Schiblis Kopfsalat
Boxershorts mit Folgen

Eine Geschäftsbeziehung, die immer intensivere Züge annahm, obwohl sie schon lange nicht mehr auf Gegenseitigkeit beruhte.

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Eigentlich wollte er nur die bestellten Boxershorts und T-Shirts. Dabei blieb es aber nicht.

Eigentlich wollte er nur die bestellten Boxershorts und T-Shirts. Dabei blieb es aber nicht.

Henry Schmitt - Fotolia

Sehr geehrter Herr Lamprecht, wir kennen uns nun schon eine ganze Weile. Das heisst, eigentlich kennen wir uns nicht, denn wir sind uns nie begegnet, aber wir sind im Frühjahr in eine Geschäftsbeziehung getreten, die immer intensivere Züge annahm und die ich hiermit beenden möchte.

Eigentlich wollte ich Ihnen ja nicht zu nahe treten, als ich vor einem Vierteljahr im Internet eine Bestellung bei Ihrem Versandhandel aufgab. Der moderne Mensch, dachte ich mir, lässt sich beliefern, nur Hinterwäldler gehen noch in die Stadt und suchen ein Kleidergeschäft auf. Sie kamen spät, aber sie kamen, die sechs Boxershorts und fünf T-Shirts, die ich bei Ihnen zu einem günstigen Preis bestellt hatte. Ich habe sie prompt bezahlt und anprobiert. Die Grösse stimmt, die Qualität auch, sie haben auch schon den ersten Waschvorgang ohne Farbverlust überlebt.

Dass Sie, Herr Lamprecht, mir in das Paket mit den Shorts auch noch einen Feldstecher dazugelegt haben, nahm ich mit Dankbarkeit, aber auch einem gewissen Unverständnis zur Kenntnis, benötige ich doch einen solchen Schlafzimmergucker nicht wirklich. Im Unterschied zu den Boxershorts und den T-Shirts. Aber Sie sind halt ein netter Mensch, dachte ich mir, und gegen ein spontanes Geschenk kann man ja nichts einwenden.

Dass Sie mir wenig später ein «wertvolles Ehren-Gratis-Geschenk im Wert von sogar CHF 169.–» in Aussicht stellten, störte zwar mein sprachliches Empfinden, sollten doch Geschenke von Natur aus immer gratis sein, war mir aber noch nicht sehr unangenehm. Gerne verzichtete ich – sogar! – auf die kostenlose Armbanduhr der «Luxus-Marke Pareor», da ich von früheren Bestellungen bei einer anderen Versandfirma schon zwei solcher Zeitmesser in der Schublade habe und nicht weiss, wie ich die hässlichen und ausserdem nicht funktionierenden Dinger loswerden kann, ohne der Umwelt zu schaden.

Ich legte die nächsten Prospekte, die Sie, Herr Lamprecht, mir für meine «einzigartige Kundentreue» mitsamt dem «persönlichen Glückslos» und dem «wertvollen Ehren-Siegel» zugestellt hatten, auf den Stapel mit Altpapier und ignorierte auch Ihre diversen Erinnerungen an unsere angeblich so intensive Geschäftsbeziehung sowie Ihre eindringliche Bitte, die Qualität der gelieferten Waren zu bewerten. Nicht einmal Ihr «exklusives Feiertags-Bonus-Geschenk», das Sie beziehungsweise Ihre nimmermüden Heinzelmännchen eigens für mich zu Christi Himmelfahrt reserviert haben, vermochte mich zu weiterer Kontaktaufnahme zu motivieren. Dass Sie mich dann noch als «Schnäppchenjäger» bezeichneten, empfand ich als unfreundlich.

Daher möchte ich Ihnen auf diesem Wege mitteilen:

«Die Boxershorts und die T-Shirts sind okay, der Feldstecher verstaubt ungenutzt in der Schublade neben den stehen gebliebenen und auf Entsorgung wartenden Uhren, und die ganze Dauerbombardierung mit angeblichen Superangeboten geht mir allmählich an den Boxershorts vorbei.»

In Zukunft kaufe ich Kleider wieder im Laden. Auch wenn mir dieser keine Extra-Gratis-Ehren-Bonus-Feiertags-Geschenke verspricht.

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