Chronometrie Spinnler + Schweizer
Roger Schweizer und Hans Spinnler über ein unerwartet spezielles Jubiläumsjahr: «Wer kann schon das 100-Jährige feiern?»

Roger Schweizer und Hans Spinnler über ein historisches Jahr und die Enttäuschung über das Wegfallen der so wichtigen Baselworld.

Lea Meister
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Hans Spinnler und Roger Schweizer in den Verkaufsräumlichkeiten ihrer Traditions-Chronometrie.

Hans Spinnler und Roger Schweizer in den Verkaufsräumlichkeiten ihrer Traditions-Chronometrie.

Zur Verfügung gestellt

Die Chronometrie Spinnler + Schweizer gibt es seit genau 100 Jahren – wie hätte das Jubiläum ohne Corona ausgesehen?

Roger Schweizer: Ich darf eigentlich gar nicht sagen, was wir alles geplant haben, da wir ja alle Events nachholen möchten. Es wird verschiedene, spezielle Anlässe rund um das Thema Zeit geben – bei uns im Geschäft, aber auch in der Stadt. Unser «Zythuus am Spalenberg» wird auch Teil des Ganzen sein. Wir planen die Events für dann, wenn sie wieder möglich sein werden, wann das sein wird, werden wir sehen.

Hans Spinnler: Dann gibt es eben das 101- oder 102-Jahr-Jubiläum (lacht). Wir möchten den Gründern gedenken, aber auch uns selbst ein Stück weit feiern. Welche Firma kann schon auf 100 erfolgreiche Jahre zurückblicken.

Schweizer: Unser Geschäft hat den Zweiten Weltkrieg, die Ölkrise, den Euro-Schock erlebt und überstanden, jetzt die Coronakrise.

Seit über 35 Jahren hat die Chronometrie ihren Sitz am Marktplatz und verkauft Markenuhren.

Seit über 35 Jahren hat die Chronometrie ihren Sitz am Marktplatz und verkauft Markenuhren.

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Rückblickend auf dieses Jahr 2020 – hat sich die Bedeutung der Zeit verändert?

Schweizer: Ja, dieses Jahr wird mir sehr stark in Erinnerung bleiben und auch auf eine Art und Weise ein historisches Jahr bleiben. Einerseits konnten wir all das, was wir für unser Jubiläum geplant haben, nicht durchführen und andererseits fiel auf einmal all das, was uns lieb und teuer ist, weg. Plötzlich wurde einem bewusst, wie viel Zeit man eigentlich hat, obwohl man immer gedacht hat, man habe keine Zeit. Ich stelle mir die Zeit immer vor, wie einen grossen Fluss mit viel Wasser. Manchmal regnet es stark und es fliesst mehr Wasser und manchmal ist es trockener. Den Fluss der Zeit nehmen wir alle so subjektiv wahr. 2020 war auf einmal ganz viel Zeit da...

Mit dem professionellen Hut war es eine sehr bedrückende Zeit.

(Quelle: Roger Schweizer)

Spinnler: Ganz speziell fand ich den zweimonatigen Lockdown. Man hat uns alles genommen, die Arbeit, die Beizen, das Kino, den Fussball... Mit der ganzen Zeit, die man dann hatte, musste man etwas anfangen. Das fühlte sich nicht gleich an, wie beispielsweise in den Ferien. Man hat sich zurückbesonnen auf die eigene Stube. Die Qualität des Zeitbegriffs hat sich verändert. Wenn ich mit dem privaten Hut rede, hat mir diese Zeit sogar ein wenig gefallen.

Schweizer: Mit dem professionellen Hut war es eine sehr bedrückende Zeit. Man hat keine Erfahrung mit Pandemien, man weiss nicht, wohin das alles führt und wann es zu einem Ende kommt.

Was haben Sie als Privatmenschen mit dieser ganzen Zeit gemacht?

Spinnler: Ich habe wunderbare Rezepte studiert, die wir dann gekocht und den passenden Wein dazu ausgesucht haben. Dann habe ich noch etwas Neues entdeckt: «Klöpfer» brötle über dem Feuer. Ich bin jeden Tag zwei bis drei Stunden mit meiner Frau wandern gegangen und wir haben immer ein Feuer gemacht und «Klöpfer» gegessen, das war etwas ganz Neues für mich. Ich habe mich wieder wie zu Pfadi-Zeiten gefühlt.

Schweizer: Da kommt der Stadtmensch hervor (lacht).

War es auch eine besinnliche Zeit?

Spinnler: Ja, ich habe mir auch sehr viele Gedanken gemacht, wie man es eigentlich in der Adventszeit tut. Bei ihm (zeigt auf Herrn Schweizer) war die Zeit nicht besinnlich, denn er hatte grossen Druck. Ich bin eigentlich pensioniert und nur noch im Hintergrund tätig.

Schweizer: Er ist meine graue Eminenz.

Chronometrie Spinnler + Schweizer am Marktplatz

1920 gründete Grossvater Hans Spinnler ein Uhrenatelier an der Freien Strasse. Nach dem Tod des Firmengründers, führte sein Sohn Hans August Spinnler 1951 das Uhrenfachgeschäft an der Gasstrasse weiter. 1985 zügelte er die Firma an den Marktplatz. Vor 30 Jahren trat der heutige Inhaber Roger Schweizer, der 2011 Mehrheitsaktionär wurde, in die Firma ein. Seit über 35 Jahren hat die Chronometrie ihren Sitz am Marktplatz und verkauft Markenuhren. 2020 hätte zum grossen Jubiläumsjahr werden sollen. (mei)

Warum lief es bei Ihnen besser als bei der Konkurrenz?

Spinnler: Das kann ich Ihnen ganz genau erklären (lacht). Es ist die DNA unseres Geschäfts, welches mein Grossvater und mein Vater aufgebaut haben. Wir sind inhabergeführt und arbeiten mit Herz und Seele. Wir haben drei Uhrmacher in einem gut eingerichteten Atelier und einen sehr guten Namen für Beratung und Services. Das hat die Konkurrenz nicht. Wir funktionieren anders als ein Filialist, der Befehlsempfänger einer Zentrale ist. Wir ticken anders. Wir verkaufen die Erbstücke von morgen. Kein Produkt ist so zeitlos wie die Uhr.

Seit 2003 vertritt die Chronometrie Spinnler + Schweizer die Marke Rolex. Ein sogenannter Ritterschlag für Uhrmacher.

Seit 2003 vertritt die Chronometrie Spinnler + Schweizer die Marke Rolex. Ein sogenannter Ritterschlag für Uhrmacher.

Juri Junkov

Schweizer: Wir sind beide gelehrte Uhrmacher und tragen das Uhren-Gen in uns, welches wir auch auf unsere Mitarbeitenden übertragen haben. Bei uns dreht sich alles um die Uhr und somit das Thema Zeit.

Dann haben Sie der Konkurrenz eigentlich das Handwerk voraus?

Spinnler: Genau. Das ist ein Kernsatz unseres Schaffens. Ich sage immer wieder: Wir heissen «Chronometrie» und nicht «Uhrengeschäft», es gibt wenige Geschäfte, die sich noch trauen, sich Chronometrie zu nennen. Eine Chronometrie bedeutet, weltbekannte Marken in einem schönen Umfeld zu verkaufen, mit ausgebildeten Fachleuten und einer Werkstatt im Hintergrund. Vollumfängliche Liebe für die Uhr und die Zeitmessung also.

Tickt Basel grundsätzlich anders?

Spinnler: Ja. Unser Humor, das Humanistische, das Mäzenentum, das wir von den reichen Baslern haben... Man hat Geld, man redet aber nicht darüber. Vor 20, 30 Jahren war es noch origineller, heute gleichen sich die Schweizer Grossstädte alle an.

Wir verkaufen die Erbstücke von morgen. Kein Produkt ist so zeitlos wie die Uhr.

(Quelle: Hans Spinnler)

Schweizer: Zum Thema «Basel tickt anders» kann man im Moment natürlich auch sagen «Basel tickt gar nicht mehr». Wir waren mit der Baselworld jahrzehntelang einmal pro Jahr der Nabel der Uhrenwelt, der Name dieser Stadt wurde in die Welt hinausgetragen. Dazu hat man keine Sorge getragen.

Ist das für Sie sehr einschneidend?

Schweizer: Ja. Und Basel-Stadt merkt nicht, was man mit der Messe verloren hat, das ist ganz schlimm. Es wurde nicht erkannt, was für ein Juwel wir mit der Baselworld hatten und jetzt haben wir es aus vielen verschiedenen Gründen verloren. Die Baselworld wird nicht mehr zurückkommen.

Aber auch der Kanton ist nicht unschuldig. Es sitzen die falschen Delegierten im Verwaltungsrat.

(Quelle: Hans Spinnler)

Spinnler: Ich werfe es klar der Messe vor, dem Verwaltungsrat der MCH Group, der nicht den richtigen Umgang mit den involvierten Firmen gepflegt hat. Aber auch der Kanton ist nicht unschuldig. Es sitzen die falschen Delegierten im Verwaltungsrat.

Was nehmen Sie aus dem Jahr 2020 denn im Endeffekt mit?

Schweizer: Eine gewisse Demut und das Wissen, dass nichts selbstverständlich ist.

Spinnler: Wenn Demut die Schwester ist, heisst der Bruder Dankbarkeit. Und zwar dafür, dass wir das eigentlich relativ gut überstanden haben und für die Tatsache, dass man wieder aufs Neue entdecken durfte, was früher stets so selbstverständlich war.

Werden Sie auch weiterhin «Klöpfer» brötle auf Wanderungen?

Spinnler: Auf jeden Fall (lacht). Wann habe ich zuvor zuletzt im Wald ein
Feuer gemacht? Ich weiss es nicht mehr.

Schweizer: Ich habe das oft gemacht, aber ich bin auch ein Landei (lacht).