Basler Pop-Preis
Schammasch prüfen den Aufstand gegen das Angepasste

Die Musik von Schammasch braucht volle Aufmerksamkeit, gleichzeitig kochen liegt nicht drin. Die Metaller sind für den Basler Pop-Preis nominiert.

Noemi Lea Landolt
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Die vier Musiker von Schammasch A.T, B.A.W, C.S.R.und M.A (von links) treten nur unter Pseudonymen auf.

Die vier Musiker von Schammasch A.T, B.A.W, C.S.R.und M.A (von links) treten nur unter Pseudonymen auf.

Juri Junkov

«Viele verbinden Metal immer noch ausschliesslich mit langhaarigen, bärtigen Männern, die betrunken sind, rumschreien und sich daneben benehmen.» Diesen Satz sagt ausgerechnet einer mit langen, blonden Haaren, Kinnbart und schwarzen Kleidern. Einer, der zusammen mit seinen drei langhaarigen, bärtigen Band-Kollegen ein Bier trinkt und versucht, zu erklären, was Schammasch von anderen Metal-Bands unterscheidet. Warum Schammasch nicht Metal am Herzen liegt, sondern das Künstlertum.

Alles, was die Band macht, hat ein Konzept, eine Ästhetik, Hand und Fuss. Dazu gehören auch die Pseudonyme. Keiner der vier Musiker tritt unter dem richtigen Namen auf. Sie nennen sich C.S.R, M.A, A.T und B.A.W «Das ist Teil des Ganzen. Es geht nicht darum, eine Rolle zu spielen», sagt C.S.R, der kreative Kopf der Band. Vielmehr sei sein Pseudonym ein Teil von ihm. Ein Teil jedoch, den er so nur auf der Bühne zeige, etwas, das tiefer gehe als der Alltag.

Fünf Fragen

Schammasch

1. Was verbindet Eure Musik mit Basel?

Basel ist innovativ und dank der Lage am Rhein weltoffen. Das kann man gut auf uns und unsere Musik übertragen. Basel schert auch aus und ist unbequem wie wir.

2. Fühlt es sich anders an, in Basel ein Konzert zu spielen als sonst wo?

Verwandte und lokale Freunde kommen. Daneben fühlt es sich immer gut an, unserer Heimatstadt zu zeigen, was wir zu bieten haben.

3. Was macht Ihr mit dem Preisgeld, falls ihr gewinnt?

Wir würden mit dem Preisgeld in erster Linie Schulden abbezahlen, die bei der Album-Produktion angefallen sind.

4. Wenn Ihr nicht gewinnt, wem von den anderen Nominierten gönnt Ihr es am meisten?

The Lombego Surfers. Sie sind wahrer Rock ’n’ Roll und seit Jahren dabei. Sie hätten die Auszeichnung ebenfalls verdient.

5. Wer uns nicht kennt, sollte dieses Lied hören

«JHWH», weil es unsere vielen Facetten zeigt und eine immense Intensität erzeugt.

Auftritt vor historischer Kulisse

Die Sonne scheint auf die alten Mauern des Theaters von Augusta Raurica. C.S.R hat diesen Ort für das Treffen ausgesucht, weil er zu Schammasch passt. Das römische Theater hebe sich ab von den ewig grauen Fassaden. Genauso wie es ihre Musik tue. Und natürlich würde Schammasch hier gerne einmal auftreten. Denn jedes Konzert werde gleich viel spezieller – für sie und das Publikum – wenn die Location nicht in erster Linie eine Konzert-Location sei. Diese seien nämlich oft sehr lieblos. «An den Wänden im Backstage-Bereich hängen Poster und die Bühnen sehen immer etwa gleich aus.»

Es ist das ewig Gleiche, das Angepasste und Bequeme, gegen das die Band ankämpft. In dieses Schema passt auch die Radio-Musik. Sie fällt weder auf, noch stört sie. Mit fatalen Folgen: «Wer sich einfach berieseln lässt, ist nicht mehr in der Lage, sich Musik zu erarbeiten», sagt C.S.R Sein Bandkollege M.A vergleicht den musikalischen Einheitsbrei aus dem Äther mit McDonald’s-Essen: «Es ist vielleicht sogar fein, aber es steckt nichts dahinter, es hat keine Substanz.»

Wer die Musik von Schammasch verstehen möchte, braucht Zeit. Einfach die Play-Taste drücken und sich von der Musik berieseln lassen, reicht hier nicht. «Am besten setzt man sich hin und liest gleichzeitig die Songtexte mit», sagt C.S.R. Die Texte stammen alle aus seiner Feder. Auch die Melodien dazu hat er komponiert. Zu Hause. Ganz alleine. Es geschieht dann, wenn er Energie dafür hat, mal spontan, mal aus einer Laune heraus. Manchmal schickt er der Band kleine Schnipsel oder fragt nach Feedback. Bis jetzt hat er ihren Geschmack immer getroffen. Zum Glück.

Obwohl C.S.R viel alleine arbeitet, in den Texten und der Musik viel von ihm steckt, betont er, dass Schammasch mehr sei als sein Ego-Trip. «Es ist meine Vision, aber die anderen sind Teil des Ganzen. Ohne sie wäre die Band nicht das, was sie heute ist.» Schammasch ist für ihn auch wesentlich mehr als eine Band. «Es ist eine Familiengeschichte geworden. Es gibt nicht die Band und daneben ein Privatleben. Die Band ist mein Leben.»

Kritiker sind sprachlos

In ihr aktuelles Triple-Album «Triangle» haben die vier Musiker zwei Jahre investiert. 100 Minuten dauert ihr Werk, das sich nicht mehr einfach auf Metal reduzieren lässt. Vor allem der dritte und letzte Teil nicht, der praktisch ohne Gesang auskommt. «Triangle» ist etwas Neues, etwas, das es in der Metal-Szene lange nicht mehr gegeben hat.

Kritikern fehlen die Worte: «Man ist begeistert und hypnotisiert von der Kraft, Klarheit und der Kälte dieses weltabgewandten Trips, aber absolut nicht in der Lage, eine angemessene Plattenbesprechung hinzubiegen.» Vielleicht ist das auch nicht nötig, vielleicht ist die Musik gerade dazu da, sich wieder einmal Zeit zu nehmen und sich auf etwas einzulassen, das auf den ersten Blick ungewohnt ist und aus der Reihe tanzt.

Verdiente Überraschung

Klar ist: Ihr aktuelles Album ist mit ein Grund, weshalb es Schammasch dieses Jahr unter die Nominierten für den Basler Pop-Preis geschafft hat – auch wenn das Wort «Pop» überhaupt nicht zu ihrer Musik passt. «Die Nomination kam schon überraschend», sagt C.S.R. Denn gerade in Basel, in den Augen der Band eine typische Indie-Rock-Studentenstadt, hatte Metal immer einen schwierigen Stand. Trotzdem finden sie, dass die es verdient haben. Die Nomination bedeutet für Schammasch vor allem Anerkennung und ist eine Möglichkeit, zu zeigen, wer sie sind und was sie können.

Ihr neues Album stellen sie im Moment in ganz Europa vor. Einen Monat lang touren sie durch 16 Länder, spielen 30 Konzerte. «Ich kann mich an keine Basler Band erinnern, die wirklich so eine Tour durchzieht wie wir jetzt», sagt B.A.W. Dass ihr Album eine Tour braucht, war den vier aber von Anfang an klar. Sie brauchen Feedback auf ihr Werk, wollen von der Bühne in ein Meer aus Menschen blicken, die «entweder voll abgehen oder aber wie in Trance mit geschlossenen Augen dastehen».

C.S.R wird auf der Tour auch einiges an Schminke brauchen. Es ist sein Ritual, sich vor jedem Auftritt zu schminken. «Ich hasse es irgendwie und geniesse es gleichzeitig.» Es sei eine Verwandlung, die in dieser halben Stunde stattfinde. «Ich brauche diese Zeit, um mich – esoterisch ausgedrückt – in die andere Sphäre hineinzubegeben.» Er habe auf dem ersten Tourkonzert der letzten Tour damit angefangen, weil er auf der Bühne immer etwas vermisst und es sich nie ganz vollständig angefühlt habe. «Es ist mir wichtig, dass das ganze Bühnenbild zum Erlebnis für das Publikum wird.» Die anderen drei sind zwar nicht geschminkt, aber auch sie werden nach den Konzerten oft nicht erkannt, wenn sie sich ins Publikum mischen. Das liegt wohl an den langen Haaren, die sie während des Konzertes so durch die Luft schwingen, sodass man ihre Gesichter nicht sieht.