Wer die neue Sonderausstellung im Basler Musikmuseum besucht, der muss sich an die schummrige Atmosphäre gewöhnen. Warum es relativ dunkel ist im Lohnhof? Weil hier Exponate ausgestellt sind, die keinem starken Licht ausgesetzt werden dürfen. Sie könnten sonst Schaden davon tragen. Und das wiederum wäre jammerschade, handelt es sich hier doch um Schätze, wenn auch erst auf den zweiten Blick.

Auf den ersten Blick sieht man hier in erster Linie alte Büchlein, viele mit Notationen, alle in Vitrinen. Anfassen verboten, Anschauen beschränkt. Der tiefere Grund liegt in der Herkunft, handelt es sich doch um Zeitdokumente, die zum Teil weltweit einzigartig sind. «Es sind dies Bücher, die nur überlebt haben, weil sie nie benutzt wurden», sagt Martin Kirnbauer.

Der Forschungsleiter der Schola Cantorum Basiliensis hat mit Studierenden des musikwissenschaftlichen Seminars diese Schätze gehoben, die seit Jahrhunderten unberührt in der Basler Universitätsbibliothek lagern. Sie stammen zum grossen Teil aus der Sammlung Amerbach, deren Bestand im 17. Jahrhundert ihren Weg in die Universitätsbibliothek fand und dank dieses Wissensspeichers erhalten blieb. «Das war das ganz grosse Glück», sagt Kirnbauer.

Archiv der Universitätsbibliothek

Weil sich der Forscher auf eine grosse internationale Konferenz vorbereitete, die Anfang Juli in Basel stattfinden und sich der Renaissance-Musik widmen wird, stieg er ins Archiv der Universitätsbibliothek. Die Sichtung führte zur Idee, die verborgenen Schätze erstmals öffentlich zugänglich zu machen, in Form einer Ausstellung, die sich nicht nur an Fachleute richtet.

Zusammen mit Studierenden haben Kirnbauer und Isabel Münzner, die Kuratorin im Basler Musikmuseum, die Ausstellung konzipiert, deren Bedeutsamkeit sich mitunter erst erschliesst, wenn man sich Zeit nimmt und die Hintergrundinformationen liest. Denn das begleitende Ausstellungsheft wie auch Medienstationen helfen, das Gezeigte einzuordnen, einzutauchen in eine Zeit vor 500 Jahren.

Das erste Handbuch

Da wäre zum Beispiel die «Musica getutscht». Eine Enzyklopädie, die 1511 in Basel gedruckt wurde. Eine Pionierleistung des Basler Priesters und Lehrers Sebastian Virdung. Er hat dieses erste deutschsprachige Handbuch verfasst, gibt darin eine Einführung in das Spiel von Instrumenten wie der Laute oder der Blockflöte.

Wie die meisten Schriften dieser Zeit ist sie im Holzschnittverfahren hergestellt worden. Die Vorlage konnte für maximal 1000 Exemplare verwendet werden, die Mindestauflage lag bei 400 Exemplaren. Darunter lohnte sich der Druck nicht. «Zu Beginn des Buchdrucks waren solche Bücher an sich Kostbarkeiten, Papier war sehr teuer», sagt Isabel Münzner. Entsprechend konnten sich meist nur Wohlhabende solche Liedbüchlein leisten. Angesichts der überschaubaren Auflagen «haben wir das grosse Glück, dass ein Fragment dieser Enzyklopädie noch erhalten ist», erklärt Münzner.

Klingende Noten und Namen

Zu den Sammlern und Schreibern gehörten Basler, deren Namen bis heute nachhallen: Bonifacius Amerbach etwa. Er sass als Druckersohn an der Quelle, erhielt schon mit 15 Jahren sein erstes Liederbuch geschenkt, baute eine Sammlung auf. Auch sein Enkel Ludwig Iselin beschäftigte sich intensiv mit der Musik. Und der spätere Mediziner Felix Platter begann schon mit acht Jahren, Laute zu spielen.

Im 16. Jahrhundert – das wird in der Ausstellung deutlich – boomte die Musik auch, weil das Wissen in Form von Notenbüchlein verbreitet wurde. Felix Platter etwa übersetzte Musiktexte aus dem Französischen ins Deutsche. Man könnte sagen, dass er eine Tradition begründete, die im 20. Jahrhundert mit Chanson-Adaptionen ihren Höhepunkt erreichte.

«Fast alle ausgestellten Musikalien haben einen Basler Gebrauchskontext, und man kann ein Geflecht zwischen den Schreibern und Benutzern herstellen. Und das macht unter anderem neben der schieren Menge die Basler Sammlung so einzigartig», sagt Kirnbauer.

Nach seinem Tod hinterliess Felix Platter, der bei sich zu Hause gerne «Jam Sessions» feierte, wie man heute sagen würde, 40 Instrumente. Das ist überliefert, wie Kuratorin Isabel Münzner erzählt. Allerdings ist keines erhalten. Instrumente waren Gebrauchsgegenstände, da blieb kaum was übrig im Lauf der Jahrhunderte.

Die gezeigten Raritäten, gerade im Buchdruck, sind so einzigartig und kostbar, dass die Universitätsbibliothek klare Bedingungen gestellt hat, was die erstmalige Ausstellung angeht. Um die Abnützung zu vermeiden, müssen die Seiten alle drei Monate umgeblättert werden. Und bei manchen Exponaten handelt es sich um Faksimile, weil die Originale zu stark gefährdet gewesen wären. «Dennoch ist die Aura der Originale, von denen ein Museum lebt, vorhanden», sagt Kirnbauer.

Übrigens: Wie der eine oder andere Gassenhauer der Renaissance klang, das kann man sich auch anhören: Eigens für diese Ausstellung wurden einige Stücke, deren Notation aufliegt, extra für diese Ausstellung neu aufgenommen.

   

Klangbilder «Basler Musikalien des 16. Jahrhunderts». Musikmuseum, Lohnhof Basel. Die Ausstellung läuft noch bis 2. Februar 2020. www.hmb.ch