«Vor 10 Jahren haben wir uns über die Bürokratie der FDA und ihre unhaltbaren Zustände beklagt», sagte Severin Schwan. «Das hat sich komplett geändert. Wenn es um Innovationen geht, dann ist die Zusammenarbeit mit der FDA viel besser geworden.» Schwan lobte beispielsweise, dass in den USA Medikamente mit dem Status einer Durchbruch-Therapie («Breakthrough Therapy») den Patienten beschleunigt zur Verfügung gestellt werden können. Die EU-Behörde sei zwar noch längst nicht auf US-Niveau, ziehe aber immerhin nach.

In Grossbritannien habe das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) Kadcyla und Avastin aus der Liste gekippt. Der Grund: Kadcyla sei viel zu teuer. Schwan regt sich auf: «Das ist dumm. Und es ist sehr schade für die Patientinnen. Ich habe keinerlei Verständnis für diesen Schritt. Sind 35 000 £ pro Jahr gerechtfertigt? Das muss die Gesellschaft entscheiden.» Nur die Kostenelemente anzuschauen sei eine ganz enge Betrachtungsweise.

Medikamente haben auch einen ökonomischen Nutzen. Patienten wollen schnell gesund werden und wieder arbeiten. Ausserdem könne Roche das Produkt Avastin nicht mehr für erweiterte Anwendungen testen. Die Entscheidungsträger hätten das zu verantworten.

Und unerwartet kommt Lob für die Schweiz: Hier werde im Rahmen einer Konsensdemokratie um Lösungen gerungen, und zwar mit allen Anspruchsgruppen.

Tatsächlich sind in Grossbritannien die Brustkrebs-Patientinnenorganisationen entsetzt über den Behördenentscheid. So sagt Samia al Qadhi, Direktorin des Breast Cancer Care auf der Website der Organisation: «Das ist eine verheerende Entscheidung und sie wird die Hoffnungen von tausenden Frauen zerschmettern, denen mit diesen Medikamenten hätte geholfen werden können. Das ist völlig inakzeptabel.»

Auch China und Indien kritisierte Schwan deutlich. China verstehe sich als unabhängig, aber die Experten seien kaum vorhanden, da sei noch viel in den Kinderschuhen.
Zu Indien meinte Schwan, dass dort gerade mal ein bis zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Gesundheitsleistungen ausgegeben würden. Selbst bei einer Verdoppelung der Ausgaben käme man nie auf die Zahlen von fünf Prozent in China oder zehn Prozent in den Industrienationen. In Indien machten nicht einmal Generika Sinn, weil die Logistikinfrastruktur fehle. Die Infrastruktur sei in Drittweltländern generell ein riesiges Problem.