Rollstuhl
Rollstuhlängerin Benallal: «Kopfsteinpflaster sind wirklich mühsam»

Der Basler Stadtplan von Pro Infirmis weist hindernisfreie Wege – Schienen und Treppen aber bleiben mühsam. Unzählige Male muss sie die Vorderräder des Rollstuhls leicht anheben, um nicht in den Schienen hängen zu bleiben.

Pascale Hofmeier
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Unüberwindbar ist diese Treppe vor dem Theater.

Unüberwindbar ist diese Treppe vor dem Theater.

Kenneth Nars

Beinahe wäre Chikha Benallal aus dem Rollstuhl gefallen. Eines der Vorderräder hat sich in den Pflastersteinen im Innenhof des Basler Rathauses verkeilt. «Kopfsteinpflaster sind wirklich mühsam», sagt sie und lacht trotz des Schreckens. Der beinahe Sturz war für sie nichts Neues: «Das passiert immer wieder.» Ins Rathaus hinein käme sie nicht alleine – es gibt eine Klingel, mit der Rollstuhlfahrende Hilfe anfordern können. Denn vor jeder Türe hat es mindestens einen grösseren Absatz oder mehrere Treppenstufen. Bereits zu Beginn der kleinen Tour von der Theaterstrasse in Richtung Marktplatz fällt auf, wie viele Läden und Restaurants für die 46-Jährige unerreichbar sind wegen genau desselben Problems: Eine einzige Treppenstufe wird zum Hindernis, das sie alleine nicht überwinden kann. «Es gibt Rollstuhlfahrer, die können eine Treppe hoch und runter. Ich selber habe Angst.»

Es dauert länger als zu Fuss

Wenn Chikha Benallal einen Weg durch die Stadt plant, überlegt sie sehr genau: «Einfach so spontan die Richtung ändern, ist schon schwierig.» Das geht nur, wenn sie viel Zeit hat: «Ich brauche für viele Distanzen länger.» Vom Behindertenparkplatz in der Steinentorstrasse zum Theater beispielsweise nimmt sie den langen Weg: übers Trottoir zum Tinguely-Brunnen und von dort zum Haupteingang. «Das geht problemlos und auch innen ist das Gebäude rollstuhlgängig.»

Das steht so auch auf dem neuen Basler Stadtplan für Rollstuhlfahrende von Pro Infirmis. Die Karte der Innenstadt zeigt, welche Museen, Theater und Restaurants für Rollstuhlfahrende zugänglich sind und welche nicht. Eingezeichnet ist auch ein hindernisfreier Rundgang von der Mittleren Brücke zur Wettsteinbrücke und zum Münster. Der umgeht die Treppe von der Wettsteinbrücke in den oberen Rheinweg und die Altstadtgassen weitgehend. «Die Altstadtgassen wären schon schön, aber die sind zu steil für den Rollstuhl.» Der Plan sei gut gelungen und nützlich, findet Chikha Benallal. Auch öffentlich zugängliche Behindertentoiletten und -parkplätze sind eingezeichnet. Besonders Letzteres findet sie wichtig. Denn: «Die öffentlichen Verkehrsmittel benutze ich selten.» Mit dem Auto könne sie sich selbstständiger bewegen. Darauf legt sie Wert. Es werde viel dafür getan in der Stadt, damit dies möglich sei.

Krücken bis vor zehn Jahren

Die 46-jährige erkrankte mit zweieinhalb an Kinderlähmung. Geboren wurde sie in Algerien, kam aber bereits als Kleinkind zur Behandlung in die Schweiz. Hier wuchs sie bei Pflegefamilien auf. «Ich war zweimal in Algerien, habe aber keinen Kontakt mehr zu meiner Herkunftsfamilie.» Bis vor zehn Jahren bewegte sie sich mithilfe von Krücken und Orthesen, eine Art Körperstütze. Dann wechselte sie in den Rollstuhl. «Es ist gesünder und weniger anstrengend.»

Doch die Anstrengung steht ihr immer wieder im Gesicht geschrieben. Zum Beispiel beim Überqueren der Tramschienen vor dem Stadtcasino. Unzählige Male muss sie die Vorderräder des Rollstuhls leicht anheben, um nicht in den Schienen hängen zu bleiben. Der Zufall will es, dass ein anderer Rollstuhlfahrer mit vorgespanntem Fahrrad vorbeisaust. «Das ist extrem praktisch», sagt Benallal, packt ihr iPhone aus und zeigt ein Bild, wie sie mit derselben Konstruktion über einen Kiesstrand am Gardasee fährt: «Mit dem Rad geht es auf unebenem Boden viel besser.»