Ein Zufall ist es kaum, dass am Freitag Mitarbeitende der SBB eine Runde über die St. Johanns-Brücke gedreht haben. Genau an dem Tag, an dem die bz über den obdachlosen Mann berichtete, der seit 15 Wochen im Veloständer wohnt und sich dort verhältnismässig wohnlich eingerichtet hat. «Heute morgen standen zwei Herren der SBB hier und teilten mir mit, dass ich bis zum Samstagabend den Platz räumen muss», sagt Daniel*. Ein Zeuge bestätigt der bz den Vorfall.

Sein Veloständer-Zuhause hat Daniel gut eingerichtet.

Sein Veloständer-Zuhause hat Daniel gut eingerichtet.

Eine Begründung, warum er sein temporäres Zuhause verlassen muss, bekam Daniel von den beiden SBB-Mitarbeitenden keine. Er selber vermutet verschiedene Gründe für die Wegweisung, aber vor allem: «Ich stand in der Öffentlichkeit. Jetzt wollen sie mich daraus wieder verscheuchen.» Die Anweisung der SBB-Angestellten beeindruckte Daniel jedoch nicht sonderlich. «Dann habe ich halt ‹Velostand-Friedensbruch› begangen», sagt er und ein schelmisches Lächeln huscht über sein wettergegerbtes Gesicht. Dennoch traf er einige Vorkehrungen für den Fall, dass er gezwungen würde, seinen Veloständer zu verlassen. So versteckte er seine wichtigsten Habseligkeiten «ausserterritorial», wie er sagt. Von sich aus geht er nicht. Er wartet ab, was nach dem Ultimatum passiert.

Die SBB dementieren

Der Veloständer ist in seiner eigentlichen Funktion nicht brauchbar. Ein Geländer sperrt den Zugang vom Fussgängerstreifen komplett ab. Jedes Mal wenn Daniel sein temporäres Zuhause verlässt, muss er sich über das Geländer schwingen. Wird ihm dieser Platz über den Gleisen des Bahnhofs St. Johann genommen, tauche er wortwörtlich ab: in die Kanalisation. Dort würde er versuchen, sich neu einzurichten. «Ich will nur ein Stückchen Erde, wo ich schlafen kann», sagt er kopfschüttelnd. «Dass ich niemandem schade, scheint hierbei keine Rolle zu spielen.»

Interessanterweise wissen auf Nachfrage weder der Kanton noch die SBB etwas vom Ultimatum. Reto Schärli, Mediensprecher der SBB, dementiert die Wegweisung: «Da muss es sich um ein Missverständnis handeln.» Den Mitarbeitenden der SBB sei der Mann seit längerem bekannt. «Aus betrieblicher Sicht ist es kein Problem, dass er dort lebt, solange keine Gegenstände auf die Gleise fallen.»

Allerdings handle es sich um ein gefährliches Zuhause: Unterhalb befinden sich die Fahrleitungen der SNCF, die eine Spannung von 25'000 Volt haben. Wäre es ein Problem, dass der Obdachlose dort wohnt, wäre er schon längst offiziell weggewiesen worden», sagt Schärli. Weil das Gelände oberhalb der Gleise der Stadt gehört, haben die SBB gar keine Befugnis, den Mann wegzuschicken. Allerdings haben die SBB den Veloständer-Bewohner längst der Polizei gemeldet.

Das Community Policing steht bereits seit geraumer Zeit in Kontakt mit dem Mann und bemüht sich gemäss André Frauchiger, Mediensprecher des zuständigen Bau- und Verkehrsdepartementes (BVD), mit Partnerorganisationen, eine Lösung für die Wintermonate zu finden. Gestern betonte das BVD auf erneute Nachfrage, der Mann werde nicht als Problem betrachtet.

Wie es nun weiter geht und ob für den Mann ein festes Zuhause gefunden wird, ist völlig offen. Schenkt man aber dem Kanton und den SBB glauben, darf Daniel weiterhin im Veloständer wohnen – und hat völlig recht, wenn er das Ultimatum der beiden unbekannten Männer in der orangen Weste ignoriert.

*Nachname der Redaktion bekannt