Mit ihrem markanten Lidstrich könnte sie direkt den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts entsprungen sein. Ihre mal metallisch glänzenden, mal traditionell-folkloristischen Outfits stechen sofort ins Auge. Gaye Su Akyol gilt als eine der spannendsten jungen Stimmen der türkischen Musikszene – nicht zuletzt, weil sie in ihrem neuen Album brennende politische Themen aufgreift.

Aufgewachsen ist die Sängerin in Istanbul, Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen und Einflüsse. Als Kind hört sie türkische Folklore und Klassik, später entdeckt sie zusammen mit ihrem Bruder Kurt Cobain und anatolischen Rock. Das hört man Akyols eigener Musik an, denn sie wirft das Klischee eines Orient-Okzident-Gegensatzes gekonnt über den Haufen. Mit ihrer Mischung aus traditionellem türkischen Gesang und Indie-, Surfrock- und Psychedeliceinflüssen spielt sich die Sängerin ins Herz des einheimischen Musikuntergrunds und von dort aus um die Welt.

Frauen im Fokus

Am Samstag tritt Akyol in der Kaserne auf. «Eine überzeugende Live-Performance ist ein wichtiges Kriterium dafür, dass wir einen Künstler buchen», sagt Musikleiter Sandro Bernasconi. Und die liefert Gaye Su Akyol definitiv. So tourte sie schon mit ihrem ersten internationalen Album «Hologram Ĭmparatorluğu» (2016) durch Türkei, Europa und den Mittleren und Fernen Osten und machte sich dort mit ihrem kraftvoll-exzentrischen Auftreten einen Namen. Eine solche Performance sei für eine Frau wie Akyol angesichts
ihres kulturpolitischen Hintergrunds keine Selbstverständlichkeit, sagt Bernasconi.

Die Macht der Frau ist in Akyols neuem Album «Istikrarlı Hayal Hakikattir», das übersetzt «Beständige Vorstellung ist Realität» bedeutet, zentral. Akyol selbst war an allen Produktionsschritten als Koproduzentin beteiligt und kümmerte sich als Artdirector um das visuelle Erscheinungsbild des Albums. «Bei meinen vorherigen Alben habe ich das nicht betont. Mittlerweile bin ich jedoch fest davon überzeugt, dass man die Existenz und Stärke der Frau hervorheben muss in dieser von männlicher Machtdarstellung dominierten Welt, wo jeder ausser den Machthabern unsichtbar wird», schreibt sie in ihrer künstlerischen Stellungnahme.

Mit ihrer Musik will die ehemalige Anthropologiestudentin Geschichten «beständigen Träumens» sichtbar machen. Sie hofft, anderen Frauen und Menschen, die ihre eigenen Wünsche verwirklichen und einfordern, als Inspiration zu dienen. Das Resultat: Ein Album, das nur so strotzt von feministischen, revolutionären und idealistischen Vorstellungen.

Der Traum wird Realität

«Unsere Welt wird mit jedem Tag rückwärtsgewandter, die Politik konservativer. Wir müssen eine Gegenrealität erschaffen, um das organisierte Böse und die schreckliche Realität, die ihm entspringt, zu bekämpfen», sagt Akyol. Sie glaube an die Macht der Träume. «Wir empfinden die materielle Welt als Realität und ignorieren dabei die ungeheure Kraft, die in unserer Vorstellung steckt.»

Der einzige Unterschied zwischen Imagination und Realität liege in der Beständigkeit unserer Vorstellung. «Die Träume des Einzelnen sind der Schlüssel, der uns neue Türen öffnet», meint die Künstlerin. Aus diesem Gedanken heraus entspringe auch ihr neues Album. «In ihren poetischen Texten bricht Gaye Su Akyol das Politische auf das Persönliche herunter», schreibt etwa der Deutschlandfunk.

Dank englischer Übersetzungen im Booklet von «Istikrarlı Hayal Hakikattir» kann man auch in ihre bittersüssen Fantasiewelten eintauchen, wenn man kein Türkisch versteht. Das lohnt sich auch, denn mit ihrer Mischung aus nahöstlicher Tradition und urbanem Underground erschafft die Sängerin ihr ganz eigenes Universum. Morgen hören Interessierte in der Kaserne Akyols nicht selten politischen Texte, die auf den rauchigen Punk eines durchzechten Raki-Abends treffen.


   

Gaye Su Akyol und Band Samstag, 16. Februar, 21 Uhr, Kaserne Basel; mehr Infos unter www.kaserne-basel.ch