Kommentar
Roche räumt auf mit der Vergangenheit – das Valium-High ist bald vergessen

Die Abrisspläne von Roche sind auch ein Bruch mit der Vergangenheit: Die alten Fabrikgebäude der Fünfziger und Sechziger kommen weg. Das ist allerdings schade. Denn mit ihnen verschwindet auch ein Stück Basler Architekturgeschichte, schreibt Patrick Marcolli.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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So soll das Roche-Areal in Zukunft aussehen.

So soll das Roche-Areal in Zukunft aussehen.

Roche

Der Pharmariese Roche ist stolz auf seine von erstaunlicher Kontinuität geprägte Geschichte. Eine Geschichte, die sich am Standort Basel in der Architektur widerspiegelt: Otto Rudolf Salvisberg, Roland Rohn und Herzog & de Meuron prägten und prägen das Areal mitten im Wettsteinquartier seit einem Jahrhundert. Seit gestern nun wissen wir, dass die wichtigsten Bauten von Rohn – das Hochhaus Bau 52 und der «weisse Riegel» an der Rheinfront – bald nur noch auf Stadtansichten oder in Firmenchroniken zu sehen sein werden.

Vor allem das alte Hochhaus steht für die Grandezza und Weltläufigkeit der fünfziger und sechziger Jahre. Es verkörpert eine elegante, beschwingte Moderne. Man riecht förmlich den Zigarrenrauch der Roche-Bosse, die sich in jenen Jahren im Valium-High befinden (und später so lethargisch sind, dass sie die Firma fast in den Ruin treiben werden). Nun haben diese Gebäude das Ende ihres Lebenszyklus erreicht. Ein Blick in ihr Inneres genügt zur Erkenntnis: Der schöne äussere Schein findet dort keinerlei Entsprechung. Der Entscheid des Konzerns, diese Bauten abzureissen, ist aus betrieblichen und energetischen Gründen nachvollziehbar.

Aber es geht eben um viel mehr als das. Nämlich um das Selbstbild eines Konzerns. Die Zukunft ist hell, gläsern, hoch, aufgeräumt, in jeder Hinsicht «clean» – umgeben von einer Offenheit signalisierenden Parklandschaft am Rhein. So versteht sich Roche heute. So will Roche morgen gesehen werden. Der Campus des Jahres 2025 versinnbildlicht den Wechsel zur Pharma und den «Life Sciences». Dass vom Zeitalter der klassischen Chemie kaum etwas übrig bleiben wird, ist nicht nur aus ästhetischen Gründen bedauerlich. Es wird auch ein Stück Basler Industriegeschichte dem Boden gleichgemacht.