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«Reportagen»-Chefredaktor: «Ich foutiere mich um Relevanz»

Gute Lektüre geht tiefer und hallt nach, sagt «Reportagen»-Gründer Daniel Puntas. Wir haben ihn an seinem Arbeitsort Bern getroffen.

Gute Lektüre geht tiefer und hallt nach, sagt «Reportagen»-Gründer Daniel Puntas. Wir haben ihn an seinem Arbeitsort Bern getroffen.

Das Literaturfestival Basel, das heute Abend eröffnet wird, legt dieses Jahr auch einen Schwerpunkt auf die Reportage. Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor von «Reportagen», sagt, warum sich diese Gattung zu lesen lohnt.

Herr Puntas, Sie haben 2011 ein neues Magazin lanciert: mit langen Reportagen und ohne Photographien. Das klingt anachronistisch, riskant und verrückt. Haben Sie es darum getan?

Daniel Puntas Bernet: Ich bin nicht per se auf Risiko aus, mich überzeugt die Idee. Ich habe schon vor Jahren eine Liebe zur Reportage entwickelt – zuerst als Leser, später als Journalist. Ich habe gemerkt, dass immer weniger Publikationen sich diese aufwendige Gattung noch leisten. Inspiriert von Medien im Ausland kam mir die naheliegende Idee: Warum sollte ein Magazin, das auf Reportagen spezialisiert ist, nicht auch im deutschsprachigen Raum funktionieren?

Was muss eine gute Reportage haben?

Eine gute Reportage nimmt den Leser irgendwohin mit. Der Leser erlebt und erfährt etwas. Im Idealfall macht er eine Reise, lernt einen Menschen kennen oder eine Geschichte, die ihm länger im Gedächtnis haften bleibt als die neuste Berichterstattung über den syrischen Bürgerkrieg. Weil er menschliche Züge, Figuren, Elemente kennen gelernt hat, die ein unsichtbares Band zu seinem eigenen Leben knüpfen.

Wie gelingt das, wann berührt Sie ein Text?

Wir erzählen einander gegenseitig immer Geschichten, das ist eine anthropologische Konstante. Manche vergesse ich schnell wieder, andere ein Leben lang nicht mehr. Eine gute Reportage bleibt durch berührende Momente im Gedächtnis haften. So ging es mir zum Beispiel bei «Der Mörder als Pfleger», erschienen in unserer neunten Ausgabe. In einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA, wo Verbrecher lebenslänglich verwahrt werden, erkranken immer mehr Insassen an Alzheimer. Die junge Gefängnisdirektorin beschliesst, Mithäftlinge zu Pflegern auszubilden. In einer Szene stehen die Insassen nackt unter der Dusche, als ein dementer Häftling einen Anfall bekommt. Da beginnt ein anderer, ein verurteilter Mörder, für ihn zu singen: «Bye, bye Love, bye bye Happiness.» An diese Szene werde ich mich in 30 Jahren noch erinnern.

Muss man immer verrücktere, extremere Geschichten finden, um Leserinnen und Leser anzusprechen?

Ich finde es gar nicht so verrückt, eine Zeit lang in einem Gefängnis zu verbringen. Ein Reporter, der sich unter die IS mischt und filmt, wie Menschen getötet werden, ist hingegen gar nicht das, was wir suchen. Das Problem ist ein anderes: Niemand will mehr so viel Zeit investieren. Die meisten sagen: Ich geh schon mal dahin und rede mit denen. Aber das reicht nicht. Unser Autor hat zehn Tage in diesem Gefängnis verbracht. Bis er dafür die Bewilligung bekam, brauchte er ein halbes Jahr.

Dann ist das die verrückte Qualität einer Reportage: Dass in einer Zeit, in der alle ständig unter Zeitdruck stehen, jemand mehrere Wochen lang an einem Thema dran bleibt?

Haargenau. Wenn jemand sagt: Ich bin ohnehin dort und dort in den Ferien und habe danach drei Tage Zeit für eine Reportage, dann sage ich: In drei Tagen kannst du vielleicht ein Thema entdecken, aber sicher nicht recherchieren. Im Schnitt braucht das einen Monat Zeit. In der ersten Ausgabe haben wir eine Reportage von Margrit Sprecher über die Nationalökonomie Irlands. Da haben vorher alle gesagt: Aufstieg und Fall der Ökonomie Irlands, das ist doch alles längst bekannt. Dann kam ihr Text und war brillant. Aus einem einfachen Grund: Margrit Sprecher verbringt seit 30 Jahren jeden Sommer in Irland. Abgesehen davon ist sie eine hervorragende Schreiberin.

Wie wichtig ist Ihnen die Sprache?

Wenn ich wählen könnte zwischen einem, der sich in ein Thema stürzt und alles genaustens recherchiert, aber danach Mühe hat beim Schreiben, und einem genialen Schreiber, der Berührungsängste hat, dann nähme ich immer den ersten. Weil ich denke, dass man Ersterem sprachlich nachhelfen kann. Aber im Idealfall kann jemand beides. Letztlich ist gutes Schreiben auch eine Folge der Intensität, mit der ein Mensch sich mit einem Thema beschäftigt hat. Und Folge seiner Passion.

Es gibt Chefredaktoren, die glauben, man könne Portraits vom Schreibtisch aus machen.

«Wir machen das Portrait kalt.» Als ich das zum ersten Mal hörte, verlor ich ein Stück Glauben an den Journalismus. Es ist möglich aufgrund von Halbwissen, Internetrecherchen und Telefongesprächen einen Text zu schreiben. Aber es gibt Momente, die kann man nur mit einem Menschen vor Ort erleben. Ich bin überzeugt, dass in jedem Halbsatz die Erfahrung der gesammelten Recherche steckt.

Wie wählen Sie aus den vielen Angeboten aus?

Wir möchten in jeder Ausgabe mit sechs Geschichten die Welt abdecken. Das gelingt natürlich nie. Wir prüfen alle Angebote und geben selbst Aufträge heraus. Wir haben jetzt 130 Reportagen gemacht für unser Magazin. Ich würde sagen etwa zwei Dutzend sind hervorragend. Trotz des professionellen Viellesens ist es jedes Mal ein Hammer, eine solche zu lesen.

Können Sie zwei Reportagen nennen, die sie hervorragend finden?

Vor der ersten Ausgabe hat Erwin Koch mir einen Text gemailt mit den Worten: «Ich hab da mal etwas geschrieben». Ich war im Zug von Zürich nach Bern, es war schon Mitternacht, als ich auf dem Handy das Word-Dokument «Sarah» öffnete und zu lesen begann. 40 000 Zeichen. Ich habe den Rest der Fahrt geweint. Das war so berührend. Aber wenn ich ihm den Auftrag gegeben hätte: Mach ein Portrait über ein 17-jähriges Mädchen, das an Leukämie stirbt, wäre das nicht gut herausgekommen. Ein Lektüreerlebnis war auch Sabine Riedels Reportage über einen Hungerkünstler in St. Petersburg. Ich habe das Gefühl, die Stadt nun so gut zu kennen, dass ich nicht mehr hingehen muss.

Ich nehme an, Relevanz spielt eine Rolle?

Das ist ein Journalistenkriterium, das oft ein Killerargument ist. In der Nummer 17 haben wir eine Geschichte von einem Mister Chen, der nach der Arbeit mit dem Fernglas auf einer sieben Kilometer langen Brücke in Janjing steht und beobachtet, ob jemand runterspringen will. Wenn er so jemanden sichtet, fährt er mit dem Motorrad zu diesem Menschen hin und hält ihn von der Selbsttötung ab. Er hat mittlerweile 250 Menschen das Leben gerettet. Ich finde das eine tolle Geschichte, aber ist sie relevant?

Es geht immerhin um Leben und Tod.

Ja, wenn man sie liest, erfährt man etwas Neues über das Menschsein. Aber ich kenne viele Redaktionen die diese Geschichte ablehnen würden, weil sie nicht dem aktuellen Geschehen folgt. Darum foutiere ich mich um Relevanz. Gleichzeitig mache ich nicht n’importe quoi.

Der Spiegel-Reportageschreiber Cordt Schnibben sagt, der Leser von heute sei wie ein junger Hund, der nicht stillsitzen kann. Immer will er auf Facebook oder so. Man müsse seine Aufmerksamkeit mit Tricks fesseln, etwa indem man gegen gängige Schreibregeln verstösst. Teilen Sie diese Meinung?

Das tönt gut. Aber seine Aussage war auch vor 20 oder 40 Jahren gültig. Heute gibt es digitale Ablenkung, vor 40 Jahren gab es andere Ablenkungen. Tricks klingt nach Zauberkiste. Die Sachen, die vor 50 Jahren galten, tun es bis heute: Der erste Satz muss derart einfahren, dass man weiterlesen will. Der erste Abschnitt muss das ganze Drama um das Thema und die Personen vorzeigen. Man darf den Leser nicht langweilen. Ich glaube nicht, dass es Tricks braucht. Man muss einfach gut schreiben und etwas erzählen wollen.

Erwarten Sie von einem Reporter eine gewisse Haltung?

Nein, weder politisch noch weltanschaulich. Wenn ich etwas erwarte, dann ein echtes Interesse, Empathie – und nicht einfach sich selbst geil zu finden und einen coolen Text abzuliefern.

«News und Wahrheit sind nicht dasselbe», sagt der US-Journalist Chris Hedges. Wenn ein Reporter beide Seiten eines Konflikts balanciert zu Wort kommen lasse, so zementiere er den Status quo, statt die Wahrheit aufzudecken. Kann die Reportage solcher Objektivierung entgegensteuern?

Eine zentrale Eigenschaft dieser Gattung ist, dass sie nicht objektiv ist, sondern radikal subjektiv. Nicht nur, weil der Autor «ich» sagen darf, sondern weil er eine subjektive Auswahl trifft. Er wählt einen Ausschnitt, weil er eine Art Wahrheit transportieren möchte. Es geht aber nicht darum, für sich selbst die Wahrheit zu beanspruchen. Es geht um Welterfahrung, die jedem hilft, sein Weltbild zu bereichern.

Ihr Magazin bietet etwas zwischen kurzen journalistischen Formen und Büchern. Funktioniert das?

In Buchhandlungen verkaufen wir viel weniger Exemplare als am Kiosk. Für Leute, die in Bücher versinken wollen, sind wir eine Kurzstrecke. Was ich aber oft höre, ist, dass die Geschichten eine ideale Länge haben, etwa für eine Zugfahrt. Die Leser, die entdecken, dass man in zwanzig Minuten ein Stück Welt erfahren kann, nehmen zu. Wir machen jetzt immer bessere Geschichten, damit das so bleibt.

Wird es «Reportagen» in fünf Jahren noch geben?

Ich hoffe es. Ob Print oder nur digital. Über ein Drittel unserer Leser ist unter 30 Jahre alt, das stimmt mich positiv. Entscheidend ist, dass es noch Leute gibt, die lesen. In der Schweiz mögen wir ein Nischenprodukt sein, aber unsere Auflage von 14 000 ist höher als die gesamte Tageszeitungs-Auflage von Kinshasa im Kongo, einer Zehnmillionenstadt. Der Mehrwert, den wir bieten, ist wie beim Joggen. Wenn ich heimkomme, mag ich nicht unbedingt noch joggen gehen. Aber sobald ich die Turnschuhe angezogen habe und ein paar Meter gerannt bin, merke ich, wie gut mir das tut. Dasselbe passiert beim Lesen von Reportagen. Oft hätte ich im ersten Moment mehr Lust, mich mit Kurzfutter abzulenken. Aber sobald ich die ersten Abschnitte einer guten Reportage gelesen habe, merke ich, wie viel besser das ist. Das ist wie geistiges Joggen.

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