Vor einem Jahr hat Sandro Lunin die Leitung der Kaserne in Basel übernommen. Der 61-Jährige hat sein weltweites Netzwerk mit nach Basel gebracht. Produktionen mit Künstlerinnen und Künstlern aus Afrika, dem Nahen Osten oder Südamerika prägen das Programm. Lunin ist angetreten, um die Kaserne zu einem international beachteten Hotspot zwischen Berlin und Kapstadt zu machen, und will gleichzeitig die Basler Tanz- und Theaterszene dezidiert fördern. Was hat sich nach einem Jahr erfüllt?

Wie viele Male sind Sie letztes Jahr nach Afrika gereist?

Sandro Lunin: Kein einziges Mal. Ich habe mein erstes Jahr in Basel zu hundert Prozent der Kaserne gewidmet. Ich wollte sehen, wie das Haus funktioniert, wollte nahe bei meinem Team sein, herausfinden, wie wir zusammen arbeiten wollen. Natürlich war ich einige Male in Europa unterwegs, aber nur ein einziges Mal auf einem anderen Kontinent, nämlich in Buenos Aires.

Eine grosse Umstellung. Als ehemaliger Leiter des Theaterspektakels Zürich gehört das Reisen doch zu Ihrer DNA.

Ja, es ist eine grosse Umstellung. Schon der Rhythmus der Kaserne ist ein ganz anderer als der eines Festivals. Ich konnte dieses Jahr vor Ort auch sehr geniessen. Hier gibt es Zeit und Raum, um mit den Künstlerinnen und Künstlern über längere Zeit zusammenzuarbeiten. Das ist toll. Zudem ging es auch darum, zu sehen, wie das Publikum reagiert, wie die Kaserne im Kleinbasel und der Stadt verankert ist, wie sich die Zusammenarbeit mit anderen Playern der Region anlässt. Das ist sehr interessant.

Hat Basel Ihre Erwartungen erfüllt?

Ja, sogar mehr als das! Ich denke, wir hatten eine schöne erste Saison. Viele Projekte sind geglückt, es sind tolle Aufführungen entstanden. Das freut mich sehr. Gerade, weil viele Programmpunkte ja auf einem interkontinentalen Austausch beruhen.

Und wie ist die Saison beim Publikum angekommen?

Gut. Auch die Zahlen stimmen. Es hat sich ausbezahlt, dass wir viel wert auf gute Vermittlung gelegt haben, dass wir versucht haben, für jede Produktion spezifische Zuschauergruppen anzusprechen. Das war ein spannender Prozess, diese Dinge neu aufzugleisen.

Die Produktionen aus anderen Kontinenten sind für ein westliches Publikum nicht einfach zu entschlüsseln. Wie sollen diese Arbeiten für uns richtig lesbar werden?

Grundsätzlich zeigen wir Produktionen, die aus einer zeitgenössischen, urbanen Kultur kommen. Diese hat sehr unterschiedliche Facetten. Natürlich entschlüsseln sich oft nicht alle Codes für uns. Bei vielen eröffnet sich aber ein sehr direkter, emotionaler Zugang. Viel schwieriger zu verstehen wären traditionelle Formen wie das Nō-Theater aus Japan. Da braucht man wirklich einen Schlüssel, um die Stücke zu verstehen. Für die bei uns gezeigten Produktionen versuchen wir über Texte, die wir publizieren oder Links, auf die wir verweisen, dem Publikum den Zugang zu erleichtern, und selbstverständlich übertiteln wir fremdsprachige Stücke.

Es geht bei diesen urbanen Produktionen um Gender, um Postkolonialismus oder Rassismus. Sind dies Themen, die auch Sie selbst umtreiben?

Ja, das sind sie tatsächlich. Es sind Themen, die weltweit brennen, wie etwa die Migration. Sie beschäftigt uns und die Politik täglich. Genauso die Klimapolitik oder die Frage nach globaler Gerechtigkeit, wie sie die Konzernverantwortungsinitiative aufwirft. Die Künstlerinnen und Künstler, die wir zeigen, beschäftigen sich mit diesen Themen, suchen Formen für eine Umsetzung, ohne dabei politische Abziehbilder zu produzieren.

Nun ist Theater aber eine lokale Kunst. Kommen in Ihrem Spielplan schweizerische Themen nicht zu kurz? Es gibt beispielsweise das Bauernsterben oder den Tourismus.

Ich glaube nicht, dass dies zu kurz kommt. Wir setzen sehr stark auf Themen, die auch die Basler betreffen. Beispielsweise Tabea Martins wunderbares Stück für Kinder und Erwachsene zum Thema Sterben. Oder Mats Staubs starke Produktion über Sterben und Geburt, die hier vor Ort produziert wurde, aber dann eben auch in Südafrika oder in Manchester gezeigt wird. Da gilt es immer das Gleichgewicht zwischen Globalem und Lokalem zu halten. Ein gutes Beispiel ist die Produktion des Baslers Christoph Frick, die sich um ein Gefängnis in Bolivien dreht. Die Situation dort hat natürlich mit Bolivien, aber eben auch mit dem Schweizer Drogenkonsum zu tun.

Sie meinen also, es gibt kaum mehr rein lokale Themen?

Man kann viele Themen einfach nicht mehr isolieren. Nehmen Sie den von Ihnen genannten Tourismus. Der ist doch im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung und den Problemen, die Air B&B in Städten verursacht, klar ein globales Thema geworden.

Globalisierte Kunst wird gezielt gefördert. Momentan sehen wir viele Produktionen mit Bezug zu Südamerika. Das liegt doch nur daran, dass die Pro Helvetia dort ein weiteres Verbindungsbüro aufbaut. Die Künstler folgen einfach dem Geld.

Sicher besteht die Gefahr, dass Künstler ihre Ideen entlang gewisser Richtlinien von Stiftungen entwickeln. Aber ich glaube, man sieht es dann auch jedem Projekt an, ob es genuin aus dem Künstler herausgewachsen ist, oder ob ein Thema quasi künstlich aufgesetzt wurde.

Es gibt aber Stimmen in der Theaterszene, die sagen, dass diejenigen Mühe haben, ihre Stücke zu finanzieren, die nicht solchen Fördermodellen von Stiftungen folgen.

Wenn es so wäre, wäre es falsch. Ich finde, dass beispielsweise die Pro Helvetia einen hervorragenden Job macht. Sie ist die einzige Stiftung, welche die Leitung ihrer Auslandbüros mit lokalen Leuten besetzt. Diese prüfen sehr gezielt, ob ein wirkliches, künstlerisch begründetes Interesse vorliegt.

Die hiesige Theater- und Tanzszene hat sich kulturpolitisch zu Wort gemeldet. Es fehle an Geld. Müsste die Kaserne nicht noch mehr Ressourcen in die Szene vor Ort stecken, anstatt in interkontinentale Projekte?

Wir machen sehr viel für die hiesige Szene. Acht Produktionen haben wir dieses Jahr herausgebracht. Das ist ein intensives und dichtes Programm. Wir konnten zudem einen neuen Proberaum eröffnen. Wir investieren viel in den Dialog und sind froh, dass die Szene so stark ist.

Künstlerisch ist sie stark, finanziell aber unterdotiert.

Die Szene kämpft wie überall mit der finanziellen Situation. Es ist immer noch sehr schwierig, in der freien Szene zu überleben.

Es gibt also zu wenig Förderung?

Es ist gut, dass es mittlerweile für zwei Gruppen eine Mehrjahresförderung gibt. Aber der Topf für Produktionen ist zu klein. Das führt dazu, dass die Stücke, notabene meist Uraufführungen, in nur fünf bis sechs Wochen hergestellt werden müssen. Das ist enorm wenig, wenn man gleichzeitig den Anspruch hat, dass die Produktionen im nationalen und internationalen Vergleich bestehen sollen. Gespart wird dann an den Löhnen, was zu prekären Lebenssituationen führt.

In Zürich hat man dieses Problem schon vor ein paar Jahren erkannt. Dort wird in Zukunft massiv mehr in die freie Szene investiert. Gerät Basel da ins Hintertreffen?

Ich hoffe es nicht. Die Basler Szene sucht den Dialog mit Baselland und der Stadt, um hier einen ähnlichen Prozess wie in Zürich im Gang zu bringen. Ich finde aber, dass wir Zürich nicht kopieren sollten, sondern ein eigenes Modell entwickeln müssen, das zu den Bedingungen hier auch passt. Dafür braucht es eine klare Analyse der momentanen Situation. Die Diskussion wird weitergehen.

Nun gibt es in Basel nicht bloss die freie Szene, sondern auch das Stadttheater. Die neue Leitung unter Benedikt von Peter ist eng mit der freien Szene vernetzt. Es werden bereits Gruppen, die bisher in der Kaserne auftraten, abgeworben. Steht man sich da nicht auf den Füssen herum?

Das gab es doch immer, dass Gruppen aus der freien Szene in die Stadttheater gehen. Viele sind auch gleichzeitig dort und in der freien Szene aktiv.

Aber in der Ära Beck war die Trennung klar: hier das innovative Sprechtheater, dort die Formen der freien Szene. Nun wird sich das vermischen. Verlieren da nicht beide Häuser an Profil?

Das wird man diskutieren müssen. Ich freue mich auf die neue Leitung und wir stehen bereits im Dialog. Es wird sicher sinnvoll sein, dass wir unsere Planung etwas abstimmen.

Was sind die wichtigen Baustellen nach dem ersten Jahr in der Kaserne?

Wir wollen noch stärker mit der Musiksparte kooperieren. Auch der Umgang mit dem Thema Diversität wird eine wichtige Rolle spielen. Da sind wir in einem intensiven Prozess. Zudem würden wir den Basler Gruppen gerne mehr beim Verkauf der Produktionen helfen. Im Grunde bräuchte es dafür eine neue Stelle. Zentral wird sicher auch der neue Subventionsvertrag ab 2021.

Braucht die Kaserne auch mehr Geld wie das Theater Basel?

Eine schwierige Frage. Die Kaserne hat bei der letzten Runde eine substanzielle Subventionserhöhung erhalten. Es ist jedem klar, dass dies nicht alle vier Jahre passieren kann. Sicher ist, dass unsere Mieten mit dem Einzug der Büros in den neuen Kopfbau steigen werden. Und es ist auch klar, dass die Löhne in der Kaserne am unteren Limit sind.

Das macht es schwierig, so hervorragende Leute am Haus zu halten. Wichtig ist auch der Prozess, der nun mit dem renovierten Kopfbau ins Rollen kommt. Da geht es darum, wie sich die neuen und alteingesessenen Nutzer auf dem Areal zu einem hoffentlich weiterhin blühenden Kosmos verbinden werden.

Sie sind ein erfahrener Afrika-Reisender. Was tun Sie gegen die Hitze?

(lacht) Ruhig im Schatten sitzen. Sich nicht gegen die Hitze wehren. Sich ergeben und geniessen. Die Kälte kommt schnell genug zurück.