den Zirkusschaffenden der Zugang zu Förderungsgeldern lange verwehrt blieb.

Auch die Kaserne zieht mit

Heute finde zwar vermehrt ein Austausch zwischen West- und Deutschschweiz statt, so Hauser. «Aber die Sprachbarriere und der Kantönligeist sind nicht immer förderlich.» Dabei wüssten eigentlich alle Beteiligten, dass eine gemeinsame Bewegung nötig wäre. «Eigentlich wissen alle Zirkusschaffenden: Wir müssten gemeinsam beim Bundesamt für Kultur anklopfen und uns für eine Unterstützung des Zirkus jeglicher Form einsetzen. Die Schweiz hat schliesslich eine grosse Zirkustradition.» Dafür sei die Szene aber zu stark verzettelt, die Vorstellungen oftmals noch zu unterschiedlich.

Dennoch scheint der Wandel langsam auch in der Deutschschweiz anzukommen. Der Zirkus befindet sich nun auch hier im Umbruch. Denn mit der stilistischen Neuausrichtung verändert sich auch sein Renommée: Von vielen noch als einfache Unterhaltung verschrien, etabliert sich die zeitgenössische Variante als ernstzunehmende Kunstform.

Das weiss auch Sandro Lunin, künstlerischer Leiter der Kaserne. Er plädiert dafür, den Zirkus als Kunstform ernst zu nehmen. «Für mich ist der zeitgenössische Zirkus eine Kunstform, die sehr spannend ist. Ich sehe keinen Grund, warum wir ihn nicht wie den Tanz und das Theater auch ins Programm aufnehmen sollten.» Mit Lunins Arbeitsbeginn bei der Kaserne im September letzten Jahres erhielt deswegen auch der zeitgenössische Zirkus einen neuen Platz in der Stadt: Der Theaterkenner führte in der Kaserne in Zusammenarbeit mit der Station Circus einen elftägigen Zirkusschwerpunkt ein, den er nun jährlich durchführen möchte.

Auch sonst steht Lunin Zirkusproduktionen offen gegenüber. Es sei gut möglich, dass die Kaserne künftig auch ins normale Programm vermehrt Zirkusformate aufnehme. «Der zeitgenössische Zirkus gehört eindeutig zu den Performancekünsten. Er ist näher beim Tanz oder beim Theater als beim traditionellen Zirkus.» Wie Lunin betont, werde die Kaserne die Szene beobachten und sich gemeinsam mit der Station Circus aktiv um Nachwuchs kümmern. Das zeigt sich bereits am aktuellen Programm: Ab Juni dieses Jahres wird in der Kaserne in Zusammenarbeit mit Pro Helvetia der junge Zirkuskünstler und Choreograf Marc Oosterhoff als «Young Associated Artist» gastieren.

Auf Tiereinlagen verzichtet

Statt wie früher eine «Aneinanderreihung von artistischen Höchstleistungen» verfolge der heutige Zirkus ein tiefgründigeres Konzept, so Nadja Hauser: «Die Geschichte und die Dramaturgie sind beim zeitgenössischen Zirkus zentral.» Ebenfalls ein entscheidender Unterschied: Auf Tiereinlagen wird im neuen Zirkus meist verzichtet. «Der zeitgenössische Zirkus funktioniert meist ohne Tiere, ohne Zirkusdirektor und ohne Orchester», so Mirjam Hildbrand, welche das Projekt Station Circus auf dem Dreispitz mitleitet. «Unser Publikum weiss inzwischen, dass wir kein Zirkus Knie sind.»

Auch die Aufführungsorte haben sich gewandelt. Statt im Zelt findet der Zirkus vermehrt unter freiem Himmel oder auf der Theaterbühne statt. Damit spricht er ein anderes Publikum an als früher: «Im Gegensatz zum traditionellen Zirkus richtet sich die neue Form nicht primär an Familien, sondern auch an Theater-, Tanz- und Opernfans», so Hauser. «Der Zirkus entwickelt sich langsam weg von der reinen Unterhaltung hin zur geachteten Kunstform.»

Neugier statt Tradition

Weniger sicher ist sich da Mirjam Hildbrand von der Station Cirque. Sie ist eine der Frauen, die den zeitgenössischen Zirkus in der Region mitprägen. Als Dramaturgin und Theaterwissenschaftlerin ist sie mit der Debatte rund um den Stellenwert des Zirkus innerhalb der Gesellschaft bestens vertraut. In ihrer Doktorarbeit untersucht sie das Verhältnis von Theater und Zirkus im 19. Jahrhundert.

«Damals galt das Theater noch nicht als Hochkultur. Gleichzeitig war der Zirkus wahnsinnig erfolgreich.» Heute habe sich das Ansehen komplett umgekehrt. «Warum denken so viele Leute, Zirkus sei keine Kunst?» Auch in der Kulturszene seien die Gräben zwischen Theater- und Zirkusschaffenden und die Vorbehalte gross. «Oftmals spüre ich als Zirkusschaffende erst einmal eine starke Ablehnung, wenn ich von meiner Arbeit erzähle.»

Dabei war es gerade die Frage nach dem Publikum, welche Hildbrand zum Wechsel von der Theater- in die Zirkuswelt bewog. «Beim Theater habe ich zunehmend die Frage nach dem Publikum vermisst. Können wir den Besuchern nicht auch Freude mitgeben? Muss es immer ein Fragezeichen sein?» In der Theaterszene herrsche der Gedanke vor, die Vermittlung einer Botschaft funktioniere nicht, wenn das Publikum staunt oder Freude hat. «Das verstehe ich nicht.»

Die Zirkusschaffende wünscht sich deswegen vor allem etwas: Neugier, «vom Publikum und der Kulturpolitik». Letztere sei bereits auf dem Weg dazu. «Die Förderungsstrukturen werden flexibler, das merke ich. Hier gibt es einen Wandel,» stellt Hildbrand fest. So habe Pro Helvetia vor einigen Jahren angefangen, die Richtlinien an die Situation im Bereich des zeitgenössischen Zirkus anzupassen. Eine Entwicklung, die auch Nadja Hauser mit Freude beobachtet: «Als wir mit ‹Young Stage› starteten, waren für uns alle Förderungs- und Sponsoring-Türen geschlossen. Damals galt der Zirkus als pure Unterhaltung.»

Heute werde der zeitgenössische Zirkus zwar immer noch weniger gefördert als andere kulturelle Angebote, aber: «Es tut sich was.» Bis sich der Zirkus auch in den Köpfen der breiten Bevölkerung erneuert hat, dürfte es indes noch eine Weile dauern. Der Geruch nach Sägemehl hängt schliesslich meist lange nach.