Jubiläum

RFV-Geschäftsleiter: «Die Schweiz ist ein schwieriges Pflaster – aber wir sind schweizweit eine Referenz»

Alain Schnetz ist als neuer Geschäftsleiter des RFV zuständig für die Popförderung in der Region Basel.

Alain Schnetz ist als neuer Geschäftsleiter des RFV zuständig für die Popförderung in der Region Basel.

Der Basler RFV feiert sein Jubiläum. Geschäftsleiter Alain Schnetz beantwortet 25 Fragen zu 25 Jahren.

1) Wieso heisst der RFV eigentlich nicht mehr Rockförderverein?

Alain Schnetz: Das «Rock» im Namen war irreführend. Viele Leute dachten, wir fördern nur Rockmusik, was ja nicht der Fall ist.

2) Der RFV hat jährlich 610'000 Franken zur Verfügung. Wie viel gibt er davon weiter?

2018 waren es knapp 400'000, die der Szene direkt zugutekamen.

3) Brauchen Musiker heute überhaupt noch Geld?

Musikschaffende brauchen nach wie vor finanzielle Unterstützung. Die Populärmusik findet immer noch äusserst schwache Rahmenbedingungen vor, um sich weiterentwickeln und professionalisieren zu können.

4) 1994, als der RFV gegründet wurde, waren Sie zwei Jahre jung. Wann haben Sie zum ersten Mal von dieser Anlaufstelle gehört?

In etwa 2007. Ich suchte mit meiner Band nach Unterstützung. Finanziell, aber vor allem auch in Sachen Beratung. Wir hatten keine Ahnung, was wir mit unseren Demos machen sollten.

5) Eines der ersten Anliegen des RFV war die Schaffung von Proberäumen. Hat man das aufgegeben?

Nein, auf keinen Fall. Wir vermitteln immer wieder, wenn es darum geht, neue Proberäumlichkeiten zu schaffen.

6) Seit ein paar Jahren legt der RFV einen starken Fokus auf die Gleichstellung. Nun hat die Geschäftsstelle wieder einen Mann als Chef. Geht das?

Wenn diesem Mann die Gleichstellung wichtig ist, was bei mir der Fall ist, ja. Als Chef tue ich gut daran, auf die Fachexpertise meines Teams zu hören, und ich will das Selbstverständnis haben, in einer Diskussion überstimmt werden zu können. Zudem ist seit meiner Anstellung die Geschlechterverteilung bei 50/50, was sicher ein gesundes Verhältnis darstellt.

7) Ganz subjektiv: die beste Band der Region?

Zeal and Ardor.

8) Macht die junge Generation überhaupt noch Musik, oder wird der Rock langsam alt?

Oh ja, das macht sie. Ich glaube, es liegt in der Natur der Sache, dass die ältere Generation Musik der jüngeren mit der eigenen vergleicht. Da junge Kunstschaffende Genres immer wieder neu erfinden und Genre-Tabus wagen, verändert sich die Populärmusik rasch. Aber der Wunsch nach Kreation ist ungebrochen. Es gibt immer wieder grosse Talente, zum Beispiel die Newcomer-Band Juniper.

9) Ihr Vorgänger Tobit Schäfer war 17 Jahre im Amt. Wie lange wollen Sie den Job machen?

So lange ich der Szene und dem Verein guttue und mir die Arbeit Spass macht. Ob es dann 17 Jahre werden, bezweifle ich. Aber wir werden sehen.

10) Ein weiteres Jubiläum: 15 Jahre Regio Sound Credit (RSC). Hat sich die Investition gelohnt?

Und wie! Der RSC ist das Fördergefäss mit der grössten Nachfrage und dem grössten Output. Sehe ich das Verhältnis, wie viel mehr Geld wir an gute Gesuche sprechen könnten, war die Investition die beste Entscheidung.

11) Sie sind nebenher JKF-Präsident: kein Interessenskonflikt?

Nein, höchstens ein Kapazitätenkonflikt. Ich behaupte, dass ich ein gutes Rollenbewusstsein habe und gut zwischen den Positionen wechseln kann. Zudem kann ich viel Know-how, das ich mir beim JKF angeeignet habe, beim RFV einbringen. Auf Dauer werde ich mit beiden Engagements meinen eigenen Anforderungen nicht gerecht werden. Deswegen ziehe ich mich langsam aus dem JKF zurück.

12) Wie viele Bands sind aktuell beim RFV angemeldet?

Bands müssen bei uns nicht angemeldet sein. In unserem Archiv befinden sich 985 Bands und Acts. Allerdings sind längst nicht mehr alle aktiv. Die aktive Szene umfasst rund 300 Bands.

13) Und wie viele Mitglieder?

An der letzten Mitgliederversammlung zählten wir 374 Mitglieder.

14) Ein weiteres Gründungsziel war, Rock und Pop auf Augenhöhe mit Jazz und Klassik zu hieven. Hat’s geklappt?

Davon sind wir noch sehr weit entfernt. «Hochkultur» ist gesellschaftlich ganz anders verankert und hat deswegen ein ganz anderes Standing.

15) Das schlägt sich auch bei den Subventionen nieder, oder?

Nun ja, 2018 führt beispielsweise der Kanton Basel-Stadt bei den Kulturausgaben im Bereich Musik 10'167'115 Franken auf. Davon gehen über 8 Millionen an die Klassik. Der RFV Basel erhielt 390'000 Franken. Aber wir decken von Pop, Techno bis hin zu Metal die gesamte Populärmusik ab. Klar, wollen wir höhere Subventionen.

16) Noch ein Gründungsziel: Basler Akzente in der Schweizer Szene. Warum spielen regionale Acts so selten in Zürich oder Genf?

Das stimmt so nicht. Der RFV Basel setzt seit Jahren Akzente in Sachen Musikförderung. Da gilt der RFV nach wir vor als Referenzinstitution. Aber die Schweiz ist generell ein schwieriges Pflaster für Auftritte. Es gibt auch nicht viele Bands aus Zürich, die in Basel spielen. Aber etliche Basler Acts spielen dafür im Ausland.

17) Der absurdeste Vorwurf, den sich der RFV anhören musste?

Dass der RFV unter meiner Leitung sein Geld nur noch für «Frauenpolitik» ausgibt und dass wir deswegen keine Subventionen mehr erhalten dürften.

18) Sie sind Keyboarder von Amorph. Darf sich die Band nun noch beim RFV bewerben?

Da der RFV sein Geld via unabhängiger Jurys spricht, würde das theoretisch gehen. Praktisch aber geht das natürlich nicht, das wäre ein ganz schlechtes Signal gegen aussen. Meine Band wusste das und unterstützt mich.

19) Das JKF hatte weniger Besucher als vor Jahren, die BScene ist finanziell angeschlagen, der RFV hat Mitglieder verloren. Sind die goldenen Jahre vorbei?

Was mich an dieser Wahrnehmung stört, ist, dass wir als Gesellschaft oft versuchen, kulturellen Wert quantitativ zu belegen. Kultur ist innovativ und schnelllebig. Es ist absolut normal, dass es Schwankungen gibt.

20) Hilft Ihnen Ihr Kulturmanagement-Studium bei diesem Job?

Nicht wirklich. Ich habe Soziokulturelle Animation studiert, Projekt- und Kulturmanagement war nur einer der Schwerpunkte. Das meiste Know-how habe ich von meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten, und den Rest muss ich noch lernen.

21) Was fehlt der regionalen Szene am meisten?

Finanzielle Sicherheit, Beratung und Begleitung. Der RFV bietet alles an, allerdings sind wir mit unseren Ressourcen zu eingeschränkt.

22) Welcher Basler Act wird als erster weltberühmt?

Ist er in seinem Genre schon: Zeal and Ardor touren auf der ganzen Welt. Und einen neuen DJ Bobo aus Basel, nichts für ungut, braucht es meiner Meinung nach nicht.

23) Von welchem Act hätten Sie gerne, dass er aus Basel stammt?

Childish Gambino.

24) Was war das bislang grösste Versäumnis des RFV?

Ich will meine Vorgänger nicht in einem Interview kritisieren. Das mache ich lieber mit mir selber. Für das nächste Jahr möchte ich mich noch vermehrt mit unserer Mitgliederstruktur beschäftigen.

25) Und die grösste Errungenschaft?

25 Jahre Förderung von Popmusik, 25 Jahre Engagement für unser Anliegen.

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