Seit drei Wochen läuft das Pfyfferli, die Vorfasnachtsveranstaltung im Fauteuil. Sind Sie zufrieden, wie das Spektakel beim Publikum ankommt, Herr Richner?

Peter Richner: Auf jeden Fall. Für die Zuschauer läuft es fabelhaft, die Vorstellungen sind ja jedes Jahr vor der Premiere beinahe ausverkauft. Und das Programm kommt gut an. Allerdings merke ich, dass mir die revueartigen Vorstellungen langsam ein bisschen Mühe machen.

Was meinen Sie damit?

Speziell am Pfyfferli ist, dass immer viel gesungen und getanzt wird. Ich bin jetzt 71 Jahre alt. Das Tempo macht mir langsam zu schaffen. Es herrscht auch hinter der Bühne immer viel Hektik. Zum Beispiel werden wir in zwei bis drei Minuten umgeschminkt. Früher habe ich da spielend mitgehalten, ich habe es geliebt, in Musicals mitzuspielen. Aber vielleicht ist es auch nur eine Phase. Ich mache nämlich wahnsinnig gerne beim Pfyfferli mit.

Haben Sie wegen dieser Bedenken mal daran gedacht, auszusteigen?

Nein, gar nicht. Solange mein Hirn mitmacht, möchte ich im Ensemble bleiben. Und die anderen Schauspieler nehmen weitgehend Rücksicht mit der Rollenvergabe.

Welche Figuren werden Ihnen zugeteilt und welche Rollen spielen Sie am liebsten?

Den vornehmen, eleganten Gentleman. Nur sind diese Figuren nicht mehr so gefragt, ausser in Schwänken. Heute werden meist coole Typen gesucht. Ich bin aber nicht nur auf Gentlemen-Rollen aus. Das wäre nicht gut. Ich spiele auch gerne schräge Charakteren. Ich habe keine Präferenzen. Wichtig ist, dass man sich mit den Kollegen im Ensemble versteht.

Das tun Sie offenbar mit den Schauspielern im Fauteuil.

Ja, ich spiele mit einigen schon lange zusammen. Vor x Jahren stand ich mit Colette Greder im gestiefelten Kater auf der Fauteuil-Bühne.

Sie feiern dieses Jahr 50-Jahr-Bühnenjubiläum. Seit 10 Jahren spielen Sie im Pfyfferli. Was fasziniert Sie an der Vorfasnachtsveranstaltung?

Ich bin grundsätzlich vom Bühnen-Schauspiel begeistert. Es geht mir beim Pfyfferli nicht um die Fasnacht. Seit ich klein bin, habe ich nichts anderes im Kopf als Theater spielen.

Sie machen also am Pfyfferli nicht mit, weil Sie ein Fasnachtsfan sind.

Nein. Ich gehe zwar schon gerne an den Cortège. Mir gefällt dort die Umsetzung politischer Diskussionen anhand von Sujets und Kostümen.

Wie entstand Ihre Liebe zur Bühne?

Mit sieben Jahren besuchte ich zum ersten Mal mit meinen Eltern im alten Stadttheater eine Märli-Aufführung. Seit damals hat mich die Theateratmosphäre nie losgelassen. Irgendwann wurde Schauspieler zu meinem innigen Berufswunsch.

Sie haben sich aber nicht nur einen Namen als Schauspieler gemacht. Man kennt Sie unter anderem als früheren «Tagesschau»-Sprecher beim Schweizer Fernsehen.

Ja, mein Vater war der Meinung, ich solle zuerst einen Brötli-Beruf lernen. Dies für den Fall, dass die Sache mit dem Theater schief geht. Ich habe also eine kaufmännische Lehre und daneben eine private Schauspielausbildung gemacht. Was mir zugute kam und kommt, sind meine gute Sprache und Stimme. So kam ich als Sprecher im Radio und Fernsehen gut an. Irgendwann allerdings wurde mir dies zum Vorwurf gemacht. Wenn ich heute Fernsehen schaue, vermisse ich mich manchmal (lacht).

Warum denn?

Heute sollen die Leute hinter dem Mikrofon reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Bei der «Tagesschau» wollte man mich als Sprecher nicht mehr, weil ich kein Journalist bin. Wir alle damals waren keine Journalisten. Heute schreiben die Moderatoren alles selber, was sie vor der Kamera vortragen.

Ihre Mutter ist Deutsche, Ihr Vater Aargauer. Sie aber pflegen das perfekte Baseldeutsch. Haben Sie sich den Dialekt selber beigebracht?

Mein korrektes Baseldeutsch ist mein Markenzeichen. Zu Hause hat mich meine Mutter unter ihre Fittiche genommen und mich korrigiert, wenn ich auf Hochdeutsch etwas falsch gesagt habe. Aber ich habe das Glück eines guten Gehörs für Sprachmelodie. Ich habe Baseldeutsch gehört und konnte mir dieses aneignen.

Sie stehen auf der Bühne im Rampenlicht. Stehen Sie gerne im Mittelpunkt?

Nein, gar nicht. Ich lebe lieber zurückgezogen. Deswegen spiele ich in keiner Fasnachtsclique und gehöre keinem Verein an. Deswegen habe ich wohl auch keinen Computer und benutze mein Handy sehr selten. Wenn ich aber auf der Bühne stehe, bin ich jemand anderes. Es ist nicht dasselbe.

Haben Sie ein Ziel in Sachen Schauspiel, das Sie eines Tages noch erreichen möchten?

Ich hatte einst den Wunsch, in einem renommierten Haus in Deutschland mit renommierten Schauspielern aufzutreten. Ich hätte gerne einmal eine Rolle in einem Stück von Bertolt Brecht oder Friedrich Dürrenmatt gespielt. Ich hätte mir gerne einen Namen im deutschen Raum gemacht. Aber dieser Wunsch bleibt wohl unerfüllt.

Sie haben in Deutschland vorgesprochen?

Ja. Aber für Brecht und Dürrenmatt sah ich immer zu jung aus. Ich habe mit 50 Jahren noch junge Liebhaber verkörpert. Niemand konnte mich gebrauchen für die Rollen älterer Männer. Zudem ist es bei der Rollenverteilung wichtig, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Das ist sogar wichtiger als die schauspielerische Qualität. Das ärgert mich manchmal an meinem Beruf.