Gewerbekrise
Riehener Unternehmer Schweizer: «Es stimmt, Riehen ist ein Wohndorf»

Der Riehener Unternehmer Marcel Schweizer beklagt fehlende Wertschätzung und fehlenden Gewerbeboden für Riehen. Diverse Betriebe würden an ihrem Standort gar nur toleriert werden. Das Wohnen vertreibt das Gewerbe immer mehr.

Moritz Kaufmann
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Aus Familiengärten beim Hörnli sollen 6700 Quadratmeter Gewerbefläche entstehen. «Viel zu wenig», findet die Wirtschaft.

Aus Familiengärten beim Hörnli sollen 6700 Quadratmeter Gewerbefläche entstehen. «Viel zu wenig», findet die Wirtschaft.

Roland Schmid

Herr Schweizer, in Riehen lebt es sich bestimmt gut. Aber arbeitet es sich auch gut?

Marcel Schweizer: Es gibt zwei Seiten: Das Arbeitsvolumen für Riehener Gewerbebetriebe ist durchaus vorhanden und gut. Das Potenzial ist gross in Riehen, Bettingen und dem Kleinbasel. Es gibt aber auch die andere Seite. Bis zum heutigen Tag gibt es keinen einzigen Quadratmeter Gewerbeboden in Riehen. Im Zusammenhang mit der anstehenden Zonenplanrevision sollen gerade mal 6700 Quadratmeter Gewerbezone beim Hörnli entstehen.

Zu wenig?

Viel zu wenig. Ich kenne zahlreiche Betriebe, die heute in Riehen an ihrem Standort lediglich toleriert sind, so zum Beispiel im Stettenfeld - alleine sie bräuchten diese Fläche auf dem Hörnli.

Wird die Wirtschaft in Riehen nicht genug gefördert?

Die Wirtschaft muss nicht gefördert werden, indem man sie subventioniert. Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit sie sich entfalten kann. Das ist in Riehen leider schwierig, wobei das vom Souverän leider so mitgetragen wird. Letztes Jahr haben wir das Referendum gegen die Familiengarteninitiative ergriffen. Dort hätte es einiges Entwicklungspotenzial für das Gewerbe gegeben. Doch das Volk hat letztlich Ja gesagt.

Ist das nicht das Riehener Selbstverständnis: Man arbeitet in der Stadt, aber wohnt im grünen Dorf?

Es stimmt, Riehen ist ein Wohndorf. Dabei haben wir viele Arbeitsplätze, etwa im Detailhandel oder im Gewerbe. Im Riehener «Leitbild für das grosse grüne Dorf 2000 bis 2015» - so haben wir es tatsächlich genannt: «grosses grünes Dorf» - steht: «Die Bevölkerung von Riehen benötigt Dienstleistungen, Handel und Gewerbe. Dieses Angebot ist sicherzustellen. Betriebe sollen sich in der Gemeinde ansiedeln können.» Es sollten keine Arbeitsplätze abwandern.

Riehen hat aber nicht so viele Arbeitsplätze ...

Ja, passiert ist das Gegenteil: Es gibt viel weniger Betriebe. Viele sind in den letzten zwanzig Jahren verschwunden - in der Regel zugunsten von Wohnüberbauungen.

Warum verdrängt das Wohnen denn das Gewerbe?

Ganz einfach: Das Wohnen kann mehr bezahlen für den Boden, als das Gewerbe. Ich hatte einen Mitbewerber im Gartenbau, der seinen Betrieb in Wohngebiet hatte. Auf seinem Areal stehen heute auch Häuser.

Auch Ihr Betrieb steht im Wohngebiet ...

... mit einem Veloweg als einzige Zufahrtsstrasse. Was ich regelmässig alles an Telefonen und Korrespondenz bekomme, weil wir morgens um sieben zu arbeiten beginnen. Dabei geben wir uns wirklich Mühe und nehmen Rücksicht auf die Anwohner.

Eine weitere Besonderheit für Riehens Wirtschaft ist ja die Nähe zu Deutschland.

Vier von sechs Nachbargemeinden liegen in Deutschland. Dort können wir aber schlecht arbeiten. Ich habe durchaus Anfragen von der anderen Seite der Grenze. Doch der administrative und damit verbundene finanzielle Aufwand, um dort zu arbeiten, ist so hoch, dass es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten keinen Sinn macht.

Und umgekehrt?

Es gibt relativ viele deutsche Anbieter. Auch sie haben administrative Hürden, doch für einige scheint es sich trotzdem zu lohnen.

Das sind alles keine guten Voraussetzungen, um in Riehen Geld zu verdienen.

Gerade der Detailhandel ist aufgrund der Kaufkraftabwanderung enorm unter Druck. Wenn man nicht gerade ein spezielles Produkt anbietet, ist es sehr schwierig. Das ist schade. Denn wie Sie in der bz richtig schreiben: Wir sind die zweitgrösste Gemeinde der Nordwestschweiz. Grösser als Aarau, Olten oder Solothurn. Riehens Potenzial ist riesig.