Roli Frei, Sie haben Ihr Konzert angekündigt mit den Worten «When I was 64». Eine Anspielung auf den Beatles-Song von Paul McCartney?

Roli Frei: Ja, genau. «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» war das erste Album, das ich mir kaufte. Ich war vierzehn – und völlig begeistert. Das Album fuhr mir extrem ein, vom bunten Cover bis zur aufwendigen Orchestrierung. Ich war süchtig danach. Es ist für mich bis heute ein musikalischer Meilenstein geblieben.

Warum?

Ich bin völlig fasziniert von der Offenheit und Vielfalt, die die Beatles an den Tag legten. Eine Offenheit, die ich als Musiker mitnahm, was vielleicht auch erklärt, warum ich selber gerne verschiedene Stile pflegte. «Sgt. Pepper’s» war prägend und bedeutsam, weil es die Rockmusik qualitativ legitimierte; das war kein Krach, sondern Kunst, zum Teil sinfonisch, auf jeden Fall vielfarbig. Selbst meinen Eltern lief es bei «A Day in the Life» kalt den Rücken runter. Hinzu kamen die Texte.

Inwiefern?

«Sgt. Pepper’s» war die erste Platte, die ich mir anders angehört habe, weil ich die Texte mitlesen konnte. Und natürlich haben wir Fans damals über den Song «When I’m Sixty-Four» diskutiert. Für uns war es undenkbar, dass Paul McCartney noch spielen wird, wenn er dieses Alter erreicht hat.

Beatmusik stand für die Kultur der Jugend, ein Song wie «When I’m Sixty-Four», in dem es ums Alter geht, war da überraschend.

Ja. Aber auch herzig. Ich hatte selber auch diese idealistische Vorstellung von der Liebe und der Familie. «With a little help from my Friends» hat mich ebenfalls beeindruckt. Diese Lieder machten Mut ... zu singen.

Dass Sie Sänger werden möchten, wurde Ihnen mit 14 klar?

Ja, ich sang schon als kleines Kind die ganze Zeit. Die Musik der Beatles war eine kleine Offenbarung für mich, so wie auch der Soul von Aretha Franklin oder Marvin Gaye. Und «With a little help...» schüttelte mich völlig durch, als ich die Version von Joe Cocker entdeckte. Ich arbeitete im Keller einer Drogerie, füllte Kartoffelschnaps ab und sparte für meine erste Gitarre, als seine Version plötzlich im Radio lief.

Jetzt sind Sie selber 64 – und spielen weiter. Um es sich zu beweisen?

Eher um zu leben. Vor wenigen Tagen starb Hanery Amman, er war in meinem Alter. Noch vor wenigen Monaten spielten wir gemeinsam auf dem Bundesplatz in Bern an einem Solidaritätsfestival für krebskranke Menschen... Hanery gehörte zu den ersten der Schweizer Musikszene, die mir ein Kompliment machten. Das war 1980, als wir mit Lazy Poker am Open Air St. Gallen auftraten. Er packte mich hinter der Bühne begeistert an den Schultern und ermutigte mich, weiterzumachen. Der Respekt war gegenseitig: Hörte ich ihn singen, auf seinem letzten Album etwa in Liedern wie «Was für e Nacht», hat mich seine Intensität mitgerissen.

Und jetzt ist er weg. Wird Ihnen so die Vergänglichkeit Ihrer Generation bewusster?

Ja, schon seit längerem. Viele Musiker, die mich in meinem Leben begleitet haben, sind verstorben. Besonders aber hat mich der Tod eines Freundes erschüttert, kurz nachdem ich an seinem 64. Geburtstag im Basler Barakuba für ihn singen durfte. Plötzlich bekam ich Angst vor meinem eigenen Geburtstag. Diese überwand ich, indem ich mir einen Schupf gab: «Sei froh, dass Du noch singen kannst. Mach was draus!», sagte ich mir. Und entschied, mein gelebtes Alter zum Thema eines Konzerts zu machen, nun, da der CD-Release über die Bühne gegangen und die Band bestens eingespielt ist.

Jetzt haben Sie die 64 schon fast überlebt. Wie fühlt es sich an, einen solchen Berg erklommen zu haben, der aus Teenagersicht unendlich weit weg war?

Ich bin glücklich, dass ich noch immer da bin, dass meine Stimme noch immer so mitmacht, wie ich möchte. Sie entwickelt sich sogar weiter und gewinnt an Ausdrucksstärke. Sogar meine Kopfstimme ist ein Immertöner, auch wenn sie nicht mehr den gleichen Umfang hat und ich ihr manchmal gut zureden muss.

Tatsächlich weist Ihr Gesang noch immer ein erstaunlich breites Range auf. Ihr Geheimnis: ein Zaubertrank?

(lacht) Nein, ich pflege meine Stimme nicht besonders. Ich leide sogar an einer chronischen Nebenhöhlenentzündung, Spätfolgen der Clubshows in den 80er- und 90er-Jahren. Damals waren die Konzertlokale völlig verraucht, sodass man kaum atmen konnte. Undankbar für nichtrauchende Sänger. Was den Zustand meiner Stimme angeht, so habe ich Glück. Ich musste nur eines ändern über die Jahre: Bewusster einsingen, stärker auf die Stimme und ihre Tagesform hören und allenfalls das Repertoire anpassen. Mein Limit ist eigentlich immer nur stressbedingt.

Wenn Sie Stress haben, schlägt sich das dann direkt auf die Stimme nieder?

Ja, genau. Konzerte gehen immer. Aber neben der Bühne kann mich der Stress sprachlos machen.

Was stresst Sie denn?

Buchhaltung machen, zum Beispiel. Sowas staut sich auf, bis es mich erschlägt. Dann wird es dunkel und ich liege flach.

Sie haben in den vergangenen Jahren ihre Schwächen, Depressionen, musikalisch zu Stärken gemacht. «Strong is not enough» heisst ihr aktuelles Album. Wie geht es Ihnen heute?

Ich bin schnell erschöpft, kann aber gut auf den Moment reagieren, Konzerte geben – und in Notfällen kühlen Kopf bewahren. Das Schleichende im Alltag, Büroarbeiten, Pflichten, können einfach zuviel sein für mich.

Nochmals auf Tour gehen, würde Sie das überfordern?

Nein, überhaupt nicht. Ich muss für Leute singen. Und ich liebe es, auf Tour zu gehen. Vor zwei Jahren reiste ich solo durch Deutschland, 2000 Kilometer für sechs Konzerte. Das war wunderbar, belebend.

Gefährlich wird es, wenn Sie zu Hause sind?

Ja und nein. Ich lebe in einer Wohnung an der Grenze, wo ich singen, aber auch einfach viel Ruhe haben kann. Ich brauche beides.

Sie sind ein einsamer Wolf geworden?

Zum Teil. Die Familie ist mir weiterhin sehr wichtig, ich will auch für meine Grosskinder da sein. Verzichten möchte ich auf anderes, was mir zuviel wird. Steuererklärungen, Small talk, Oberflächliches.

Dieses Hadern mit sich selbst, hat das auch positive Seiten?

Ja. Durch meine Unfähigkeit, manche Sachen zu erledigen, habe ich auch eine Wut entdeckt. Ich war früher gehemmt. Heute fühle ich mich befreiter, mit mir als Künstler im Reinen. Ich kann die Wut auch besser rauslassen. Und sie zum Teil in Lieder verpacken.

Lieder, die Sie nun im Atlantis spielen werden. Ein Comeback?

Ja. Mit Circus habe ich in den 1980 erstmals im -tis gespielt, drum herum viele Male mit Lazy Poker. Aber in den letzten 15 Jahren trat ich da nicht mehr auf, aus guten Gründen: Ich schien dem Laden Unglück zu bringen. Als Grischa Cassini das Atlantis in den 1990ern wieder eröffnete, engagierte er mich, ebenso war es unter Simon Lutz und Jürg Wartmann. Und beide mal kam es nicht gut mit dem Musiklokal. Ich hoffe, dass es diesmal anders sein wird.

Roli Frei & The Soulful Desert
Atlantis, Basel. Do, 11. Januar, 21 Uhr.
Special Guests Pyro und Steffi Klär.