Pharma und Kunst

Roche kauft zeitgenössische Werke von meist regionalen Künstlern

Mit Neubauten und neuen Arbeitsformen auf dem Campus braucht Roche mehr Skulpturen, weil es weniger Wände gibt. Die Kunst spielt für den Konzern eine zentrale Rolle. Sie wird nicht als Investition, sondern als Beitrag zur Innovativkraft gesehen.

Feste Arbeitsplätze fallen weg, Mischformen, Büroecken und sogenannte Open Space nehmen zu. Mit dem neuen Hochhaus und den geplanten Neubauten und Umgestaltungen des Roche-Campus an der Grenzacherstrasse entstehen viele neue Büroformen. Wer noch Wände an seinem fixen Arbeitsplatz hat, darf sich dafür weiterhin Kunst aus der Sammlung auswählen. Doch die Wände werden weniger.

«Wir benötigen mehr Skulpturen und dreidimensionale Werke und ausserdem mehr kleinere sowie grosse Formate», erklärt Alexander Lukas Bieri. Er ist als Kurator nicht nur für das Archiv und die historische Ausstellungen, sondern auch für die Kunst beim Basler Pharmakonzern Roche verantwortlich. Dabei würden Skulpturen jedoch nur selten ausgeliehen. «Das erfordert erheblich mehr Vorsicht und Verantwortung, als wenn das Werk an der Wand hängt, wo es geschützt ist», fährt er fort.

Wir wollen keine weichgespülte Sammlung, die alle hübsch finden», betont Bieri. «Die Kunstwerke, die wir erwerben, dürfen Kontroversen auslösen und irritieren. Wir wollen, dass sie unsere Mitarbeiter inspirieren, über sie nachzudenken.» Allein am Standort Basel, wo sich der Hauptsitz des Konzerns befindet, umfasst die Kunstsammlung 7000 Werke. 98 Prozent davon sind im Umlauf. Das heisst, Mitarbeiter haben sie für ihre Arbeitsorte ausgeliehen. «Das Lager ist derzeit ziemlich leer», so Bieri.

Kunst ist keine Investition

Die Grundidee, dass Kunst und Architektur eine wichtige Rolle für Innovation und Kreativität bei Roche spielen, ja sogar die Produktivität der Mitarbeiter steigern können und sollen, hat bereits eine lange Tradition (siehe zweiter Text). «Diese Kernaufgabe bleibt. Für uns ist Kunst keine finanzielle Investition, sie ist ein produktiver Faktor. Die Werke der Sammlung sind nicht versichert und ihr Wert wurde nicht erhoben. Ausserdem ist für uns die Freude an der Kunst auch ein Zins», sagt Bieri.

Während bei Banken Kunstwerke, die einen Kunden schockieren oder Kontroversen auslösen könnten, bewusst gemieden würden, sehe das bei Roche anders aus. «Diese Einschränkung haben wir nicht. Die Kunst geht bei uns über die Dekoration hinaus», sagt Bieri. Es habe auch schon Mitarbeiter gegeben, die bewusst wegen der Kunst zu Roche gekommen seien. «Ein zukünftiger Direktor hat die Skulptur von Hans Arp beim Direktionsgebäude gesehen und daraufhin gesagt: Hier will ich arbeiten», berichtet der Kurator.

Um die Basler Kunstsammlung von Roche und die Ankäufe kümmert sich Cornelia Dietschi. Bieri arbeitet eng mit ihr zusammen. Sie war vorher als Kuratorin beim Kunstmuseum Luzern tätig. Durch die Ausweitung der öffentlichen Zonen wie im Bau 1, dem Hochhaus, ist Dietschi gefordert, denn es ist ihre Aufgabe, diese zu gestalten. «Die Kunst kann die Architektur konkurrenzieren. Da braucht es kuratorisches Fingerspitzengefühl», erläutert Bieri. Dietschi selber war bei dem Besuch der bz nicht zugegen.

Budget für Kunst bleibt geheim

Dietschi hat pro Jahr ein festes Budget, um zeitgenössische Kunst anzukaufen. Zum Konzept von Roche gehört, diese zu 90 Prozent bei regionalen Künstlern zu erwerben. «Sie sind anfangs manchmal irritiert, wenn sie merken, dass nur beschränkt Geld für die Ankäufe zur Verfügung steht. Wenn sie dann aber realisieren, dass wir uns intensiv mit ihrer Kunst auseinandersetzen, schätzen sie das», erzählt Bieri. Um das neue Hochhaus mit Kunst zu bestücken, hat Dietschi ein gesondertes Budget erhalten. Wie viel Roche pro Jahr für Kunst ausgibt oder generell schon investiert hat, will das Unternehmen nicht sagen.
In der Regel zweimal im Jahr kuratiert Dietschi die Roche-Ausstellung «Schaufenster für junges Kunstschaffen». «Es hat sich herumgesprochen, dass sie regelmässig interessante Künstler entdeckt. Deshalb gehören zu den fleissigsten Besuchern der Vernissage auch Galeristen», betont Bieri.

Bis Ende Jahr sind im Bau 1 Arbeiten von Anna-Sabina Zürrer zu sehen. Da findet sich zum Beispiel als Performance-Relikt eine Auslese von ausgewaschenen und beschrifteten Diapositiven sowie Fläschchen mit chemischer Flüssigkeit, die so gewonnen wurde. Die Fotos stammen aus dem Bau 74, der ab Herbst abgerissen wird, um neuen Forschungs- und Laborgebäuden zu weichen. Zürrer macht mit dieser Arbeit den Prozess des Fotografierens rückgängig. Die Arbeit «sich sammeln» zeigt neben einem Video eine Glasflasche mit 0,5 ml Guttationstropfen der Pflanze Alchemilla. Ein oder zwei Werke kauft Roche regelmässig bei den Schaufenster-Ausstellungen an.

Plexiglas-Würfel mit Lappen

Bei einem Rundgang begegnen wir Werken von Lutz & Guggisberg oder im ersten Obergeschoss des Hochhauses Skulpturen von Martin Chramosta, der die fünf Toteninsel-Gemälde von Arnold Böcklin dreidimensional nachgebaut hat. In luftiger Höhe mit Blick auf Basel steht ein Plexiglas-Würfel mit gebrauchten Lappen und Handschuhen von John Beech (Paint Rag Case Nr. 17, 2007) – ist das Kunst? Simone Fattal schafft es mit ihrer kleinen blauen Keramikstatue (ohne Titel, 2012) vor einer dominierenden Treppenstruktur zu bestehen.

Für den Ankauf von Kunst nutzt Dietschi regelmässig die Kunstmesse Art und ihre Parallelmessen. «Das ist allerdings ein grosser Druck. Bei der Art muss man sofort zugreifen, sonst sind die Kunstwerke weg», berichtet Bieri. Sie sei frei dabei, was sie ankauft. «Wir wollen bewusst keine Kommission, die jeden Ankauf zerredet», präzisiert Bieri. Anders sieht es bei den grossen Projekten aus, der Kunst am Bau. Hier entscheidet ein «Arts Advisory Board» über den Ankauf, zu dem neben Bieri und Dietschi, der Basler Standortleiter Jürg Erismann und die Leiterin der strategischen Standortentwicklung gehören.

Herzog & de Meuron mit in Jury

Für den Bau 1 nahmen auch die Architekten des Hochhauses Herzog & de Meuron an der Juryarbeit teil. Die Jury entschied sich für eine Skulptur von Fischli & Weiss: zwei aufeinander liegende Felsbrocken aus dem Gotthard namens «Rock on Top of Another Rock». Sie stehen vor dem Eingang.

Die meiste Kunst bei Roche ist unabhängig vom Pharmakonzern entstanden. Aber es gibt Ausnahmen. So hat Roche 2016 den Video- und Computerkünstler Yves Netzhammer beauftragt, im Firmenarchiv zu arbeiten und seine Eindrücke von Roche in einem künstlerischen Film umzusetzen. Entstanden ist so ein 15 Minuten langer Videofilm mit dem Titel «Alles gespiegelt berühren zu müssen» mit Netzhammers typischer visueller Sprache, die auf einer 44-teiliger Videowand im Erdgeschoss von Bau 1 läuft. Netzhammer ist in Schaffhausen aufgewachsen und lebt heute in Zürich. Er gilt laut Bieri als einer der bedeutendsten Schweizer Künstler im Bereich der elektronischen Kunst.

Roche versucht generell bei seinen Kunstankäufen auch das bewegliche Bild und Videos zu berücksichtigen. «Der technische Betreuungsauswand ist allerdings grösser», gibt Bieri zu bedenken. Dabei sei jungen Künstlern heute der Inhalt wichtiger als das Format. Roche hat zwar das Original, aber der Film von Netzhammer läuft mit einer Kopie.

Im Bau 95, der schräg gegenüber von Bau 1 neben dem zukünftigen zweiten Hochhaus liegt, ist eine Arbeit mit Plasmascreens von Maya Vonmoos zu sehen. «Auf den meisten Stockwerken gibt es unterschiedliche Farbhintergründe. Man sieht das gut von der Grenzacherstrasse aus», sagt Bieri. Der Roche-Campus öffne sich mit der Abfolge von einsehbaren Kunstwerken wie auf einer Achse nach aussen. So seien nacheinander die Skulpturen von Luginbühl und Koch, die Videowand von Netzhammer, die Skulpturen von Fischli & Weiss, Moore und Arp sowie die Plasmascreens von Vonmoos zu sehen.

Wenn möglich werden die Kunstwerke, die durch den Abriss von Gebäuden betroffen sind, erhalten. Allerdings geht das nicht immer. «Die Lichtinstallation von Marguerite Hersberger in dem ehemaligen Forschungsgebäude war eine derart enge Verbindung damit eingegangen, dass sie woanders keinen Sinn gemacht hätte», erklärt Bieri. Dass eine Arbeit verschwinde, sei allerdings die grosse Ausnahme.

Was für ein Kunstwerk dereinst das neue zweite Hochhaus, den Bau 2, schmücken wird, ist noch nicht bekannt. Für den Neubau in Kaiseraugst sei der Auftrag schon vergeben: Eine Bronzeskulptur von Sylvia Hostettler. «Es waren viele berühmte Namen im Gespräch und es gab eine Debatte dazu. Letztlich aber haben wir uns für das beste Projekt für Roche entschieden. Ein derartiger Konsens bei Führungskräften ist ungewöhnlich», sagt Bieri und lässt durchblicken, dass er einen solchen Entscheidungsfindungsprozess als positiv empfindet.

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Kunstförderung hat bereits eine  lange Tradition

Eine zentrale Rolle spielte schon seit den 60er-Jahren die ehemalige Eigentümerin Maja Sacher. Kunst durfte bei ihr auch anecken und radikal sein.

Die grosse Bedeutung, die Architektur und Kunst seit den 1930er-Jahren für Roche spielt, geht auf Emil Christoph Barell zurück. Er prägte 1920 als Generaldirektor die Geschicke des Unternehmens. Ab 1938 amtierte Barell zusätzlich als Verwaltungsratspräsident. Barell, der sich auch für Kunst interessierte, liess 1936 das Basler Verwaltungsgebäude von dem bedeutenden Schweizer Architekten Otto Rudolf Salvisberg bauen. Es entstand ein eigentümlich zeitloses, modernes Gebäude, das bis heute nicht an Bedeutung verloren hat.

Erstmals Kunst am Bau

Erstmals wurde damals im Rahmen von «Kunst am Bau» ein Werk in Auftrag gegeben. Den Wettbewerb für ein 6x6 Meter messendes Wandbild gewann im zweiten Anlauf der Basler Maler Niklaus Stoecklin.

Salvisberg, der zum Hausarchitekten Roches wurde, starb bereits 1940. Seine Arbeit wurde durch seinen engen Schüler Roland Rohn weitergeführt. Die eigentliche Zäsur kam 1953 mit dem Tod von Barell.

Dass Roche auch danach an Rohn festhielt, ist auf die zentrale Rolle von Maja Sacher zurückzuführen. Sie heiratete 1921 Emanuel Hoffmann-La Roche. Zusammen interessierten sie sich sehr für zeitgenössische Kunst. Emanuel Hoffmann kam allerdings 1932 bei einem Verkehrsunfall ums Leben und Maja heiratete einige Jahre später den jungen Basler Dirigenten Paul Sacher. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es Maja Sacher gelungen, die Aktienmehrheit an Roche zu erwerben.

Maja Sacher war in der internationalen Kunstwelt sehr gut vernetzt und es gelang ihr, grosse, auch internationale Künstler für die «Kunst am Bau» bei Roche zu gewinnen. Sie schlug auch vor, die Werkstatt des Unternehmens mit eigens angefertigten Kunstwerken junger Kunstschaffender auszustatten, Arbeiten, die teilweise ausgesprochen radikal waren. Daraus entstand die Tradition, dass alle Mitarbeiter Zugang zu zeitgenössischer Kunst haben sollten. Die Kuratorin war bei ihrer Akquisitionspolitik von Anfang an frei.

Maja Sacher starb 1989

Beim Tod Maja Sachers 1989 war die Kunstförderung schon so stark mit der Unternehmenskultur verbunden, «dass ein Bruch mit dieser Tradition einem Bruch mit dem bewährten Erfolgsrezept von Roche als forschender Unternehmung gleichgekommen wäre. Die Förderung von Kunst und Architektur ist sozusagen in den 1960er-Jahren in die Erbsubstanz von Roche übergegangen», schreibt Kurator Alexander Lukas Bieri in einem Artikel zu Roche. Zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens 1996 liess Roche durch Mario Botta das Tinguely Museum errichten, das vollumfänglich durch den Konzern finanziert wird.

Quelle und Zitat aus: Alexander Lukas Bieri, Roche und die schönen Künste. Eine institutionalisierte Policy. Artikel in Vera Steinkellner Hrsg. CSR und Kultur. Springer Verlag Berlin Heidelberg 2015

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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