Unter allen Fadosängerinnen, die seit dem Tod der portugiesischen Ikone Amália Rodrigues von sich reden machten, hat sie sich am meisten vom Genre entfernt: In den Liedern von Cristina Branco haben zeitgenössische Poeten Portugals, Referenzen an Pop, Tango und brasilianische Farben gleichberechtigt Platz. Mit ihrem neuen Album «Menina» gibt sie einer durch und durch weiblichen Perspektive Raum.

Cristina Branco, Sie haben vor 20 Jahren Ihre Karriere als Fadista begonnen, sich dann aber davon entfernt. Ist Ihr neues Werk «Menina» der endgültige Abschied vom Nationalgenre Portugals?

Cristina Branco: Meine neuen Stücke gehen sehr weit weg vom Fado. Es ist richtig, ich habe als Fadosängerin angefangen, aber nicht aus Überzeugung. Denn Amália Rodrigues war mein Vorbild, nicht weil sie Fadista war, sondern weil sie diese einzigartige Stimme hatte. Ich besass damals nicht die Tiefe, die es braucht, um eine Fadosängerin zu sein. Paradox ist, dass ich jetzt, wo ich mich vom Genre entferne, die Lebenserfahrung dafür habe. Ganz gleich, was ich tun werde, der Fado wird mir immer wie ein Schatten folgen, die Leute assoziieren mich damit.

Sie haben die Lebenserfahrung angesprochen. Davon ist auf Ihrem neuen Album eine Menge zu hören– und zwar aus weiblicher Sicht.

Ja, «Menina» handelt ausschliesslich von Frauen, ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer Stärke. Im Portugiesischen können Frauen vom Moment ihrer Geburt bis zu ihrem Tod «Menina» genannt werden. Es ist das kleine Mädchen, die Tante, die eine alte Jungfer geblieben ist, die Witwe, die lange Beziehungsgeschichten hinter sich hat, auch die Prostituierte. «Menina» ist ein Kosewort, um Weiblichkeit zu feiern. Es wird auch verwendet, wenn man das Alter einer Frau nicht einschätzen kann. Als mir neulich ein Postbote ein Päckchen brachte, fragt er mich: «Sind sie Menina Cristina Branco?» Da fühlte ich mich natürlich geschmeichelt.

Welches Team steht hinter diesem neuen Album?

Für die Texte habe ich sehr junge Autoren aus der portugiesischen Indierock-Szene beauftragt, die das neue Portugal verkörpern und unglaublich feinsinnige Antennen für das haben, was um sie herum geschieht, deshalb sind diese Lieder so frisch. Sie sollten über die Voraussetzungen schreiben, was es bedeutet, eine Frau zu sein, aus der Sichtweise junger Leute. Diese neue Generation ist nicht mehr vom Machismo geprägt, sie sind zu Respekt vor Frauen erzogen. In ihren Texten geht es nicht nur um mich: Auch ihre Geliebten, ihre Mütter, ihre Schwestern stecken darin.

Die Besetzung Ihrer Band hat aber nichts mit Indierock zu tun.

Das Trio, das ich seit einigen Jahren habe, besteht aus Musikern, die vom Jazz kommen. Piano, Kontrabass und portugiesische Gitarre ist alles, was ich brauche. Und dann ist da noch ein Keyboard dabei, das für einen kleinen Schuss Kitsch zuständig ist, den mag ich!

Wie würden Sie die Veränderung Ihrer Stimme über die Jahre beschreiben?

Sie hat sich sowohl in natürlicher als auch in beabsichtigter Weise verändert. Früher haben die Leute meine Klarheit geschätzt. Aber jetzt will ich mehr zeigen. Wenn der Text tief geht, dann soll das auch die Stimme tun. Ich strebe jetzt das Maximum des Ausdrucks an, kann mein Instrument so einsetzen, wie ich es immer wollte. Ich muss meiner Stimme nur Flügel geben.

CD:«Menina».Universal.

Konzert: Cristina Branco Group und das Paier/Valcic Duo. Di, 31. 1., 20 Uhr,
Martinskirche Basel.

www.offbeat-concert.ch