Es gibt kein gültiges Porträt. Es gibt nur Momentaufnahmen, in denen wir uns – vielleicht – nach Jahren wiedererkennen oder die uns fremd geworden sind. Roni Horn eröffnet ihre Ausstellung in der Fondation Beyeler mit der Serie «a.k.a.». Paarweise setzt sie fotografische Aufnahmen ihrer selbst nebeneinander – als Kind, Jugendliche und Erwachsene. Vielleicht ist das Ich nur Erfindung? Vielleicht sind Bilder da, damit wir ihnen entwachsen können? Vielleicht ist meine Person nur das Bild der anderen?

Seit mehr als dreissig Jahren beeindruckt die 1955 in New York geborene Roni Horn mit ihrem Werk. Grosse Sinnlichkeit weiss sie mit einem unbestechlichen Nachdenken über die Mechanismen der Wahrnehmung zu verbinden. In Zeichnung, Text, Fotografie und Installationen weist sie Gegenwart als eine durch und durch sinnliche Erfahrung aus. Und als gleichzeitig äusserst instabilen Zustand. Denn was sie in ruhigen Varianten an Bildern präsentiert, führt Veränderung vor Augen: Nichts bleibt sich gleich, und was wir zu kennen meinen, hat im nächsten Augenblick einen anderen Ausdruck.

Varianten

Das war so, als sie 1999 die Themse fotografierte und in der manchmal geschmeidigen, manchmal dunkel aufgewühlten Wasseroberfläche kurze, assoziative Kommentare ansiedelte. Und es zeigt sich neu in der Folge von Zeichnungen mit dem Titel «Th Rose Prblm»: Handschriftlich ist Gertrude Steins legendärer Satz «A rose is a rose is a rose» mit der Redewendung «coming up smelling like roses» verbunden. Durch scharfe Schnitte vielfach verletzt und neu zusammengefügt, ist die Lesbarkeit von ohnehin mehrschichtigen Aussagen auch visuell irritiert. Wo nun aber zwölf mal vier Blätter einen ganzen Ausstellungsraum umschliessen, öffnet sich ein Horizont. Das strauchelnde Lesen wird zum Blick in ein weites, kristallines Lichtermeer.

Gläser

Die Fondation Beyeler stellt die Künstlerin vor in einer Folge von sechs Räumen, die konzentriert je einer Werkgruppe gewidmet sind. Sechs Mal verbindet sich so auf unterschiedliche Weise Roni Horns insistierende Beobachtung mit einer Reflexion über die Erscheinung der Dinge. Und spätestens, wenn sich der hinterste Saal zur Landschaft öffnet und fünf brusthohe Glaszylinder Licht und Spiegelungen auffangen, wird man aufhören, über die Logik von Kunst nachzudenken. Man darf Roni Horn vergessen und dem eigenen Staunen begegnen. Denn das massive Glas im Gusszustand ist seitlich opak und oben glatt wie Öl, es verändert sich nicht nur mit dem Wandel der Sonneneinstrahlung, sondern mit jeder eigenen Bewegung, welche die Spiegelungen auf der Oberfläche dehnt oder aus der Nähe einen kleinen Schwindel hervorruft.

Island

«Gross genug, um mich zu verlieren. Klein genug, mich zu finden»: So hat Roni Horn ihre Wahlheimat Island für sich zusammengefasst. Seit 1975 reist die Künstlerin, damals 23, immer wieder für längere Aufenthalte dorthin. Die karge Landschaft der Insel schärft die Sinne für jede Witterung, für die Herkunft von Materie, für das Wesen von Farbe und Licht. Die Künstlerin entdeckte das vulkanische Land als einen Ort, in dem sie die genaueste Sicht habe – auf sich selbst und auf ihr Verhältnis zur Welt. Das Regelset des städtischen Lebens ist in der Landschaft ausser Kraft gesetzt.

Nirgends ist Narzissmuss so sinnlos wie in der Natur. Sie spiegelt Wirklichkeit jenseits von sozialen Konventionen und pocht, fernab von Erfindung und Imagination, auf direkte Anschauung. Seit den frühen 1990er-Jahren widmet Horn ihrer Insel eine Reihe von Publikationen. Wie eine Signatur der aktuellen Ausstellung sind sie ausgelegt in der Flucht einer langen Vitrine.