Frau Reize, worüber reden wir heute?

Dorothée Reize: Über das Versagen. Da erschrecke ich zuerst, aber es ist zweifellos ein interessanter Begriff, gerade in meiner augenblicklichen Situation.

Sie sprechen die Hauptrolle in Ihrer aktuellen Produktion an, dem «Ranft-Ruf», in dem sie Dorothea, die Gattin von Niklaus von Flüe, spielen.

Ja, gewisse Frauen im Publikum haben doch recht überraschend auf meine Interpretation reagiert. Da frage ich mich, ob ich in dieser Rolle versagt habe.

Mit «überraschend» meinen Sie wohl «kritisch» bis «ablehnend»?

Es sind vor allem emanzipierte Frauen, die finden, dass ich die Dorothea viel zu lieb und zu verständnisvoll gespielt habe. Schliesslich wird sie von ihrem Mann sitzen gelassen und darf den Schlamassel zu Hause mit den Kindern alleine ausbaden. Da hätten sie sich stärkere Reaktionen von Dorothea gewünscht. Das Textbuch gibt das aber nicht her. Ich finde es richtig so.

Wie viel von Ihnen selber steckt in dieser Interpretation?

Ich glaube, ich würde auch privat so reagieren. Diese Rolle entspricht mir recht gut. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ich manchmal zu lieb bin.

Das sind jetzt Ihre persönlichen Zweifel, weil Sie von sich selber sagen, dass Sie auf das Negative stets stärker reagieren als auf das Positive. Haben Sie aber auch schon in einer Rolle tatsächlich, nachweislich versagt?

Wenn ich zurückdenke, fallen mir einige Rollen ein, in denen ich versagt habe. Da ist sie wieder, diese übertrieben selbstkritische Einstellung! In meinem zweiten Anfängerjahr an der Landesbühne Hannover schrieb ein Kritiker über Brechts «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny», alle Schauspieler darin seien gut gewesen – alle ausser der Reize. Das hat mich natürlich getroffen. Gott sei Dank stand in der anderen Zeitung genau das Gegenteil.

Lösen Theaterkritiker in Ihnen Versagensängste aus? Mit Ihrer Routine sollten Sie doch darüber hinweg sein.

Eben nicht, leider kann ich diesbezüglich keine Routine entwickeln. Ich bin aber nicht mehr so ungezielt ängstlich vor einem Auftritt wie früher. Ein Coach hat mir einmal erklärt, dass Angst bloss das Ausweichen vor der Arbeit bedeute. Das hat mich geprägt. Also muss man solange an etwas arbeiten, bis die Angst verschwindet. Dann bleibt nur noch die gute Grundspannung übrig.

Wann hatten Sie das Gefühl, mit Ihrer Berufswahl insgesamt versagt, Ihre Schauspiel-Karriere in den Sand gesetzt zu haben?

Solche Momente gab es. Als 2001 die RTL-Serie «Dr. Stefan Frank» auslief, in der ich in über 90 Folgen die Dr. Ruth Waldner spielte, war meine Agenda plötzlich leer. Da kam es über mich: Ich habe den falschen Beruf gewählt, den falschen Mann und so weiter. Die «mittelalterlichen» Männer in meinem Beruf haben eben bessere Aussichten auf Rollen als Frauen im gleichen Alter. Daraus entwickelte sich eine ganz klassische Midlife-Crisis.

Die Sie wie gelöst haben?

Ich hatte Glück, dass sich kurze Zeit später bereits wieder neue Möglichkeiten auftaten. Mit Lesungen, eigenen literarisch-musikalischen Programmen und dem Unterrichten. Dieses zweite Standbein ist so stark geworden, dass ich inzwischen ganz gut ohne die Schauspielerei auskommen könnte.

Ohne das Gefühl, unter dem Strich versagt zu haben, da die ganz grosse Karriere ausgeblieben ist?

Natürlich hatte ich als Schauspielschülerin Träume. Ich wollte an die grossen Bühnen, nach Hamburg, München, Berlin. Doch dafür war ich nicht gut genug.

Warum nicht?

Ich habe mich oft mit den «grossen» Schauspielerinnen ausgetauscht. Da habe ich gemerkt, wie viel diese von sich preisgeben, wie viel sie in ihre Karriere investieren mussten. Das konnte ich nicht. Schon meine Schauspiellehrerin stellte fest, dass ich recht ausgeglichen sei, was fürs Schauspiel nicht unbedingt ein Vorteil ist.

Sprechen Sie hiermit auch das brennende «#Me too»-Thema an?

Nein, ich kenne keine Kollegin, die sich hochschlafen musste.

Wie überlebt man finanziell als Schauspielerin, die nicht laufend Top-Rollen angeboten erhält?

Grundsätzlich ist die Angst vor dem finanziellen Versagen in meiner Branche allgegenwärtig. Bei mir war es aber stets etwas weniger akut. Meine Eltern führten die «Alte Bayerische Bierhalle» am Barfüsserplatz. Ich wusste, dass ich nicht durch das familiäre Netz fallen würde, sollte ich nicht als Schauspielerin reüssieren. Darum hatte ich nie Angst, nur vom Arbeitslosengeld leben zu müssen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Gage erinnern?

Natürlich! Das war 1978. Für meine Festanstellung in Hannover bekam ich monatlich 1200 D-Mark, abzüglich Steuern.

Und wie viel erhielten Sie zum Beispiel für Ihren Auftritt in der dritten Staffel vom «Bestatter» von SRF?

Oh, das darf ich, glaube ich, jetzt nicht sagen. Nur so viel: TV-Produktionen sind viel lukrativer als das Theater. Für einen Drehtag am «Bestatter» erhielt ich dreimal mehr als für eine Aufführung des «Ranft-Rufs», und da kam erst noch eine längere unbezahlte Probenzeit dazu. TV-Drehs sind auch darum so lukrativ, weil man pro Drehtag bezahlt wird, selbst wenn man nur eine Stunde vor der Kamera steht.

Der «Ranft-Ruf» ist soeben ausgelaufen. Ich welcher Rolle wird man Sie noch sehen?

Das weiss ich noch nicht. Seit ich so viel selbstständig entscheiden kann, fällt es mir je länger je schwerer, mich in einer Produktion wie dem «Ranft-Ruf» unterzuordnen. Mit dem, wie es jetzt läuft, bin ich sehr zufrieden.