Grand Casino Basel
Rien ne va plus - wenn das Spiel zur Sucht wird

Das Spielbankengesetz verlangt, dass die Casinos ihre soziale Verantwortung wahrnehmen und spielsüchtige oder Spielsucht gefährdete Personen nötigenfalls sperren. Im Grand Casino Basel ist Daniel Rochat verantwortlich für das Sozialkonzept.

Noemi Lea Landolt
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«Neun von zehn Gästen spielen nach der Sperrung im Ausland weiter», sagt Daniel Rochat im Grand Casino Basel.

«Neun von zehn Gästen spielen nach der Sperrung im Ausland weiter», sagt Daniel Rochat im Grand Casino Basel.

Roland Schmid

In den schummrig beleuchteten Räumen der Casinos, fernab vom Tageslicht, scheint die Zeit stehen zu bleiben. An den grossen Tischen oder vor den farbig blinkenden Spielautomaten wird fast rund um die Uhr gespielt. Geld gesetzt, gewonnen und verloren. Glücksgefühle und Verzweiflung liegen nahe beieinander. Einige Menschen verlieren sich in der Glitzerwelt: Ihre Einsätze werden höher, ihr Leben dreht sich nur ums Spiel, Freunde und Familien kommen zu kurz, das Geld wird knapp.

Daniel Rochat, wie merken Sie, dass jemand über seine Verhältnisse spielt oder süchtig ist?

Daniel Rochat: Merken tue ich das nicht. Es gibt Anzeichen: die Persönlichkeit oder das Äusserliche des Gastes verändert sich, er kann extrem aufgeregt, angespannt oder auch entspannt sein. Die Mitarbeitenden werden geschult, solche Zeichen zu erkennen. Eine Sucht beurteilen kann nur eine Fachperson wie ein Psychologe. Um Klarheit zu erhalten, ob jemand über seine Verhältnisse spielt, brauche ich Dokumente: Einkommensnachweis, Kontoauszug und Betreibungsregisterauszug.

Der Entwurf des neuen Spielbankengesetzes ist beim Parlament

Der Artikel 14 des Spielbankengesetzes verlangt von den Casinos ein Sozialkonzept. In diesem Konzept muss dargelegt werden, mit welchen Massnahmen die Spielbank den sozial schädlichen Auswirkungen des Glückspiels vorbeugen oder diese beheben will.
Gibt es Anzeichen, dass ein Spieler über seine Verhältnisse spielt, muss das Casino sich vergewissern, dass dies nicht zutrifft. Kann der Spieler das nicht nachweisen oder weigert er sich, muss das Casino ihn ausschliessen. Ein Gast kann sich jederzeit auch selber sperren lassen oder Angehörige können den Casinos persönlich oder schriftlich ihre Bedenken mitteilen. Die Casinos sind gesetzlich verpflichtet, solchen Hinweisen nachzugehen.
Ende Oktober 2015 hat der Bundesrat zuhanden des Parlaments den Gesetzesentwurf für das neue Spielbankengesetz verabschiedet. Am 2. Februar berät die Kommission für Rechtsfragen des Ständerates darüber. Das neue Gesetz löst das Spielbankengesetz von 1998 und das veraltete Lotteriegesetz von 1923 ab. Zu grossen Teilen stimmt es mit den bisherigen Regelungen überein. Spielbanken brauchen zum Beispiel weiterhin eine Konzession des Bundes und auf den Bruttoerträgen wird eine Spielbankenabgabe erhoben, die grösstenteils für die AHV bestimmt ist. Im Jahr 2014 waren es 336 Millionen Franken.
Online soll erlaubt werden
Die Änderungen im neuen Gesetz betreffen unter anderem das Verbot, Spielbankenspiele online durchzuführen. Dieses wird aufgehoben. Spielbanken können dazu eine Erweiterung ihrer Konzession beantragen. Zudem verstärkt der Gesetzesentwurf den Schutz der Spieler vor exzessivem Spiel: Das Bundesgesetz hält neu fest, dass die Kantone Massnahmen zur Prävention ergreifen und Beratungen anbieten müssen. Die beiden Aufsichtsbehörden für Geldspiele – die Eidgenössische Spielbankenkomission und die interkantonale Aufsichts- und Vollzugsbehörde – werden ausdrücklich und klarer verpflichtet, dem Schutz vor Spielsucht Rechnung zu tragen und einen Spezialisten für Suchtprävention zu beschäftigen. (NLA)

Und diese können Sie einfach so beantragen?
Ja. Nicht beim Amt selber, sondern beim Gast. Er entscheidet, ob er seine finanzielle Situation offenlegen möchte oder nicht.

Wenn nicht, wird er gesperrt?
Genau. Aber nicht aus heiterem Himmel. Er hat eine Frist, die Unterlagen einzureichen. Hält er diese nicht ein, wird er gesperrt.

Und umgekehrt darf jemand weiterspielen, wenn er seine Unterlagen einreicht und sie unauffällig sind?
Ja, dann erfüllt er die Anforderungen. Er hat keine Schulden und ein positives Konto. Wir urteilen nicht darüber, was ein Gast mit seinem Geld tut, solange er sich nicht finanziell ruiniert.

Obwohl er unter Umständen ein Suchtverhalten zeigt, wenn er jeden Tag ins Casino kommt?
Das ist ein Anzeichen. Ich würde das aber noch nicht als Sucht bezeichnen, bin aber auch kein Psychologe. Es gibt viele Gäste, die hier im Casino ihr soziales Umfeld haben, fast täglich kommen aber fast nichts verspielen. Da urteilen wir nicht darüber. Wir schauen nur, ob es sich jemand leisten kann oder nicht.

Wie viele Gäste sperren Sie pro Jahr?
Dieses Jahr werden es ungefähr 400 Personen sein. Wir sprechen aber nur etwa 25 Prozent dieser Sperren aus. Die grosse Mehrheit der Spieler lässt sich nach wie vor freiwillig sperren.

Werden das immer mehr?
Nein, das ist etwa konstant. Was mir auffällt, ist, dass Junge – also so Anfang 20 – sehr locker mit Sperrungen umgehen. Die ältere Generation denkt vielmehr über Konsequenzen nach.

Wie viele Leute, die sich sperren lassen, holen sich tatsächlich Hilfe?
Zahlen habe ich nicht. Aber es sind sehr, sehr wenige.

Wie teilen Sie den Gästen die Sperrung mit?
Meistens über einen eingeschriebenen Brief. In wenigen Fällen erfolgt die Sperrung unmittelbar, wenn wir im Gespräch zum Beispiel herausfinden, dass ein Gast Sozialhilfe bezieht.

Geht Ihnen das emotional nahe?
Nein. Im Gegensatz zu den Mitarbeitenden auf dem Floor, habe ich sehr oft gar keinen Kontakt zu diesen Personen. Weiss, abgesehen von Name, Adresse und der Vorgeschichte nichts über sie. Anders ist es, wenn sich ein Gast selber sperren lässt und bei uns Unterstützung sucht. Dann kann dies schon etwas näher gehen.

Hilft eine Sperre?
Bei einer freiwilligen Sperre absolut. Der Gast hat sein Problem erkannt.

Sonst hilft sie nichts?
Der meist gehörte Satz, wenn wir von jemandem Unterlagen verlangen, die er nicht einreichen möchte, ist: «Dann gehe ich halt nach Frankreich.» Wir müssen davon ausgehen, dass neun von zehn Gästen zum Beispiel in Blotzheim weiterspielen.

Sind Ihnen hier die Hände gebunden?
Ja, da können wir nichts machen. Unsere Sperren gelten nur für Schweizer Casinos.

Haben Sie in solchen Momenten das Gefühl, das Sozialkonzept sei für die Katze?
Sicher ist das Sozialkonzept ein Erfolgsrezept, aber nur, wenn wir die Schweiz als Insel anschauen – aber das ist sie nicht. Sie ist umgeben von anderen Ländern und die profitieren von den Gästen, die bei uns gesperrt sind. Aber das Gesetz will es so. Die einzigen, die daran etwas ändern könnten, sind die Politiker.

Was wünschen Sie sich denn von der Politik?
Dass am Schluss alle mit den gleichen Waffen kämpfen. Ab dem Moment, wo das Gesetz darauf abzielt, dass der Grossteil der Verantwortung den Gästen abgenommen und dem Casino in die Hand gelegt wird, wird es für uns schwierig. Wer sein Problem selber erkennt, dem kann man helfen – wer gezwungen wird, der sucht Alternativen.

Aber die Sperrung als Möglichkeit, die würden Sie nicht abgeben wollen?
Nein, überhaupt nicht. Ich mache alles für den Gast, der sich helfen lassen möchte. Ich sperre ihn, vermittle ihm den Kontakt zu einem Psychologen oder helfe ihm, ein Budget aufzustellen. Mir fällt es nur schwer, jemandem zu helfen, der keine Hilfe möchte.

Obwohl es im Nachhinein vielleicht besser ist für die betroffene Person?
Wenn er es merkt. Aber, wenn er im Ausland weiterspielt, dann war es für nichts. Der einzige Unterschied ist dann: Das Geld kommt nicht mehr der Schweiz respektive der Allgemeinheit über die AHV zugute. Wenn ich nach Blotzheim gehe, ist das, als ob ich nach Hause komme.

Da sehen Sie die gesperrten Gäste?
Ja. Die Gäste können sich ja auch wieder entsperren lassen. Frühestens nach einem Jahr können sie einen Antrag stellen. Sie müssen ihre finanzielle Situation offenlegen und werden dann zu einem Gespräch eingeladen. Das führen wir – also meistens ich – zusammen mit einem Psychologen von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK). In diesem Gespräch spielt der Grund für die Sperrung eine zentrale Rolle.

Wer entscheidet schliesslich?
Per Gesetz das Casino. Wir übernehmen ja auch die Verantwortung. Aber in der Praxis entscheiden der Psychologe und ich gemeinsam. Sind wir beide dafür, wird er entsperrt. Ist jemand von uns dagegen, wird die Sperrung nicht aufgehoben.

Welche Gründe sprechen für eine Aufhebung?
In erster Linie gesunde finanzielle Verhältnisse. Und wenn der damalige Grund für die Sperre kein Spielproblem war. Einige lassen sich auch vorsorglich sperren, weil sie Geld für ein Auto oder so sparen möchten. Junge Leute lassen sich sperren, weil sie ihren Lehrlingslohn nicht gefährden möchten oder aus Solidarität mit einem Kollegen, der ein Spielproblem hatte.

Gibt es eine Risikogruppe?
Die meisten gesperrten Spieler sind Männer zwischen 25 und 40, ohne akademischen Beruf und oft mit Migrationshintergrund. Aber wir haben auch schon 18-Jährige gesperrt und der älteste gesperrte Gast war weit über 80 Jahre alt.

Was ist eigentlich mit Senioren? Wenn ich mich hier am Nachmittag so umschaue, sind vorwiegend ältere Menschen am Spielen.
Bei den älteren Gästen gibt es sehr wenig problematische Situationen. Das ist eine andere Generation: Wer jetzt im AHV-Alter ist, hat einen anderen Umgang mit Geld. Da werden zuerst die Rechnungen bezahlt und dann erst wird gespielt. Sie spielen auch selten mit wirklich hohen Einsätzen. Auch Kreditbanken kennen sie nicht von früher. Dieses Problem tritt vielleicht auf, wenn die heutigen Jungen älter sind. Aber bis dann hoffe ich, dass ich keine Entscheide mehr fällen muss.

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