Glosse
Rittergasse - wo sich Alfa Romeos, Jaguars und Mercedes begegnen

Einen Monat vor Umsetzung des Verkehrskonzepts geben Autofahrer nochmals Gas. Je mehr Schilder mit Autoverbots-Zeichnungen und entsprechenden Beschriftungen in der Kernzone aufgestellt werden, desto dreister gehen die Autofahrer vor.

Martina Rutschmann
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Eine Begegnungszone im Herzen der Grossbasler Altstadt: Die Rittergasse, deren neugestalteter Belag Autofahrer magisch anzuziehen scheint.

Eine Begegnungszone im Herzen der Grossbasler Altstadt: Die Rittergasse, deren neugestalteter Belag Autofahrer magisch anzuziehen scheint.

Die Panik erreichte ihren Höhepunkt vor zwei Jahren. Büroinhaber mit Kundenkontakt an der Rittergasse fürchteten, ihre Klientel würde den Dienstleister wechseln, sobald sie mit dem Auto nicht mehr vors Loch fahren darf, weil Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels es so will. Ein Dutzend vorsorglicher Beschwerden gegen das Verkehrskonzept wurden allein von Rittergasse-Adressen aus eingereicht. Doch Wessels und seine Velofreaks blieben hart – und machten die renommierte Upper-Class-Gasse über Nacht zur familienfreundlichen Begegnungszone. Ungeachtet der Tatsache, dass in einer gesunden Welt kein normaler Mensch einem anderen begegnen will, ohne sein Auto dabei zu haben. Es schien eine Frage der Zeit, bis die Rittergasse den autofreien Tod stirbt.

Dreist sind die Vergraulten

Jetzt, zwei Jahre später, zeigt sich: Die Angst war umsonst! Das Leben ist erwacht! Eine paradoxe Wirkung macht sich breit: Je näher die autofreie City rückt und je mehr Schilder mit Autoverbots-Zeichnungen und entsprechenden Beschriftungen in der Kernzone aufgestellt werden, desto dreister gehen die vergraulten Autofahrer vor.

So ist die Rittergasse neuerdings besser besucht als die meisten Parkhäuser. Und zwar zuverlässig zu jeder Tages- und Nachtzeit und damit naturgemäss auch zu den Zeiten, zu denen es schon seit Jahren verboten ist, in die Innenstadt zu fahren.

Doch jetzt kommts: Die Rittergasse war nie ein Parkplatz. Das mag erstaunlich klingen, ist sie doch sehr nah bei der Shopping-Meile und auch beim Münster. Aber tatsächlich war es nie im Sinne einer Basler Regierung, auch nicht einer bürgerlich dominierten, aus der schönsten Gasse der Stadt einen Parkplatz zu machen. Es ist der Volkswille allein, der dazu geführt hat, dass es nun so ist.

Das Volk, das sagt sich nämlich: Wenn da nicht geschrieben steht, dass parkieren verboten ist, ist es erlaubt. Im Kreisel steht ja auch nicht, dass man blinken muss, wenn man diesen verlässt – warum also sollte man das tun? Bloss, weil es mal in der Theorieprüfung abgefragt wurde? Pfff!

Heile Welt auf Schildern

Und überhaupt: Gab es damals das Begegnungszone-Schild, das seit einiger Zeit als eine Art Tor zur Rittergasse am Eingang steht, schon? Kaum! Eine Mutter mit Minirock und Kind an der Hand, ein Einfamilienhaus und ein Mann neben Auto – modernes Zeug, was soll das überhaupt heissen?

Es heisst: Hier begegnen sich Menschen. Und wenn Autos durchfahren, dann höchstens im Schritttempo. Und es heisst offenbar auch: HIER WIRD NICHT PARKIERT!

Das ist das Lustige an der Rittergasse: Anders als etwa in der Rheingasse gibt es keine schwarz übermalten Parkfelder, die von Farbenblinden nicht als Ex-Parkplätze erkannt werden könnten – an der Rittergasse gibt es gar keine Felder. Und selbst wenn es welche gäbe: Man würde sie vor lauter Auto-Begegnungen gar nicht sehen.