Vorstadttheater Basel
Schauermärchen zur richtigen Zeit: Die Zuhörer werden von den Geschichten des Autors Michael Köhlmeier eingelullt

Das Vorstadttheater Basel lädt zu einem Theaterwalk in die apokalyptische Märchenwelt des Autors Michael Köhlmeier.

Dominique Spirgi
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Matthias Grupp zieht als Erzähler in seinen Bann.

Matthias Grupp zieht als Erzähler in seinen Bann.

Keystone

«Und wenn sie nicht gestorben sind...» So schliessen normalerweise die Märchen, die wir kennen. Was aber für die Geschichten der Gebrüder Grimm gilt, trifft auf die «Märchen» des österreichischen Geschichtenfinders Michael Köhlmeier nicht zu.

In diesen wird meistens vorher gestorben. Nur in Ausnahmefällen steuern die düsteren Erzählstränge auf ein Happy End zu. Und wenn dies einmal der Fall ist, wirkt es eher verstörend als erlösend nach.

Die Märchen eignen sich wunderbar zum Vorlesen

Das Vorstadttheater hat sich in diesen finsteren Zeiten der düsteren Märchenwelt des begnadeten Erzählers Köhlmeier angenommen: Da ist die Geschichte von Sebastian, der alle seine Sinne hingibt, um wüste Begebenheiten ungeschehen zu machen. Oder die Geschichte der «Wilden», die als Waldwesen aufwächst. Nachdem sie von den Dorfbewohnern umgebracht wurde, rächt sich der Wald gnadenlos. Oder diejenige Erzählung der reichen Bewohner von Bichl, die verhindern möchten, dass die personifizierte Pest, die im armen Ortsteil des Ortes gewütet hat, über Bach zu ihnen gelangt – natürlich vergeblich.

Letztere Geschichte wird auf der Pfalz auf dem Münsterhügel erzählt. Mit Blick über den Rhein auf das Kleinbasel und in einer Umgebung, die dem Erzähler und der Zuhörerschaft einiges an Konzentration abverlangt. Denn die Pfalz ist auch an diesem eisig kalten Samstagabend ein stark bevölkerter Outdoor-Hotspot von jungen Menschen, die aus Gettoblastern lautes Hip-Hop-Hämmern erschallen lassen, sodass man die Lautstärke auf den Funkkopfhörern aufdrehen muss. Und doch passt diese Umgebung mit den vielen Menschen, die sich ohne Masken zusammenrotten, zur Geschichte des «heruntergekommenen Landstreichers» Pest, der seine pandemischen Pfeile abschiesst.

Köhlmeiers kongenial verfasste Märchen eignen sich vorzüglich zum Vorlesen oder Erzählen. Sie sind gemacht dafür, um einer gebannt lauschenden Zuhörerschaft in der Stube vor dem Kaminfeuer ein Schaudern zu vermitteln. Das Vorstadttheater gönnt seinem Publikum diese Umgebung nicht. Der Schauspieler Matthias Grupp bittet als eine etwas unheimlich wirkende, aus der Zeit gefallene Figur mit wehendem Mantel zum Spaziergang. Dieser führt vom Theaterhof an der St.Alban-Vorstadt durch die Rittergasse in den Kreuzgang des Münsters, wo der Musiker Florian Grupp auf ihn wartet. Und er endet schliesslich auf der Pfalz.

Die Zuhörer werden von den Geschichten eingelullt

Matthias Grupp offenbart sich als ebenso begnadeter Erzähler, wie das der Autor der Märchen ist. Er ist ein charmant eloquenter Verführer, der die Zuhörerschaft tief in die unheimlichen Parallelwelten hineinzieht, sodass man richtiggehend eingelullt wird. Er bricht in Tänze aus und stimmt zu den Synthesizer- und Orgelklängen von Florian Grupp passende Lieder an.

Die von Gina Durler inszenierte neue Hausproduktion vermittelt ein literarisches Theatererlebnis. Dass dieses just an der Schwelle zum Basler Minilockdown Premiere hatte, ist ein bitterer Zufall. Das Vorstadttheater bricht jedoch nicht ab. Denn diese Form des Erzählspaziergangs an der frischen Luft funktioniert auch mit 15 Zuhörern pro Abend – auch wenn mehr verdient wären.

Hinweis

«Die Märchen von Michael Köhlmeier» sind noch bis zum 5. Dezember im Vorstadttheater Basel zu sehen.