Sie gibt das Staunen nicht auf. Wertschätzung zeichnet ihr Schauen aus und eine Wachheit, die auch der gewöhnlichsten Situation charmante Augenblicke abgewinnt. Rut Himmelsbach sympathisiert mit der Lücke zwischen zwei Gläsern auf dem Tisch. Sie verfolgt die Bewegung eines Hundehalters auf der Strasse oder entdeckt in zwei Kondensstreifen am Himmel das Bild für ein unzertrennliches Zwillingspaar. Und weil ihre Fotografie die Dinge nicht nach ihrem materiellen Wert aussucht, kann der Schatten eines Ventilators zur Blume werden oder der geraffte Rand eines Kehrichtsacks.

Wo wir dachten, unser Alltag lasse Poesie vermissen, tritt die Künstlerin den Gegenbeweis an. Das schon lange, und wo immer sie sich aufhält: Venedig, Basel, Guatemala, Köln. Die 1950 in Zug geborene Künstlerin war mit der Kamera unterwegs, als Fotografie noch ausschliesslich analog zirkulierte. Lebhaft erzählt sie von jenem Gestern, in dem sie schweizweit und international zu Ausstellungen eingeladen war.

Lust, Neues auszuprobieren

Sie kam in den frühen 1970er-Jahren nach Basel, als eine Altbauwohnung mit vier Zimmern schlanke 340 Franken kostete und die Krankenkassenprämie keine 40 im Monat. Man lebte bescheiden, assistierte anderen Künstlern im Atelier, verdiente den Lebensunterhalt monatsweise in der Zeitschriftenabteilung der damaligen Ciba. Innerhalb einer jungen Szene testete Rut Himmelsbach die Bedeutung von Bildern jenseits repräsentativer Ansprüche. Von der Fotografie her kommend, entdeckte sie die dreidimensionale Arbeit, schuf Collagen, Objekte, Videoaufzeichnungen. Sie fand Anerkennung und Förderung, auch in der Basler Kunsthalle. «Es war eine schöne Bestätigung, als fotografierende Künstlerin wahrgenommen zu werden. Was aber mein hauptsächlich autodidaktisch erlerntes Schaffen vorangetrieben hat, waren meine Neugier und Lust, Dinge auszuprobieren.» Unverstanden zu sein und dies auszuhalten, gehörte dazu.

Im Kunsthaus Langenthal hat die Künstlerin nun über 40 Jahre eigenen Schaffens zusammengefasst. Solche Rückschau setzt Erinnerungen frei. «Intensiv war’s, und ich merke, wie sehr sich die Welt verändert hat.» Es sei ihr aufgefallen, dass sich bis heute immer wieder Spuren aus dem Elternhaus in ihrer Kunst einfinden. Wollene Röcke, von der Mutter selbst geschneidert, hatten ihr als Kind ein Sonntagsgebaren abverlangt und ein Interesse an Kleidern mitgegeben. «Mode beschäftigt mich – als Idee, nicht als persönlichen Besitz.»

Ideen bleiben ihr Antrieb. «Ich versuche, mit Material und Geist Gedanken zu balancieren.» So in Langenthal: Einen dunkelroten Kaschmirmantel zierte die Künstlerin rücklings mit einer der Wirbelsäule nachempfundenen Reihe goldener Knöpfe. Im augenzwinkernden Übergriff auf die Schweizer Militäruniform scheint ein Zwiespalt auf: «Schutz und Macht» liegen nahe beieinander. Und wenn die Installation einen Ausdruck sucht fürs globale Gefälle zwischen Arm und Reich, geschieht das ohne moralischen Fingerzeig. Eine Schar aus Papier gefalteter Pantoffeln wirkt beiläufig zugeordnet – ein Geschenk der Intuition.

Wieder eine Spaziergängerin

«Eine Arbeit darf nie ganz abgeschlossen sein», sagt Himmelsbach. «Das ‹Nicht-Ganz-Fertige’ ist für mich wie ihr Atem.» Mit ihrem Bekenntnis zum Offenen nimmt Himmelsbach nicht nur das Leichtfüssige ihrer Kunst in Schutz, sondern den Lauf der Dinge schlechthin. Dem Momentanen und Vorübergehenden schenkt sie ihre Aufmerksamkeit. «Manches könnte nach der Ausstellung wieder in einen anderen Zustand zurückfallen.» Und Manches bleibt lange im Stadium der Idee, bis sich die Möglichkeit zu einer Präsentation ergibt. So wären Himmelsbachs bronzene Buddha-Köpfe – die Errungenschaft aus einem Einrichtungshaus – schon für ein architekturbezogenes Werk infrage gekommen. Nun haben sie ihren Auftritt in Langenthal, thronen auf Keramikvasen und tragen durchsichtige Nimben aus Glas.

Und für die Zukunft? Rut Himmelsbach strahlt. «Ich sehe mich wieder als Spaziergängerin.» Wie damals, als kleines Mädchen und wie heute ihr Enkel wolle sie vor allem eines: Schauen. «Es muss nicht viel gemacht werden. Nur schauen und mitnehmen.» Wenn sie das sagt, meint man zu verstehen, dass der Kern ihres Schaffens, der wache Blick, um keine Spur altert.