BKB

Rudolf Matter hat keine grossen Stricke zerrissen

Nachdenklich: BKB-Direktionspräsident Hans Rudolf Matter, der Ende Jahr in Frühpension geht.

Nachdenklich: BKB-Direktionspräsident Hans Rudolf Matter, der Ende Jahr in Frühpension geht.

Der Chef einer Bank tritt zurück – und niemand findet Worte des Bedauerns. Der ausscheidende BKB-Chef Hans Rudolf Matter erhält keine Abgangsentschädigung. Er freut sich auf seine Pensionierung.

Hans Rudolf Matter-Sigg (59) sei ein netter und sympathischer Mensch, aber als Chef der Basler Kantonalbank (BKB) habe er keine grossen Stricke zerrissen. So lautet der Tenor, wenn man in der Branche herumfragt. Die Wahl Matters als Nachfolger des Vollblutbankers Werner Sigg (73), dem Onkel seiner Frau Christine, war 2004 keine Verlegenheitslösung. Matter hatte sich als Chef der BKB-Tochter Bank Coop empfohlen, wo er die Kostenstruktur massiv verbessert hatte.

Jovial und korrekt

Als jovial und korrekt bezeichnen ihn Bekannte, aber auch als entscheidungsschwach, naiv und zögerlich. Dieses Bild passt zur Aussage Matters, ihm fehle «ganz einfach die Fantasie für die kriminelle Energie» wie sie im mutmasslichen Betrugsfall der Fricktaler ASE Investment AG zutage gekommen sei. Rund 600 ASE-Kunden sollen Gelder in dreistelliger Millionenhöhe verloren haben. ASE-Geschäftsführer M. Sch. sitzt seit April in Untersuchungshaft. Die BKB wirkte für die Kunden der ASE als eine der Depotbanken, betreute also die Konten – aber nicht sorgfältig genug.

Dies hält ein Bericht der von der BKB beauftragten Anwaltskanzlei Bär & Karrer fest. Die Kritik nahm Matter zum Anlass, Ende Jahr in Frühpension zu gehen, da er zu vertrauensselig war. Sein Stellvertreter Guy Lachappelle (51) wird spätestens Anfang 2013 den Chefposten interimistisch übernehmen. Im Mai sah die Situation noch ganz anders aus: Auf Anfrage des «Sonntags» betonte ein BKB-Sprecher, dass der BKB-Bankrat trotz der ASE-Probleme «uneingeschränkt hinter dem Management der Bank» stehe.

Neben der ASE fällt ein zweiter negativer Fall in die Amtszeit von Matter: Als andere Banken keine US-Steuerflüchtlinge mehr annahmen, liess die BKB die Türe offen, sodass die UBS US-Kunden an die BKB «entsorgen» konnte. Seither steht die Basler Staatsbank auf der schwarzen Liste der US-Steuerfahndung. Noch ist ungewiss, ob die USA Anklage erhebt oder eine Busse ausspricht.

Zu wenig Finänzler

Die Probleme der Basler Staatsbank mit der ASE wie die Sache mit den US-Kunden führen Branchenvertreter auch darauf zurück, dass Matter als Bank-Quereinsteiger und Volks- und Betriebswirtschafter für einen Bankenchef zu wenig «Finänzler» sei. Matter betont, er sei «ein Generalist». In über 25 Jahren im Bankbereich habe er sich jedoch «breite Erfahrung» in allen Segmenten angereichert.

Matter hat sein Berufsleben beim Basler Pharmakonzern Roche begonnen, für den er in Nigeria das Marketing leitete. 1985 stieg er in den Bankenbereich ein, wo er für die Schweizerische Bankgesellschaft (SBG) unter anderem für das Retailgeschäft in der Region Basel verantwortlich zeichnete. Nach einem Abstecher zur Baselbieter Kantonalbank (BLKB), wo er das Private Banking leitete, wurde er 2001 Chef der Bank Coop.

Kontroverse geht weiter

Nach dem angekündigten Rücktritt geht die «Kontroverse um die Zürcher BKB-Filiale» («Der Sonntag» im Mai) weiter. Denn sowohl die ASE-Probleme als auch die Geschichte mit den US-Kunden haben ihren Ausgangspunkt in der Zürcher Filiale. Es war der frühere Direktionspräsident Sigg, der im Jahr 1997 den Sprung über die Kantonsgrenze wagte, nach Zürich expandierte und dort eine Filiale etablierte.

Sigg konnte dort von der CS eine Crew von Ex-Volksbankern unter der Leitung von Hans Ringger übernehmen. Es war die risikofreudige Zeit, als die Banker beim Geldverdienen keine Grenzen kannten. Auch im Stockerhof, dem Zürcher BKB-Standort, der den anderen BKB-Angestellten seither als Vorbild für gute Erträge vorgehalten wurde.

Die Zürcher Filiale war seit Siggs Zeiten dem BKB-Direktionspräsidenten direkt unterstellt. Er habe jeden Freitag für die Kontrolle der Filiale einen Tag in Zürich verbracht, sagt Pensionär Sigg. Angesichts der Problemfelder in Zürich ist die Aufsicht durch Siggs Nachfolger Matter wohl weniger effizient gewesen. Die Aufsicht sei auch unter ihm gewährleistet gewesen, betont dieser. Etwas spät hat er die Kontrolle dennoch neu gestaltet: Seit Oktober 2011 ist Dominik Galliker (50), Chef des BKB-Private-Banking, für Zürich verantwortlich.

Neue Lösungen

Wegen des Wechsels in der Verantwortung will SP-Grossrätin und GPK-Präsidentin Dominique König-Lüdin abwarten, ob sich die neue Lösung bewähre. Sie hatte angeregt, die Filiale zu schliessen. Matter verweist darauf, dass Zürich nach umfassenden Massnahmen der letzten Monate heute gut aufgestellt sei. Aufgrund des ASE-Berichts hat die BKB drei Mitarbeiter der Zürcher Niederlassung gekündigt und vier verwarnt. Ein neuer Leiter wurde eingesetzt. Das Treiben soll ein Ende haben. Für König-Lüdin geht es um grundsätzliche Fragen. Wer soll künftig die Oberaufsicht über die BKB (Bankrat, Regierung) haben? Welche Voraussetzungen sollte ein Bankrat haben? Eine Revision des Kantonalbank-Gesetzes wird 2013 dem Grossen Rat vorgelegt und solche Fragen zu beantworten versuchen.

Finanzielle Probleme wird der ausscheidende Matter nicht haben. Er erhält aber keine Abgangsentschädigung, wie Bankrats-Präsident Andreas Albrecht (44) gegenüber dem «Sonntag» bestätigt. Auch bekomme er keine Beträge an die Frühpensionierung. Über einen erfolgsabhängigen Bonus Matters für 2012 werde nach Abschluss des Geschäftsjahres entschieden, er habe dafür aber keinen Rechtsanspruch, sagt Albrecht. Der LDP-Grossrat sieht sich nicht in der Pflicht, auch zurückzutreten: «Der Bankrat hat im ASE-Fall seine Verantwortung wahrgenommen.» Grossverdiener waren sie beide. Albrecht verdiente bei der BKB 2011 229820 Franken, Matter erhielt 821720 Franken vergütet.

Matter freut sich auf den neuen Lebensabschnitt: «Ich bin gespannt auf neue Herausforderungen.» Bestimmt werde er mehr Zeit haben für seine Hobbys wie Segeln, Joggen oder Boule. Dazu will er sich den Wunsch erfüllen, mit einem Sprachaufenthalt endlich Italienisch zu lernen.

Er bedauert die Entwicklung im Fall ASE und der US-Kunden. In einem Interview hat der Bankenchef mit einem chinesischen Sprichwort eloquent über Veränderungen philosophiert: «Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Schutzmauern und die anderen Windmühlen.» Nach diesem weisen Spruch hat Matter wohl zu viel trendigen Wind in der Bankenwelt genutzt, statt die Staatsbank mit Mauern zu schützen. Aus dieser Sicht hat der BKB-Chef zu viele Windmühlen gebaut.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1