Die SBB hat’s bös erwischt: «SBB Cargo verliert Millionenaufträge», meldeten am Freitag die Morgennachrichten von SRF, «Blick.ch» titelte «SBB trauert um Tamoil-Millionen». Grund der Betrübnis ist die Schliessung der Tamoil-Raffinerie in Collombey (VS) im März.

Die Raffinerie bezog bisher per Pipeline Rohöl aus dem Hafen von Genua und verarbeitete dieses zu 2,7 Millionen Tonnen Mineralölprodukten im Jahr. Dies entspricht 19 Prozent des Schweizer Verbrauchs. «Für den Transport der Endprodukte der Raffinerie fuhr SBB Cargo jeden Werktag durchschnittlich fünf Zugpaare von und nach Collombey. Dazu kamen die lokalen Rangierungen», berichtet SBB-Pressesprecher Daniele Pallecchi. Diesen Auftrag hat SBB Cargo nun verloren.

Eine Million Tonnen zusätzlich

Doch die Schweiz ist noch nicht so weit im postfossilen Zeitalter angelangt, als dass sie von heute auf morgen auf einen Fünftel des Benzins, Diesels und Heizöls verzichten könnte. Der Sprit kommt nun vielmehr aus dem Norden, und zwar auf der Schiene und auf dem Rhein: «Wir rechnen damit, dass in den Rheinhäfen künftig gegenüber dem langjährigen Durchschnitt bis zu 1 Million Tonnen Mineralölprodukte zusätzlich umgeschlagen werden», erklärt Severin Plüss, CEO der Rhytank AG. Exakt könne man dies jedoch noch nicht beziffern. «Der Markt ist dabei, unter den neuen Verhältnissen Lösungen zu finden.»

Umgeschlagen wird der Sprit in Birsfelden (Rhytank und Varo) und Muttenz (Tanklager Auhafen AG). Die zusätzliche Menge entspricht rund 500 Schiffsladungen, wobei dies vom Wasserstand abhängt: Bei Niedrigwasser können die Tanker weniger laden, was mehr Fahrten durch Basel hindurch nötig macht.

Starke Schwankungen

In den letzten Jahren schwankte der Mineralölumschlag in den Schweizerischen Rheinhäfen stark: Waren es 2011 noch 2,2 Millionen Tonnen, schnellte die Menge wegen zeitweiliger Raffinerieschliessungen 2012 auf 3,4 Millionen hoch und ging 2013 auf 3,0 Millionen Tonne zurück. Letzteres erklärt sich daraus, dass die Schweizer Raffinerien zwar wieder arbeiteten, aber wegen des Anstiegs der CO2-Abgabe viele Kunden 2013 noch Hamsterkäufe tätigten. 2014 sackte der Umschlag dann auf 2,1 Millionen Tonnen ab.

Nimmt man den Durchschnitt dieser letzten Jahre und rechnet die zusätzliche Million hinzu, kommt man auf 3,7 Millionen Tonnen, was gegenüber dem Vorjahr einer Zunahme um 76 Prozent entspricht. Dass diese Prognose nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen die Zahlen des ersten Quartals: Da nahmen die Mineralölimporte per Schiff bereits um 50 Prozent zu, was die Rheinhäfen in ihrem Communiqué als «Vorboten des Betriebsstopps der Raffinerie im Walliser Collombey» werteten, denn die Raffinerie stellte den Betrieb erst im März ein.

Auf der Schiene wirds eng

Die zusätzliche Million Tonnen auf dem Rhein entspricht rund zwei Fünfteln der vormaligen Produktion in Collombey, also täglich etwa zwei Zugpaaren, die nun zusätzlich von und nach den Baselbieter Häfen verkehren.

Hinzu kommt der Import auf der Schiene, der gemäss Erdölvereinigung über Basel, Schaffhausen und Kreuzlingen erfolgt. Da könnte SBB Cargo doch Ersatzaufträge für den entgangenen Collombey-Verkehr finden. «Das Geschäft mit Ganzzügen in der Schweiz steht im freien Wettbewerb. Gerade Ganzzüge sind das Segment mit der härtesten Konkurrenz», relativiert Pallecchi.

Mit anderen Worten: Durch die Schliessung von Collombey ist für SBB Cargo eine etablierte Geschäftsbeziehung zu Ende gegangen. Die Ersatz-Volumina sind nun wieder dem freien Wettbewerb zwischen den verschiedenen Traktionären ausgesetzt.

Während der Rhein und die Häfen über Kapazitätsreserven verfügen, herrscht auf der Schiene, sowohl auf der Ergolztal- als auch auf der Bözberglinie, Knappheit an Trassen. Wie der zusätzliche Mineralöl-Verkehr sich da auswirkt, wenn später auch die Neat aufgeht, bezeichnet Rhytank-Chef Plüss als «spannende Frage». Bisher habe sich wegen der zusätzlichen Tankzüge noch kein Problem ergeben. «Die Koordination mit der Bahn funktioniert gut. Einzig beim Rangieren im Hafen stossen wir ab und zu an Grenzen.»