Mundartdichter
Rückkehr eines Verschollenen: Sein Enkel durchstöberte den Dachboden und fand Schätze

Er schrieb «Gilberte de Courgenay»: Jetzt bemüht sich der Enkel von Rudolph Bolo Mäglin um das Erbe des Autors.

Benjamin Rosch
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Plötzlich wurde Rudolph Mäglin selbst zum Sujet: «Dr Bolo vor em Richter», wie man ihn kannte – mit der Zeitung unter dem Arm.

Plötzlich wurde Rudolph Mäglin selbst zum Sujet: «Dr Bolo vor em Richter», wie man ihn kannte – mit der Zeitung unter dem Arm.

Zur Verfügung gestellt

«Für mich war das wie der Fund einer Schatzkiste», sagt Lukas Mäglin. Ein Freund hatte ihn gefragt, ob er eigentlich nicht etwas über seinen bekannten Grossvater wisse, Rudolph Bolo Mäglin. Da stutzte Lukas Mäglin, denn ihm wurde bewusst: Seit seinem Referat in der Primarschule hatte er sich kaum mehr mit dem Basler Dichter und Schriftsteller befasst. Er bat seinen Vater um Rat, der ihm den Weg zum Dachboden wies. Dort lagen sie: vier oder fünf Zügelkisten voll mit Handschriften, Zeitungsartikeln, Liedtexten und Theaterstücken. Das fast schon verschollen geglaubte Vermächtnis eines bekannten Mundartdichters und Schriftstellers der Schweiz.

Spitzer Gerichtsreporter, geistiger Landesverteidiger

Es war ein Stephanstag vor etwas mehr als hundert Jahren, an dem Rudolph Mäglin in Basel zur Welt kam. Er war das vierte von sechs Kindern am Herrengrabenweg. Eigentlich sollte er Buchhalter werden, so sah es der vorgezeichnete Weg nach einer Bankenlehre vor. Doch Rudolph Mäglin wusste wenig anzufangen mit dem tristen Büroalltag und so wurde er Zeitungsreporter.

Bezüglich der Themen war Mäglin nicht wählerisch. Bald füllte er die Spalten im Sport, bald schrieb er Theaterkritiken. Erste Bekanntheit erlangte er jedoch als Gerichtsreporter der «Basler Woche». Seine Rubrik «Erlauschtes vom Bäumli» handelte in spitzen Berichten von Streitfällen am Zivilgericht. Gerne publizierte er unter Pseudonymen, von denen er gleich über eine ganze Reihe verfügte. Eines seiner liebsten lautete Bimbolo, nach einem Lied von George Hofmann. Als ein italienischer Clown mit diesem Namen ihm aber das Alias verbot, schnitt er kurzerhand den vorderen Teil ab: Bolo Mäglin war geboren.

Eine Kostprobe von «Bolo»

Viele Texte von Rudolph Mäglin drehen sich um Alltägliches, oft mit Witz, nie grob. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb manche Gedichte bis heute gut gelesen werden können. Selbst wenn Mäglin eine politische oder gesellschaftskritische Haltung in ihnen durchblitzen liess, wie folgender Ausschnitt aus dem Gedicht «S Tämpo vo dr Zyt» zeigt:

Wenn y dängg, wie ’s no in myner Jugend
Z’ Basel gsi isch, wird ’s mer windeweh:
Denn gar mängi alti Bebbi-Tugend,
Mänge Bruuch gsehsch hitte nienemeh.
Und es stimmt mi mängmol fascht elegisch,
Wenn y dängg, wie d’ Zyt und d’ Lytt vergehn,
Wär – wien ych – no läbig, wyff und reg isch
Wird mer zuegäh: ’s isch nimm halb so scheen.
Frogsch Di, wie das ko isch, merksch: Es lytt
Am verflixte Tämpo vo dr Zyt!

Byschpilswys d’ Verkehrs- und d’ Uusfluugsbrych
Sinn scho syt Johrzähnte nimme glych !
Friejer isch me no in Schääse gfahre,
Sygs uf Binnige, Bobbmige, Ettige, Flieh –
Hitte segglet me in Aerdeel-Kare
Bis uff Mailand . . . neecher wurd nimm zieh !
Friejer hesch d’ Umgäbig no bewunderet ! –
Saitisch hitt, ’s syg scheen, so wurdsch abgsunderet,
Denn wär nit ka Kilometer frässe,
Isch e Duubel und isch bald vergässe !
Frogsch Di, wie das ko isch, merksch: Es lytt
Am verflixte Tämpo vo dr Zyt ! So hett d’ Stadt sich g’änderet und au d’ Zytte.
D’ Wandlig isch nit räschtlos wundervoll
Und kai Vorteil, das isch kuum z’ bestrytte.
Aber trybt me ’s hitt au no so doll
Dass ’s Dir insghaim mängmol noochzue z’ vyl wird,
Will so mängs vom Alte, Scheene stirbt :
Glaub nit, dass dr Bebbi z’ letscht fossil wird
Und ass ’s ächti Baslertum verdirbt !
Ganz kai Reed ! Es git no glungeni Dyssi
’s git no Hilli, Haiggi, Hälmi, Fritz,
’s git no Lieni, Guggi, Beeni, Missy –
’s git no unsere ächte Baslerwitz !

1926 war Mäglin freier Mitarbeiter der politisch linken «National-Zeitung», die in der Stadt alle nur die «Nazi-Zyttig» nannten. Für diese lancierte er eine Kinderbeilage mit dem damals unverfänglichen Namen «Dr glai Nazi». Der Mann mit den weissen Handschuhen (Mäglin hatte eine Allergie gegen Druckerschwärze) veröffentlichte darin Gedichte. Er verfasste Lieder, Texte und ganze Theaterstücke (siehe rechts). Eines davon erlangte besondere Berühmtheit: «Gilberte de Courgenay», das Soldatenstück über eine Kellnerin im Jura, umschwärmt von den Truppen während der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg. Mit ihr als Heldin inmitten einer verklärten Soldatenidylle traf Mäglin den Nerv der Zeit: Sein Theaterstück avancierte zu einem Musterbeispiel der Geistigen Landesverteidigung. Hundertfach aufgeführt, reichte Mäglin bald einen Roman zum selben Stoff nach, den Kritiker argwöhnisch beäugten und die Leute gern kauften. Besonders gerne schrieb Bolo Mäglin für und über die Fasnacht. 1972 überreichte die Märtplatz-Clique ihrem Zeedel-Dichter ein gebundenes Büchlein mit all seinen Cliquen-Zeedeln – es waren fast fünfzig. Unter Cliquen berüchtigt waren hingegen seine scharf formulierten Reportagen über die Fasnacht in der Zeitung, was ihm eines Tages die Ehre eintrug, selber zum Sujet zu werden: «Dr Bolo vor em Richter» persiflierte den Schreiberling mit einem eindrücklichen Tambourmajor.

Die Uni Basel freut sich über den Fund

1973 starb Rudolph Mäglin an Kehlkopfkrebs. 2013 tauchte sein Name noch einmal kurz auf: Damals weihte Binningen, wo er lange gewohnt hatte, eine nach ihm benannte Strasse ein. Ansonsten geriet das Lebenswerk des beim Publikum Beliebten in Vergessenheit. Zumal sein vielleicht grösster Fan erst noch geboren werden musste: «Ich habe meinen Grossvater um elf Jahre verpasst», sagt Lukas Mäglin. Das hielt ihn nicht davon ab, sich früh für dessen Texte zu interessieren; in der Primarschule hielt er sogar einen Vortrag über Bolo Mäglin. Es sollte allerdings noch einige Jahre dauern, bis aus der Faszination eine richtige Aufgabe erwuchs.

Inzwischen ist Mäglin selber Vater. Sind die Kinder im Bett, kümmert er sich nun um das Erbe des Grossvaters. In mühseliger Kleinarbeit durchforstet er die Handschriften, Fotografien und Drucksachen, bereitet sie digital auf und bringt so Ordnung ins Durcheinander. «Ich dachte mir: Das muss doch an die Öffentlichkeit», erklärt Lukas Mäglin. Es ist sein einziger Beweggrund, dass es doch schade um die Texte sei, würden sie auf einem Dachstock vergilben. «Ein Teil der Sammlung ist bereits kaputt, weil der Schimmel sie befallen hat», sagt Mäglin.

Dem Rest soll es besser gehen. Ist Mäglin mit seiner Arbeit durch, wandern sämtliche Erzeugnisse Bolo Mäglins in die Bibliothek der Universität Basel. «Ein Teil davon wird ins Handschriftenverzeichnis aufgenommen», sagt Mäglin. Der Rest würde fachgerecht archiviert. Wer weiss, vielleicht entdeckt noch sonst jemand das Werk von Bolo Mäglin als persönliche Schatzkiste.

Mehr Infos finden Sie unter: https://bolo.maegl.in